Titelbild: Scarlett Salice, ©Polizei Bayern
Quellen: Schwarzwald Bote, Polizei Freiburg, ZDF, eigene Recherche
Sechs Jahre Schweigen: Wo ist Scarlett Salice?
Todtmoos / Bad Lippspringe
Es ist ein gewöhnlicher Donnerstagvormittag im Corona-Spätsommer 2020. Kurz nach zehn Uhr betritt eine schlanke Frau mit dunkelblondem Haar, dunkler Outdoorjacke und einem leuchtend roten Osprey-Rucksack den Edeka in Todtmoos. Die Überwachungskamera filmt sie beim Einkaufen. Wenig später verlässt sie den Laden. Bis 10.48 Uhr schreibt und telefoniert sie noch mit Angehörigen. Dann bricht der Kontakt ab.
Scarlett Salice, 26 Jahre alt, aus Bad Lippspringe in Ostwestfalen, ist auf der letzten Etappe des Schluchtensteigs unterwegs – und verschwindet. Sechs Jahre später, im September 2026, ist von ihr immer noch keine Spur gefunden.
Die junge Frau, die die Welt sehen wollte
Scarlett Salice wurde am 22. September 1993 geboren. 1,60 Meter groß, athletisch, wissbegierig. In der Schule fielen ihr Mathematik und Sprachen leicht, später lernte sie sogar Chinesisch. Nach der Ausbildung zur Sozialversicherungskauffrau holte sie das Abitur nach – und stellte fest, dass ein Leben am Schreibtisch nichts für sie war.
Sie wollte reisen. 2019/2020 war sie monatelang in Südostasien unterwegs, lernte in Myanmar einen Freund kennen und schmiedete Pläne für die Zukunft. Corona zwang sie zur Rückkehr. Statt zu resignieren, wanderte sie im Sommer 2020 mit ihrer Mutter den Jakobsweg: fast 800 Kilometer in sechs Wochen. Andere Pilger empfahlen ihr den Schluchtensteig im Südschwarzwald. Scarlett war sofort begeistert. Schon auf der Heimfahrt rief sie ihren Vater an: Das Auto müsse flottgemacht werden. Am nächsten Tag brach sie auf.
Ihr Vater Ralf Salice beschreibt sie als neugierig, offen und rastlos. „Sie war so neugierig auf die Welt.“ Tierlieb, hilfsbereit, bescheiden, mit eigenem Kopf. Benannt nach der Heldin aus „Vom Winde verweht“. Keine Draufgängerin, aber voller Entdeckergeist. Er nannte sie manchmal „Scully“ – nach der Agentin aus „Akte X“, weil sie keine Angst hatte und glaubte, es gebe nichts Böses.
Der letzte Tag
Scarlett war keine Anfängerin. Sie hatte bereits in Asien mit dem Rucksack gereist und den Jakobsweg hinter sich. Die Tour auf dem rund 120 Kilometer langen Schluchtensteig von Stühlingen nach Wehr legte sie allein zurück, schlief im Zelt und hielt Familie und Freunde per WhatsApp auf dem Laufenden. Fünf Etappen hatte sie planmäßig geschafft.
Am 10. September 2020 stand die letzte vor ihr: von Todtmoos nach Wehr, etwa 22 Kilometer. Sie wollte am Ziel eine Freundin treffen. Sie kam nie an. Eine Zeugin will sie an jenem Tag noch auf einem Parkplatz auf einem Stein sitzend gesehen haben. Danach verliert sich jede Spur – auch für die Suchhunde.
Die jahrelange Suche
Polizei, Bergwacht, Feuerwehr, Hundestaffeln, Hubschrauber und Drohnen suchten intensiv. Der Fall war in „Aktenzeichen XY … Vermisst“ zu sehen. Mehr als 640 Hinweise gingen ein. Doch nichts führte weiter.
Rund zweieinhalb Jahre nach dem Verschwinden stellte die Staatsanwaltschaft das Todesermittlungsverfahren ein. Es gab keine Hinweise auf eine Straftat. Der Vermisstenfall blieb offen – und ist es bis heute.
Private Initiativen wie „Bitte findet Scarlett“ und der Verein „Finderwille“ gaben nie auf. Hunderte Kilometer wurden abgesucht, dokumentiert, mit Metalldetektoren, Drohnen und Kletterausrüstung untersucht. Aus Fremden wurden Freunde. Andreas Asal von „Bitte findet Scarlett“ war nach eigenen Angaben rund 120 Mal vor Ort: „Es ist kein Hobby, sondern eine Herzensangelegenheit.“
Zum sechsten Jahrestag im September 2026 sorgte eine Suchaktion mit einem Dutzend Spürhunden für neue Bewegung. Die Hunde schlugen im Bereich des Wildensteinfelsens im Wehratal mehrfach an – abseits des eigentlichen Steigs, an einem steilen, schwer zugänglichen Hang. Parallel wurde in einem trockengefallenen Abschnitt der Wehra ein Reißverschluss gefunden. Die Kriminaltechnik des Landeskriminalamts prüft derzeit, ob er zum Rucksack von Scarlett gehört haben könnte. Ein Ergebnis wird erst in Wochen erwartet. Experten mahnen zur Vorsicht: Nach sechs Jahren sei eine individuelle Geruchsspur für Hunde unter Freilandbedingungen kaum noch nachweisbar.
Der Vater, der nicht aufgibt
Ralf Salice fährt immer wieder von Ostwestfalen in den Schwarzwald – 2026 bereits zum vierten Mal. „Solange sie nicht gefunden wurde, kann sie noch leben.“ Ein Unfall erscheint ihm nahezu ausgeschlossen. Warum sollte sie so weit abseits des Weges gegangen sein? Und wenn, müsste irgendwo Ausrüstung oder Kleidung zu finden sein. „Da ist einfach nichts.“
Ein Verbrechen wäre für ihn das Schlimmste. „Wenn man klar rückschließen könnte, hier ist sie abgestürzt, dann könnte man alle Verbrechenstheorien ausschließen. Das wäre wenigstens ein gewisser Trost.“
Die Familie und Unterstützer halten die Suche lebendig. 2020 setzte der Vater 12.000 Euro Belohnung aus. Der Smoothie-Hersteller true fruits erhöhte sie auf 100.000 Euro und druckte 2025 Scarletts Gesicht monatelang auf Flaschen – in rund 30.000 Supermärkten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dazu kamen riesige Plakate, unter anderem in München. Es kamen viele Hinweise, aber keine heiße Spur. Dennoch erfuhren Tausende erstmals von dem Fall.
Die Ungewissheit bleibt
Sechs Jahre sind vergangen. Der Schluchtensteig ist wieder voller Wanderer. An den Wegen hängen Plakate mit Scarletts Gesicht. Ihr Vater sagt: „Man ist nie mit den Gedanken ganz weg von Scarlett. Das geht gar nicht.“ Manchmal sieht er auf der Straße jemanden, der ihr ähnelt – und die Frage kehrt zurück. „Wenn ich für jeden Gedanken an meine Tochter einen Euro hätte, wäre ich in der Liste der reichsten Leute.“
Scarlett Salice ist seit dem 10. September 2020 verschwunden. Die Hoffnung, dass irgendwann ein Hinweis, ein Fundstück oder ein Zufall die Lücke schließt, ist geblieben.
Wer sachdienliche Informationen hat, kann sich an die Polizei oder die privaten Suchgruppen wenden. Die Belohnung von 100.000 Euro gilt weiterhin.
Hinweise dringend erbeten: Telefon der Polizei in Freiburg +497618822880
