Titelbild: Procida, Ischia, rm, 1987, kasaan media, 2026
Als dieses Bild entstand, war Italien ein Land in Bewegung. Im Frühjahr 1987 zerbrach die Regierung Craxi, die über Jahre erstaunlich stabil gewesen war, und Staatspräsident Cossiga löste das Parlament auf. Im Juni wurde neu gewählt. Cossiga beauftragte am 13. Juli den erst 44-jährigen Giovanni Goria mit der Regierungsbildung, der damit der jüngste Regierungschef war, der den Palazzo Chigi bis dahin gesehen hatte. Wirtschaftlich fühlte sich das Land stark: Man sprach vom „sorpasso“, dem Überholen der britischen Wirtschaftsleistung.
Doch 1987 war auch ein Jahr der Mahnungen. Im Sommer ertranken in der Valtellina ganze Täler in Schlamm und Geröll, 53 Menschen starben und 1.500 verloren ihr Zuhause. Im Parlament saßen erstmals Abgeordnete der Lega, die später das politische Gefüge des Landes verändern sollte. Und im November stimmten die Italiener in fünf Volksabstimmungen ab, drei davon betrafen die Atomenergie nach der Katastrophe von Tschernobyl. Das Ergebnis besiegelte das Ende der Kernkraft in Italien, das Kraftwerk Latina ging noch im Dezember vom Netz.
Für den Süden aber, für Neapel und seine Inseln, war 1987 vor allem das Jahr, in dem sich ein Traum erfüllte. Am 10. Mai 1987 reichte dem SSC Napoli im San-Paolo-Stadion ein 1:1 gegen Florenz, um zum ersten Mal in seiner Geschichte Meister zu werden. Nach 61 Jahren war der erste Scudetto da. Diego Maradona, kurz zuvor mit Argentinien Weltmeister, wurde in der Stadt zum Heiligen erhoben. Die Feiern dauerten Wochen und wurden zum Symbol eines Südens, der es dem reichen Norden endlich gezeigt hatte. Auf Procida und Ischia, nur eine kurze Fährfahrt von Neapel entfernt, wird man das Ergebnis am Radio verfolgt haben wie überall im Golf.
Procida selbst trug 1987 noch eine schwere Last. Hoch über dem Hafen auf der Terra Murata stand der Palazzo d’Avalos, der von 1830 bis 1988 als Gefängnis diente. Die Insel lebte also noch im Schatten dieser Mauern, während unten in der Corricella die Fischer ihre Boote festmachten. Die Häuser dort sind im 17. Jahrhundert ohne Plan gewachsen, so dicht, dass sie ineinander überzugehen scheinen. Dass die Insel Jahre später zum Filmschauplatz und zum Sehnsuchtsort wurde, ahnte damals kaum jemand.
