Cold Case

Der Schotte im Kofferraum: 40 Jahre später sucht die Polizei Celle erneut nach dem Mörder von Colin David Adamson

Von Redaktion / dpa / Polizei Celle
Titelbild: Phantomskizze: Die beiden Männer sollen mit dem Schotten in einer Celler Kneipe gesessen haben. (Quelle: Polizeiinspektion Celle)

Celle, 30. Oktober 2026 – Mehr als vier Jahrzehnte nach dem gewaltsamen Tod eines schottischen Ölplattform-Arbeiters hat die Polizeiinspektion Celle die Ermittlungen in dem ungeklärten Mordfall wieder aufgenommen.
Colin David Adamson, damals 33 Jahre alt, wurde am 18. Dezember 1983 tot i m Kofferraum eines ausgebrannten Autos in einem Waldgebiet zwischen Groß Hehlen und Hustedt gefunden. Die rechtsmedizinische Untersuchung ergab, dass er vermutlich durch stumpfe Gewalteinwirkung gegen den Kopf starb.
Das Fahrzeug war vorsätzlich mit einem Brandbeschleuniger in Brand gesetzt worden.Adamson war britischer Staatsangehöriger und arbeitete für das Unternehmen Sedco auf einer Ölplattform. Vom 6. bis 20. Dezember 1983 hielt er sich beruflich in Celle auf, um bei der Firma Cameron (Cameron Ironworks) die Herstellung von Ausrüstung für seinen Arbeitgeber zu begutachten. In Schottland (Aberdeenshire, u. a. Aberchirder) hinterließ er seine Ehefrau Babs und zwei kleine Kinder – Sohn Evan, damals sechs, und Tochter Gillian, zwei Jahre alt.
Er galt als kontaktfreudig, sprach gut Deutsch und verbrachte nach Feierabend Zeit mit Kollegen in Celler Lokalen und Bars.
Der Abend des 17. Dezember 1983
Die Ermittler konzentrieren sich bis heute vor allem auf den Abend vor dem Fund. Unabhängige Zeugen sahen Adamson im damaligen Lokal „Kleine Apotheke“, wo er mit zwei Männern an der Theke saß und sich auf Englisch unterhielt.
Gegen 18 Uhr verließen die drei das Lokal gemeinsam.



Die beiden Unbekannten sind nach damaligem Kenntnisstand die letzten Personen, mit denen er über einen längeren Zeitraum Kontakt hatte. Phantomzeichnungen wurden angefertigt: Der eine Mann (ca. 25–35 Jahre, mindestens 1,80 m, schlank bis kräftig) trug einen auffälligen Oberlippenbart; der zweite war ähnlich alt, etwa 1,80 m groß und schlank. Beide konnten trotz intensiver Suche – auch unter den damals in Celle und Umgebung stationierten britischen Soldaten – nicht identifiziert werden. Die Polizei betont, dass die Begegnung allein keinen Tatverdacht begründet; die Männer könnten aber wichtige Zeugen sein.Eine zweite Spur führt zur damaligen BP-Tankstelle an der Hannoverschen Heerstraße.
Gegen 22 Uhr kauften zwei zivil gekleidete Männer einen Benzinkanister und bezahlten Super-Benzin im Wert von zehn D-Mark mit einem Tankcoupon, wie ihn Angehörige des britischen Militärs nutzten.
Auf dem Coupon soll ein britisches Kennzeichen vermerkt gewesen sein. Einer der Männer (ca. 25–30 Jahre, 1,80–1,85 m) sprach gutes Deutsch mit deutlichem englischem Akzent und trug am linken Unterarm eine auffällige, laienhaft gestochene Tätowierung, die eine Tankstellenmitarbeiterin damals beschrieb und skizzierte. Der zweite (ca. 30–35 Jahre, 1,70–1,73 m, kräftig) sprach nur wenig und schlecht Deutsch. Auch diese Männer gelten nicht zwangsläufig als Tatverdächtige, könnten aber relevante Beobachtungen gemacht haben.
Britische Militärpräsenz und mögliche MotiveAnfang der 1980er-Jahre gehörten zahlreiche Angehörige der britischen Streitkräfte (British Army of the Rhine / BAOR) zum Stadtbild von Celle. Die britische Militärpolizei war an den damaligen Ermittlungen beteiligt; viele Soldaten wurden befragt. Die Untersuchung verzögerte sich unter anderem, weil viele Angehörige der Rheinarmee über Weihnachten in die Heimat fuhren. Mögliche Motive, die im Laufe der Jahre diskutiert wurden, reichen von einem Raub (Adamson soll im Casino etwas gewonnen haben; Uhr und Ring fehlten) bis zu Ärger mit einer lokalen Gruppe oder einer möglichen Schlägerei. Doch war es ein Trick der IRA neue Kontakte zu finden. Auch in NRW wurde diese Ansprache in Kneipen ab 1982 praktiziert. Die Köder gaben sich als Wanderarbeiter aus England oder Irland aus.



Ein politisches oder terroristisches Motiv – etwa im Zusammenhang mit der IRA – taucht in den öffentlich verfügbaren Ermittlungsberichten, Familienaussagen und Medienberichten nicht auf. Der Fall wird als klassisches ungeklärtes Tötungsdelikt geführt.

Der genaue Tatort ist bis heute unklar: Es ist nicht gesichert, ob Adamson am Fundort getötet oder dort nur abgelegt wurde. Die Ermittlungen der damaligen Zeit stießen auf eine „Mauer des Schweigens“, trotz mehr als 1.000 verteilter Flugblätter.Neue Hoffnung durch Cold-Case-Arbeit und MedienDie Polizei Celle hofft jetzt, dass nach mehr als 40 Jahren neue Hinweise aus der Bevölkerung kommen. Besonders die Tätowierung am Unterarm könnte noch Wiedererkennungswert haben.
Auch eine ZDF-Dokumentation in der Serie „Wahre Verbrechen – Suche nach Gerechtigkeit“ (ausgestrahlt im Rahmen von „Hallo Deutschland“ am 29. Oktober 2026 und in der Mediathek verfügbar) soll den Fall wieder in die Öffentlichkeit bringen.



In Schottland hatte der Sohn Evan Adamson nach dem Tod der Mutter 2010 selbst recherchiert, Politiker und Behörden kontaktiert und den Fall an die Scottish Cold Case Unit der Glasgow Caledonian University weitergegeben. Diese überprüfte die Akte im Rahmen eines internationalen Projekts. Die deutschen Ermittler führen die Arbeit nun fort.Wer Hinweise hat – zu Adamson, den Männern aus dem Lokal oder der Tankstelle, insbesondere zur Tätowierung oder zu Beobachtungen am 17. Dezember 1983 –, soll sich bei der Polizei Celle unter der Telefonnummer +495141-2770 melden. Auch vermeintlich nebensächliche Erinnerungen können nach so langer Zeit relevant sein.Der Fall Colin David Adamson bleibt einer der offenen Cold Cases der Region. Ob die erneute Aufmerksamkeit und moderne Methoden diesmal Antworten liefern, ist offen. Die Familie wartet seit mehr als vier Jahrzehnten auf Klarheit.

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