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Midterms – Republikaner vor dem trumpschen Abgrund

Titelbild: Trump im Juli 2023 auf einer Konferenz von Turning Point Action, die der Republikanischen Partei programmatisch nahesteht. Gage Skidmore from Surprise, AZ, United States of America – Donald Trump

Heute, am 3. November 2026, stimmen die Amerikaner über die Zwischenwahlen ab – und die Zahlen sehen für Donald Trump und die Republikaner düster aus. Das ist gut so.
Die Midterms gelten traditionell als Referendum über den amtierenden Präsidenten. Diesmal trifft das besonders zu: Trumps Zustimmungswerte liegen bei etwa 32 Prozent (Reuters/Ipsos), in manchen Aggregaten knapp darüber, aber durchweg tief im Keller und nahe historischen Tiefs.⁠Reuters Unabhängige sehen ihre Stimme zu 50 Prozent als Votum gegen ihn. Die generische Kongresswahl-Umfrage gibt den Demokraten einen Vorsprung von 7 bis 9 oder mehr Punkten.

Historisch ist das Muster klar und hartnäckig: Seit 1946 hat die Partei des Präsidenten in 18 von 20 Midterms Sitze im Repräsentantenhaus verloren – im Schnitt rund 26. Nur zweimal (Clinton 1998 und Bush 2002) gab es Ausnahmen, jeweils unter besonderen Umständen. Trump selbst verlor 2018 41 Sitze und die Mehrheit. Alle Präsidenten mit Zustimmung unter 50 Prozent kurz vor den Midterms verloren Sitze – ausnahmslos. Trumps aktuelle Werte liegen deutlich darunter, vergleichbar oder schlechter als bei Bush 2006 oder seiner eigenen ersten Amtszeit.⁠

Prognosemodelle zeichnen ein klares Bild. Sabato’s Crystal Ball sieht Demokraten bei mindestens 239 Sitzen im Haus (D+24) und 53 im Senat. Nate Silvers FLIPR-Modell gibt den Demokraten hohe Chancen auf beide Kammern – im Senat zuletzt um die 80 Prozent, im Haus noch höher. Andere Modelle (Decision Desk HQ, Polling Forecast etc.) liegen ähnlich: Demokraten gewinnen das Haus fast sicher und haben gute Chancen auf den Senat, der enger ist, weil Demokraten vier Sitze gewinnen müssen und in einem 50:50-Szenario JD Vance entscheidet.

Die Wirtschaft als Achillesferse – und Trumps eigene Politik als Brandbeschleuniger

Das zentrale Thema für Wähler ist die Lebenshaltungskosten. 78 Prozent nennen sie als sehr wichtig oder wichtigstes Thema; Demokraten werden darauf als besser bewertet. Trumps Wirtschaftszustimmung liegt bei rund 26 Prozent, auf die Kosten der Lebenshaltung nur bei etwa 17 Prozent. 65 Prozent der Amerikaner machen seine Politik dafür verantwortlich.⁠

Besonders zynisch wirkt der Iran-Konflikt. Seit dem Start der US-israelischen Aktionen Ende Februar 2026 sind die Benzinpreise stark gestiegen – von rund 2,98 auf über 4 Dollar pro Gallone, Diesel zeitweise auf Rekordniveau über 6,50 Dollar.
Trump hatte im Wahlkampf niedrige Preise und „America First“-Energiepolitik versprochen. Stattdessen verteidigt er die höheren Kosten als „kleinen Preis“ für Sicherheit im Nahen Osten und behauptet immer wieder, die Preise würden bald fallen. Die Realität an der Zapfsäule und bei Diesel für Transport und Landwirtschaft widerspricht dem. Analysen beziffern die Mehrkosten für US-Haushalte in Hunderten von Dollar pro Person.


Zölle, Abschiebungen und andere Maßnahmen haben die versprochenen Entlastungen nicht gebracht. Die Arbeitsmarktentwicklung ist schleppender als zuvor, die Inflation bleibt ein Problem. Paul Krugman und andere Ökonomen argumentieren, dass die Diskrepanz zwischen Trumps „Golden Age“-Rhetorik und der Alltagserfahrung der Wähler entscheidend ist – gepaart mit dem Eindruck, dass Teile der Trump-Familie und Umfeld gut verdienen, während die Kosten steigen.

Immigration: Erfolg an der Grenze, aber keine politische Rettung

Hier hat die Administration messbare Erfolge vorzuweisen: Die Apprehensionen an der Südgrenze sind dramatisch eingebrochen (teilweise um 90–95 Prozent gegenüber den Biden-Jahren), auf historische Tiefstände. Catch-and-Release wurde gestoppt, die Abschiebungen und Abschiebungsoperationen wurden hochgefahren. Das White House feiert das als erfülltes Versprechen.

Doch selbst das reicht politisch nicht. Die Kosten der Lebenshaltung überlagern alles. Arbeitskräftemangel in bestimmten Sektoren und die Art der Durchsetzung erzeugen Gegenwind. Ein Erfolg, der die Zustimmung nicht hebt, ist in Midterms wenig wert – vor allem, wenn der Präsident selbst das zentrale Problem ist.


Der zynische Kern: Unvermeidbarkeit und Selbstverschulden

Trump hat die Midterms zu einem Plebiszit über sich selbst gemacht und seine Anhänger aufgefordert, so zu wählen, als stünde er selbst auf dem Stimmzettel. Das funktioniert, wenn man beliebt ist. Bei 32 Prozent Zustimmung und einem klaren „Vote against Trump“-Signal bei Unabhängigen ist es ein Risikofaktor. Historisch und empirisch spricht fast alles gegen die Amtspartei bei solch niedrigen Werten.

Wenn die Demokraten beide Kammern oder zumindest das Haus übernehmen – was die meisten Modelle erwarten –, steht der Rest der Amtszeit unter dem Damoklesschwert von Untersuchungen, Blockaden und möglichen Impeachment-Drohungen. Trump hat das selbst thematisiert.
Die Ironie: Viele der Probleme (Energiepreise durch den Iran-Krieg, Inflation nach Zöllen und anderen Maßnahmen, die Wahrnehmung von Chaos und Selbstbereicherung) sind nicht primär externe Schocks, sondern folgen aus Entscheidungen der Administration.


Die Wähler entscheiden heute. Die Umfragen, die Geschichte und die Fundamentaldaten deuten darauf hin, dass sie Trumps „Golden Age“-Erzählung nicht abkaufen. Ob die Modelle recht behalten oder die Polls erneut unterschätzen, wird sich in den kommenden Stunden und Tagen zeigen. Die Ausgangslage für die Republikaner war selten so ungünstig – und selten so klar auf die Person und die Bilanz des Präsidenten zurückzuführen.

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