Damals

Er verkörperte den Unrechtsstaat DDR Alexander Schalck-Golodkowski

Deutsch-deutsche Begegnung bei der Leipziger Frühjahrsmesse 1987 – von links: Alexander Schalck-Golodkowski, Gerold Tandler, Günter Mittag, Franz Josef Strauß, Theo Waigel und Erich Honecker

Alexander Schalck-Golodkowski stieg in der Deutschen Demokratischen Republik zu einer der schillerndsten und einflussreichsten Figuren des SED-Regimes auf.

Aus bescheidenen Verhältnissen stammend – sein Vater war Kraftfahrer, die Mutter Buchhalterin – durchlief er zunächst eine Ausbildung zum Konditor, trat 1955 der SED bei und begann eine Karriere im Außenhandelsapparat der DDR. Er arbeitete zunächst im Ministerium für Außen- und Innerdeutschen Handel, wurde dort Hauptverwaltungsleiter und avancierte später zum Stellvertretenden Minister für Außenhandel. Seine wahre Macht entfaltete sich jedoch ab 1966, als er die Leitung des neu geschaffenen Bereichs „Kommerzielle Koordinierung“ (kurz KoKo) übernahm. Dieses zunächst unscheinbar wirkende Ressort innerhalb des Ministeriums für Außenhandel entwickelte sich unter seiner Führung zu einem parallelen Wirtschaftsimperium, das außerhalb der starren Planwirtschaft agierte und der DDR dringend benötigte Devisen – also westliche Währungen wie die D-Mark – beschaffte.

KoKo entstand aus der Not der DDR-Wirtschaft. Die sozialistische Planwirtschaft litt chronisch unter Devisenmangel, während die Führung unter Erich Honecker in den 1970er Jahren die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ propagierte: höhere Löhne, mehr Konsum, Westimporte für die Bevölkerung und Luxus für die Nomenklatura in der Waldsiedlung Wandlitz. Reguläre Exporte reichten bei Weitem nicht aus, um diese Politik zu finanzieren. Schalck-Golodkowski, der gleichzeitig als Offizier im besonderen Einsatz (OibE) für die Stasi arbeitete, baute KoKo zu einem Netzwerk aus rund 180 bis 220 Firmen auf, die teils in der DDR, teils im Westen – in Westdeutschland, der Schweiz, Österreich und anderen Ländern – operierten. Diese Tarnfirmen handelten scheinbar normal, tatsächlich aber oft mit gefälschten Papieren, Scheingeschäften und Umgehungen von Embargos oder Steuervorschriften. Über 3.000 Mitarbeiter waren involviert, und Schalck selbst berichtete später, dass KoKo in knapp 25 Jahren etwa 25 Milliarden D-Mark erwirtschaftet habe – manche Quellen sprechen sogar von bis zu 28 oder 50 Milliarden, wenn man alle Kanäle einbezieht.

Das Imperium funktionierte wie ein kapitalistischer Konzern im sozialistischen Staat. Schalck und seine Leute kauften Waren günstig im Osten ein, veredelten oder verschoben sie über Zwischenstationen und verkauften sie teurer im Westen oder umgekehrt. Ein großer Teil der Geschäfte – Historiker wie Matthias Judt schätzen etwa 85 Prozent – entsprach durchaus international üblichen Praktiken: Handel mit Kraft- und Brennstoffen, Lebensmitteln, Baustoffen oder der Entsorgung von Westmüll und Schutt in der DDR. West-Berlin etwa nutzte ostdeutsche Kapazitäten, um Müll und Abwasser loszuwerden. Daneben gab es jedoch die schattigeren Bereiche, die KoKo den Ruf eines „Schattenreichs“ einbrachten. Dazu gehörten der Export von Kunstgütern und Antiquitäten, der Handel mit Gold, der Schmuggel von Embargo-Technologie wie westlichen Computern für die Stasi oder die Lieferung von Waffen in Krisenregionen wie den Iran, Afghanistan oder Nicaragua.

Sogar ostdeutsches Spenderblut und Pharmatests wurden kommerzialisiert. Besonders umstritten war der „Häftlingsfreikauf“: Politische Gefangene und andere Inhaftierte wurden gegen Devisen in den Westen verkauft, zu Preisen von bis zu rund 95.000 D-Mark pro Person.

