Titelbild: Island_2017_dram
Der Fall Guðmundur und Geirfinnur gilt bis heute als der spektakulärste Kriminalfall und zugleich als größter Justizskandal in der Geschichte Islands.
Er begann 1974 mit dem ungeklärten Verschwinden zweier Männer und endete erst 44 Jahre später mit der Aufhebung der Schuldsprüche gegen fünf Männer, die auf der Grundlage erzwungener Geständnisse verurteilt worden waren – obwohl es weder Leichen noch Zeugen noch forensische Beweise gab.
In der Nacht zum 26. Januar 1974 machte sich der 18-jährige Arbeiter Guðmundur Einarsson nach einem geselligen Abend in Hafnarfjörður angetrunken und trotz schlechten Wetters zu Fuß auf den rund zehn Kilometer langen Heimweg. Er wurde zuletzt von einem Autofahrer gesehen, nachdem er beinahe vor dessen Fahrzeug gestürzt war. Zehn Monate später, am 19. November 1974, erhielt der 32-jährige Bauarbeiter Geirfinnur Einarsson zu Hause einen Anruf und fuhr daraufhin zum Hafencafé in Keflavík. Dort fand man später sein Auto mit steckenden Schlüsseln, er selbst blieb verschwunden. Die beiden Männer waren trotz des gleichen Patronyms Einarsson weder verwandt noch kannten sie sich. Island zählte damals nur etwa 200.000 Einwohner, die Kriminalitätsrate war niedrig und Tötungsdelikte die absolute Ausnahme. Das doppelte Verschwinden löste eine bislang unbekannte öffentliche Aufregung aus, verstärkt durch die angespannte Stimmung während des dritten Kabeljaukriegs. Obwohl Menschen in Island immer wieder in Schneestürmen spurlos verschwinden, geriet die Polizei unter massiven Druck, die Fälle als Morde aufzuklären.
Der entscheidende Impuls kam im Dezember 1975, als die 20-jährige Erla Bolladóttir wegen Unterschlagung festgenommen wurde. Sie gestand die Tat gemeinsam mit ihrem Freund Sævar Ciesielski, mit dem sie eine kleine Tochter hatte. Im Verlauf der Verhöre zeigte man ihr ein Foto von Guðmundur. Erla, noch geschwächt von der Geburt und unter Druck, ihre Freilassung zu erreichen, berichtete von einem Traum, in dem sie männliche Stimmen unter ihrem Fenster gehört hatte. Die Beamten überzeugten sie davon, dass es sich nicht um einen Traum, sondern um Realität gehandelt habe. Aus dieser Aussage entwickelte sich eine Kette von Beschuldigungen gegen eine Clique junger Außenseiter – Männer mit langen Haaren, die Rockmusik hörten und Drogen nahmen und damit in der konservativen isländischen Gesellschaft der 1970er-Jahre als verdächtig galten. Sævar Ciesielski war zudem polnischer Herkunft, was seine Stellung zusätzlich belastete. Schließlich wurden Sævar Marinó Ciesielski, Tryggvi Rúnar Leifsson, Kristján Viðar Viðarsson, Albert Klahn Skaftason und Guðjón Skarphéðinsson festgenommen.
Die Verhöre verliefen unter Bedingungen, die heute als folterähnlich gelten. Die Verdächtigen wurden monatelang, in einem Fall sogar 655 Tage, in Einzelhaft gehalten, schlaflose Nächte erlebt und mit Medikamenten wie Nitrazepam, Diazepam und Chlorpromazin behandelt. Sævar, der unter Aquaphobie litt, wurde mit simuliertem Ertränken gequält. Der Kontakt zu Anwälten war extrem eingeschränkt, Erla berichtete später von sexueller Belästigung durch Beamte und Wärter. Unter diesem Druck legten die Beschuldigten Geständnisse ab, die sie immer wieder zurückzogen oder in neuen Versionen vorbrachten. Später sagten sie aus, sie hätten schließlich unterschrieben, um der Einzelhaft und den endlosen Verhören zu entkommen – obwohl sie sich an die angeblichen Taten nicht erinnern konnten. Der isländische Psychiater Gísli Guðjónsson, der später auch an der Neubewertung der Geständnisse in den Fällen der Birmingham Six und Guildford Four beteiligt war, prägte für dieses Phänomen den Begriff des Memory Distrust Syndrome: Durch Isolation und Schlafentzug verlieren die Betroffenen das Vertrauen in ihre eigenen Erinnerungen und beginnen, der Version der Vernehmer mehr zu glauben als sich selbst.
