Flora und Fauna

Die Arten, die uns verliessen

Titelbild: Dodo , KI generiert, 2026

Das stille Verschwinden – Tiere, die wir seit 1300 verloren haben

Wenn man die Chroniken der letzten 700 Jahre aufschlägt, liest man nicht nur von Kriegen, Entdeckungen und Revolutionen. Dazwischen, fast beiläufig notiert, findet sich eine andere Geschichte: die Geschichte des Verschwindens. Seit dem Jahr 1300 hat der Mensch begonnen, die Tierwelt in einem Tempo zu verändern, das die Erde so noch nicht erlebt hatte.


Es ist keine Geschichte mit einem einzigen großen Knall, wie beim Asteroiden, der die Dinosaurier auslöschte. Es ist eine Geschichte aus tausend kleinen Schnitten.

Der Anfang lag auf den Inseln. Als im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit die Schiffe weiter hinausfuhren, erreichten Seeleute Eilande, auf denen das Leben jahrtausendelang ungestört geblieben war. Dort gab es Vögel, die nicht fliegen konnten, weil es keine Feinde gab. Es gab Schildkröten von der Größe eines Tisches und Lemuren, die so groß waren wie Gorillas.
Der Mensch brachte mit sich nicht nur Gewehre und Hunger, sondern auch Ratten, Schweine und Ziegen. Auf Mauritius war es der Dodo, ein plumper, vertrauensseliger Vogel, der 1662 zum letzten Mal gesehen wurde. Auf Madagaskar verschwanden die Elefantenvögel, drei Meter große Laufvögel, deren Eier ganze Familien satt machten. Auf Neuseeland wurden die Moas gejagt, bis der letzte erlegt war. Die Insel wurde zum Labor für das, was später auf dem ganzen Planeten passieren sollte: Wer ohne Angst lebt, hat gegen den Menschen keine Chance.


Im 19. Jahrhundert verlagerte sich das Sterben auf die Kontinente. Die Industrialisierung, die Ausbreitung der Landwirtschaft und die neuen Feuerwaffen gaben der Jagd eine völlig neue Dimension. Die Wandertaube verdunkelte einst in Schwärmen von Milliarden den Himmel über Nordamerika. 1914 starb im Zoo von Cincinnati mit „Martha“ das letzte Tier. Das Quagga, eine Zebravariante mit streifigem Vorderkörper, wurde in Südafrika wegen seines Fleisches und seines Fells ausgerottet. 1883 starb das letzte Exemplar in Amsterdam. Der Beutelwolf, der tasmanische Tiger, mit seinem gestreiften Rücken und dem beinahe hundeartigen Gang, hielt sich auf der Insel Tasmanien noch bis 1936. Dann starb er in Gefangenschaft, und mit ihm eine ganze Linie von Beuteltieren, die sonst nirgends auf der Welt vorkam.

Gleichzeitig begann ein weniger spektakuläres, aber viel breiteres Sterben in den Flüssen und Seen. Der Bau von Dämmen, die Einleitung von Abwässern und die Trockenlegung von Feuchtgebieten trafen besonders die Weichtiere. In den Listen der IUCN, der Weltnaturschutzunion, füllen die Schnecken und Muscheln ganze Seiten. Viele von ihnen sind laut Eintrag verschwunden, weil eine einzige Quelle verbaut oder ein Bach begradigt wurde. Es sind Namen, die niemand kennt: _Leptoxis clipeata_, _Lithasia jayana_. Kleine Tiere mit großer Bedeutung für das Wasser, in dem sie lebten.


Lange wurde gestritten, ob der Mensch allein schuld ist. Forscher der Max-Planck-Gesellschaft haben in den letzten Jahren die Megafauna Nordamerikas untersucht, also Mammuts, Riesenfaultiere und riesige Biber, die vor etwa 10.000 Jahren verschwanden. Mit neuen statistischen Modellen kamen sie zu dem Schluss, dass nicht allein die Jagd, sondern vor allem drastische Temperaturabfälle vor rund 13.000 Jahren die Populationen einbrechen ließen. Auch in der Eifel zeigen Sedimente, dass Großsäuger verschwanden, als nach der Eiszeit die Wälder dichter wurden und das offene Weideland schwand. Der Mensch war da, aber er war nicht immer der Auslöser. Seit 1300 aber ändert sich das Verhältnis. Jetzt ist der Mensch der Faktor, der die Waage kippt. Ob durch direkten Abschuss, durch das Zerstören von Lebensraum oder durch den Klimawandel, den wir selbst verursachen. Die Rate des Aussterbens liegt heute hundert- bis tausendmal über dem, was in der Erdgeschichte „normal“ wäre. Biologen sprechen deshalb vom sechsten Massenaussterben.

Und doch gibt es auch die andere Nachricht. Manchmal kehren Tiere aus dem Reich der Toten zurück. Die Bayerische Kurzohrmaus galt jahrzehntelang als ausgestorben, bis sie 2023 wieder in den Alpenwiesen nachgewiesen wurde. In Bolivien tauchte der Sehuencas-Wasserfrosch wieder auf, von dem man nur noch fünf Individuen kannte. Und 1938 wurde vor der Küste Südafrikas ein Fisch aus dem Netz gezogen, der laut Fossilienbericht seit 70 Millionen Jahren nicht mehr gelebt haben dürfte: der Quastenflosser.


Seit 1300 haben wir gelernt, wie schnell eine Art verschwinden kann. Und wir haben gelernt, dass dieses Verschwinden selten ein einzelnes Ereignis ist. Es beginnt mit der Rodung eines Waldes, mit der Einführung einer fremden Ratte, mit dem wärmer werdenden Wasser eines Flusses. Am Ende steht ein leerer Käfig im Museum und ein Name in einem Buch. Die Frage, die bleibt, ist nicht, welche Tiere wir noch verlieren werden. Die Frage ist, bei welchen wir noch rechtzeitig innehalten.

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