Cold Case

Der Sägemörder von Hannover

In den 1970er Jahren erschütterte eine Serie grausamer Leichenfunde die Stadt Hannover und sorgte für große Verunsicherung in der Bevölkerung.

Zwischen 1975 und 1977 wurden in Hannover und der unmittelbaren Umgebung insgesamt 13 Leichenteile entdeckt, die mindestens sechs verschiedenen Opfern zugeordnet werden konnten – darunter mindestens vier Frauen und zwei Männer. Keines der Opfer konnte bis heute identifiziert werden, und der oder die Täter blieben unerkannt. Der Fall ging als „Leichenfunde von Hannover“ oder „Sägemörder von Hannover“ in die Kriminalgeschichte ein und gilt bis heute als ungelöst.

Die Funde begannen am 26. September 1975 am Wasserkraftwerk Schneller Graben in der Nähe des Maschsees. Ein Arbeiter entdeckte den Rumpf einer jungen Frau. Die Leiche hatte etwa 10 bis 14 Tage im Wasser gelegen, die Brüste waren abgetrennt und der Unterleib ausgeräumt. Die Frau war schätzungsweise 23 bis 25 Jahre alt, etwa 155 Zentimeter groß, hatte eine Narbe im Bauchbereich und mindestens ein Kind geboren. Arme und Beine waren offenbar mit einer Säge oder einem ähnlichen Werkzeug entfernt worden, und der Torso war mit einer auffälligen Dekorationskordel zusammengebunden. Trotz vorhandener Fingerabdrücke blieb sie unbekannt.

Im Februar 1976 folgten weitere schreckliche Entdeckungen: Zwei Oberkörperhälften und ein Bein einer etwa 25-jährigen Frau, rund 170 Zentimeter groß. Die Teile wurden unter anderem zwischen parkenden Autos am Funkhaus und in einem Müllcontainer gefunden, weitere Stücke in der Leine oder am Maschsee. Der Todeszeitpunkt lag zwei bis drei Wochen zurück. Im Jahr 1977 eskalierte die Serie. Zwischen Ende Mai und Anfang Juni wurden am selben Kraftwerk Schneller Graben an mehreren Wochenenden sechs Leichenteile eines jungen Mannes gefunden – vermutlich 17 bis 18 Jahre alt, etwa 170 Zentimeter groß, mit einer auffälligen Tätowierung eines Eisernen Kreuzes auf dem Oberkörper. Im Juni desselben Jahres tauchte dort auch der Arm eines etwa 50-jährigen Mannes auf.

Im Juli 1977 entdeckte eine Spaziergängerin im Stadtpark Eilenriede den Unterkörper einer Frau, mindestens 40 Jahre alt, etwa 150 bis 160 Zentimeter groß, Schuhgröße 36. Sie hatte eine Blinddarmoperation hinter sich, mindestens ein Kind geboren und litt unter Arteriosklerose. Der Unterkörper war mit einer Maschinensäge abgetrennt worden. Den letzten Fund gab es am 18. Dezember 1977 auf einem Feldweg bei Hannover: den Oberkörper einer 50- bis 60-jährigen Frau, eingewickelt in eine alte Baumwolldecke, mit Würgemalen am Hals. Auch sie hatte eine Blinddarmoperation und mindestens ein Kind geboren. Der Tod war durch Ersticken eingetreten.

Ein gemeinsames Muster zeichnete alle Funde aus: Die meisten Opfer waren erst kurze Zeit tot, als ihre Leichenteile auftauchten, die Todesursache ließ sich in vielen Fällen nicht eindeutig klären. Die Zerstückelung erfolgte offenbar mit einer Säge, möglicherweise einer Kreis- oder Bandsäge, und die Schnitte wirkten präzise genug, um auf handwerkliche Fähigkeiten hinzudeuten – etwa wie bei einem Metzger –, aber nicht unbedingt auf profunde anatomische Kenntnisse. Auffällig war vor allem, dass die Teile bewusst an gut sichtbaren, stark frequentierten Orten abgelegt wurden, oft an Samstagen, sodass sie schnell gefunden werden mussten. Viele Funde konzentrierten sich auf das Gebiet um den Maschsee, in unmittelbarer Nähe zum Polizeipräsidium. Der Täter schien keinerlei Versuch zu unternehmen, die Überreste zu verstecken, sondern legte sie fast exhibitionistisch aus. Die restlichen Körperteile blieben in den meisten Fällen verschwunden.

Die Polizei richtete die Sonderkommission „Torso“ unter Leitung von Kriminalhauptkommissar Günter Nowatius ein. Die Ermittlungen gestalteten sich extrem schwierig, weil es keinen Tatort, keine genaue Tatzeit, keine identifizierten Opfer und zunächst auch keine klaren Zuordnungen der Einzelteile gab. Intensive Nachforschungen in Leichenschauhäusern, bei Bestattern und ein Abgleich mit Vermisstenmeldungen führten ins Leere – keine der Personen wurde vermisst, zu denen die Beschreibungen passten. Die Opfer schienen Menschen zu sein, deren Fehlen niemand bemerkte oder melden wollte. Experten wie Stephan Harbort stuften den Täter als „hochpathologisch“ ein. Ein mögliches Motiv könnte die Erzeugung von Angst und Panik in der Bevölkerung gewesen sein. Man vermutete, dass der Täter werktags einer normalen Beschäftigung nachging, die Leichenteile zwischendurch kühl lagerte und sie dann am Wochenende mit dem Auto transportierte.

Der Fall erlangte durch die Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ große öffentliche Aufmerksamkeit und führte zu vielen Hinweisen, ohne jedoch den Durchbruch zu bringen. Die Serie endete abrupt 1977, was darauf hindeuten könnte, dass der Täter weggezogen ist, verstorben oder aus anderen Gründen nicht mehr aktiv war. Bis heute gibt es keine neuen entscheidenden Entwicklungen oder Aufklärungen in diesem spezifischen Fall. DNA-Techniken oder moderne forensische Methoden haben offenbar keine verwertbaren Spuren oder Identifizierungen ermöglicht, und der „Sägemörder von Hannover“ bleibt eines der rätselhaftesten ungelösten Kapitel der deutschen Kriminalgeschichte.

Es handelt sich nicht um den berühmten Fritz Haarmann, den „Schlächter von Hannover“ aus den 1920er Jahren, der Hunderte Leichenteile in der Leine entsorgte, sondern um ein völlig separates Phänomen Jahrzehnte später. Spätere zerstückelte Leichenfunde in der Region, wie in den 2010er Jahren, wurden aufgeklärt und hatten keine Verbindung zu den 1970er-Fällen. Der Schrecken dieser Zeit, in der Teile unbekannter Toter scheinbar wahllos in der Stadt auftauchten, ohne dass jemand sie vermisste, wirkt bis heute nach und erinnert daran, wie wenig man manchmal über das Schicksal einzelner Menschen weiß.

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