Stasi-Minister Erich Mielke soll dies einmal ökonomisch gerechtfertigt haben: Die Häftlinge kosteten nur, im Westen brächten sie Valuta.

Schalck-Golodkowski selbst agierte als genialer Organisator und Verhandler. Er pflegte direkte Kontakte zu westdeutschen Politikern und Wirtschaftsvertretern, was in der geteilten Welt der 1970er und 1980er Jahre außergewöhnlich war. Sein größter Coup waren die beiden Milliardenkredite westdeutscher Banken 1983 und 1984, die er gemeinsam mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß aushandelte. Der erklärte Antikommunist Strauß half dem maroden SED-Staat aus der akuten Zahlungsunfähigkeit – ein Deal, der die DDR vor dem Bankrott bewahrte und Schalck den Ruf des „Devisenbeschaffers“ einbrachte. KoKo versorgte nicht nur die Intershops mit Westwaren, sondern auch die Privilegien der SED-Spitze: Westautos (Honecker hatte zeitweise bis zu 60 Luxuslimousinen und Geländewagen), Bananen, Kühlschränke und sogar Videokassetten mit Softpornos für die Wandlitz-Siedlung. Gleichzeitig diente das Netzwerk der Stasi zur Beschaffung von Spionagetechnik und zur Geldwäsche.

Formal blieb KoKo dem Ministerium für Außenhandel unterstellt, doch in der Praxis unterstand es direkt der SED-Führung um Honecker und Günter Mittag und arbeitete eng mit der Staatssicherheit zusammen. Schalck selbst stieg zum Staatssekretär auf und gehörte dem Zentralkomitee der SED an. Er galt als möglicher Nachfolger Mittags. Das Imperium operierte weitgehend außerhalb der üblichen Kontrollen der DDR-Finanzbehörden und nutzte eigene Bankkanäle, darunter die Deutsche Außenhandelsbank. Ende der 1980er Jahre horteten KoKo-Firmen sogar über 21 Tonnen Gold.

Dennoch blieb das System anfällig: Viele Geschäfte basierten auf Luftbuchungen, gefälschten Lieferungen und Steuerhinterziehung, was nach der Wende zu massiven Vorwürfen führte.

Mit dem Zusammenbruch der DDR im Herbst 1989 zerfiel auch das KoKo-Imperium. Am 2. Dezember 1989 entdeckten Bürgerrechtler in Kavelstorf bei Rostock ein riesiges Stasi-Waffenlager, das mit KoKo-Geschäften in Verbindung stand.

Einen Tag später, am 3. Dezember, floh Schalck-Golodkowski – der den Decknamen „Schneewittchen“ trug – heimlich in den Westen nach West-Berlin, wo er sich den Behörden stellte. Er wurde vorübergehend inhaftiert, kooperierte jedoch umfassend mit dem Bundesnachrichtendienst und später mit Untersuchungsausschüssen des Bundestags.

Gegen ihn liefen mehrere Verfahren wegen Untreue, Betrugs, Embargoverstößen, Steuerhinterziehung und Spionage, die jedoch größtenteils eingestellt oder milde ausgingen. Schalck lebte danach zurückgezogen in Bayern und starb 2015 im Alter von 82 Jahren.

Das „Imperium“ von Alexander Schalck-Golodkowski bleibt bis heute umstritten. Für die einen war er ein genialer Pragmatiker, der die DDR durch geschickte Westgeschäfte am Leben erhielt und damit Schlimmeres verhinderte. Für die anderen verkörperte er die kriminelle Seite des SED-Regimes: ein skrupelloser Devisenhändler, der mit Waffen, Häftlingen und Embargogütern dealte, um ein marodes System zu stützen.

Historische Forschung hat den reinen „Mythos“ eines rein kriminellen Schattenreichs etwas relativiert – viele Aktivitäten waren in der Ost-West-Wirtschaft üblich –, doch die dunkleren Kapitel, die enge Verflechtung mit der Stasi und die moralischen Grenzüberschreitungen bleiben unbestritten. Schalck selbst sah sich zeitlebens als loyalen Diener des Staates, der im Rahmen der Teilung Deutschlands das Beste aus einer schwierigen Lage machte. Sein Wirken zeigt exemplarisch, wie die DDR-Wirtschaft auf Schattenkanäle und westliche Valuta angewiesen war, um zu überleben – bis der ganze Staat schließlich zusammenbrach.

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