Ab Juli 1976 übernahm der frisch pensionierte deutsche BKA-Beamte Karl Schütz die Leitung der Ermittlungen.
Der als „Kommissar Kugelblitz“ bekannte Schütz, der zuvor unter anderem in der Spiegel-Affäre, bei den Lebach-Morden und gegen die Rote Armee Fraktion ermittelt hatte, war über BKA-Präsident Horst Herold und den isländischen Botschafter vermittelt worden. Der politische Hintergrund war delikat: Während des Kabeljaukriegs befürchtete man, Island könne aus der NATO austreten und die strategisch wichtigen Basen schließen. Die isländische Regierung wollte die Mordermittlungen möglichst schnell abschließen. Schütz setzte weiterhin auf Geständnisse, schickte Kleidung, Teppichreste und Blutproben an ein BKA-Labor, das jedoch keine Übereinstimmungen fand, und erklärte im Februar 1977 die Fälle für gelöst. Justizminister Ólafur Jóhannesson verkündete, die Nation sei „von einem Albtraum befreit“. Schütz, Herold und der Staatssekretär Siegfried Fröhlich erhielten hohe isländische Orden.
Im Dezember 1976 und März 1977 folgten die Verurteilungen: Sævar erhielt 17 Jahre, Kristján 16 Jahre, Tryggvi 13 Jahre und Guðjón 10 Jahre. Albert bekam zwölf Monate wegen Beihilfe zum Verstecken der Leiche. Erla wurde wegen Meineids zu drei Jahren verurteilt, weil sie unter anderem ihren Halbbruder belastet hatte. Der Oberste Gerichtshof bestätigte die Urteile 1980, reduzierte die Haftstrafen jedoch teilweise. In den Medien wurde Sævar als isländischer Charles Manson dargestellt.
Zweifel an den Urteilen wuchsen über die Jahre. 1998 kritisierte Ministerpräsident Davíð Oddsson die Ermittlungen öffentlich scharf und sprach von vielen Justizirrtümern. Nach dem Tod von Sævar Ciesielski 2011 in Kopenhagen – er war nach der Haftentlassung 1984 jahrelang obdachlos und alkoholabhängig gewesen – und Recherchen der Journalistin Helga Arnardóttir setzte der Innenminister 2011 eine Untersuchungskommission ein. Ihr 500-seitiger Bericht von 2013 kam zu dem Schluss, dass die Geständnisse unzuverlässig oder falsch gewesen seien und niemals als Grundlage für eine Verurteilung hätten dienen dürfen.
Am 27. September 2018 hob der Oberste Gerichtshof die Schuldsprüche gegen die fünf Männer auf. Die isländische Regierung entschuldigte sich offiziell.
2020 zahlte der Staat rund 815 Millionen Isländische Kronen (etwa sechs Millionen Euro) an die Freigesprochenen oder ihre Familien. Erla erhielt 2022 zusätzlich rund 210.000 Euro wegen ihrer langen Einzelhaft sowie eine formelle Entschuldigung. Die deutsche Regierung lehnte Entschädigungsforderungen wegen der BKA-Beteiligung ab, da Schütz als Privatperson tätig gewesen sei.
Die Leichen von Guðmundur und Geirfinnur wurden nie gefunden, und die Verschwinden sind bis heute ungeklärt. Der Fall hat das isländische Justizsystem nachhaltig geprägt und gilt international als Lehrstück darüber, wie öffentlicher Druck, fehlende Beweise und aggressive Verhörmethoden zu massiven Justizirrtümern führen können. Dokumentarfilme wie „Out of Thin Air“ und Bücher haben die Geschichte einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.
