Titelbild: Lille Bahnhof TGV, kasaan media, 2026
Frankreich liebt es, sich selbst als Land der großen Gesten zu inszenieren, doch der Herbst 2026 hält vor allem unspektakuläre Zahlen bereit. Die Wirtschaftsleistung ist im dritten Quartal um 0,1 Prozent geschrumpft, die Konsumausgaben der Haushalte sind im September um 0,5 Prozent gesunken. Das sind keine Katastrophenwerte, aber sie passen zu einem Land, das seit Monaten spürt, dass es sich weniger leisten kann. Die Regierung hat einen Sparkurs eingeschlagen, und wer an der Tankstelle steht, merkt, dass die Spritpreise weiterhin hoch sind, während der Ölkonzern TotalEnergies Rekordgewinne meldet. Viele Autofahrer verschieben ihren Tankstopp inzwischen, bis der Preis wieder ein Stück gefallen ist.
Die Kraftstoffverkäufe sind im Oktober deutlich zurückgegangen.
Dass Frankreich dabei im europäischen Vergleich keineswegs genügsam ist, zeigt ein anderer Befund: Die Abgabenlast ist im Jahr 2025 um fast 50 Milliarden Euro gestiegen, womit das Land seinen Platz an der Spitze der europäischen Steuerstatistik zurückerobert hat. Der Staat nimmt viel und gibt viel aus, und trotzdem reicht es nicht. Diese Spannung durchzieht die französische Innenpolitik seit Jahren, von den Protesten gegen die Haushaltspläne des Vorjahres bis zu den Regierungskrisen, die zuletzt fast zum Normalzustand geworden sind.
In den Dörfern und auf dem Land wiederum geht es um eine ganz andere Zukunftsfrage.
Jeder zweite Landwirt wird bis 2030 in den Ruhestand gehen, und niemand weiß, wer die Höfe übernehmen soll. Die Regierung will mit dem sogenannten Pacte Genevard gegensteuern. Ein Freibetrag von einer Million Euro auf Veräußerungsgewinne und eine auf 0,1 Prozent gesenkte Grunderwerbsteuer bei bestimmten Landkäufen sollen die Weitergabe von Betrieben erleichtern. Ob das reicht, um eine Generation zu halten, die sich zwischen Bürokratie, Klimastress und Preisdruck zerrieben fühlt, bleibt offen.
Unruhiger wird es in den Städten. Innenminister Laurent Nuñez hat davor gewarnt, dass das Risiko städtischer Gewalt für den kommenden Samstag, den 31. Oktober, sehr hoch sei. Die Polizei will mit einem eigenen Konzept verhindern, dass Demonstranten angegriffen werden. In den Alpes-Maritimes hat Éric Ciotti gemeinsam mit dem Präfekten für die Halloween-Nacht eine Ausgangssperre für Minderjährige angeordnet. Es ist ein Bild, das man in Frankreich kennt: Ein Wochenende wird zur Probe darauf, wie viel Spannung die Gesellschaft aushält, bevor sie sich entlädt.
Auch auf der europäischen Bühne bewegt sich etwas. Christine Lagarde hat angekündigt, die Präsidentschaft der Europäischen Zentralbank im Februar 2027 abzugeben, früher als vorgesehen. Sie spricht von einem Gefühl der erfüllten Pflicht und einer EZB, die für die Zukunft gerüstet sei. Für Frankreich ist das ein symbolischer Moment, denn eine Französin verlässt einen der wichtigsten Posten des Kontinents, ausgerechnet in einer Zeit, in der das eigene Land finanziell unter Druck steht.
Und doch wäre es falsch, Frankreich nur als Krisenland zu beschreiben. Während Paris über Haushalte und Straßenproteste streitet, machen sich in Saint-Malo acht gewaltige Hochseetrimarane bereit, bei der Route du Rhum über den Atlantik zu rasen, mit mehr als 40 Knoten und einem Rekord, den es zu schlagen gilt.
Es ist dieselbe Nation, die sich in den Niedergang hineinredet und im nächsten Moment mit Begeisterung ihren Seglern zujubelt. Vielleicht ist genau das die eigentliche Konstante: Frankreich zweifelt laut, streitet leidenschaftlich und macht trotzdem weiter.
