Damals

Die Befreiung

Titelbild: Auschwitz l, Stanisław Mucha Public Domain 
Am 27. Januar 1945 erreichte die Rote Armee im Rahmen ihrer raschen Weichsel-Oder-Offensive das Gebiet um Oświęcim in Südpolen, wo sich das größte nationalsozialistische Vernichtungslagerkomplex Auschwitz erstreckte. Die sowjetischen Truppen der 60. Armee der 1. Ukrainischen Front, insbesondere Soldaten der 322. Schützendivision unter dem Oberbefehl von Generaloberst Pawel Kurotschkin, rückten in den Morgen- und Mittagsstunden vor, während vereinzelte Nachhutgefechte mit zurückweichenden deutschen Einheiten und SS-Wachmannschaften noch stattfanden. Dabei verloren etwa 230 Rotarmisten ihr Leben.
Die SS hatte in den Tagen zuvor panisch versucht, alle Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen: In der Nacht zum 18. Januar 1945 und in den folgenden Tagen wurden rund 58.000 bis 60.000 Häftlinge – die meisten von ihnen Juden – auf sogenannte Todesmärsche nach Westen getrieben, in Richtung anderer Konzentrationslager wie Gleiwitz oder Loslau. Wer zusammenbrach oder nicht mehr weiterlaufen konnte, wurde von den SS-Begleitmannschaften erschossen; Tausende starben auf diesen Märschen an Erschöpfung, Kälte und Hunger. Gleichzeitig sprengte die SS die Krematorien II und III in Birkenau, zerstörte Teile der Gaskammern und setzte das Effektenlager „Kanada“ in Brand, um die riesigen Mengen an geraubten Habseligkeiten der Ermordeten zu vernichten. Am 26. Januar schließlich wurde das letzte noch funktionsfähige Krematorium V gesprengt. Zurückgelassen wurden vor allem die schwer kranken, schwachen und sterbenden Gefangenen, die für die Evakuierung zu entkräftet waren – insgesamt etwa 7.000 bis 7.600 Menschen, darunter viele Kinder, ältere Personen und Schwerkranke.Gegen 9 Uhr morgens drangen erste Aufklärungseinheiten und Pferdepatrouillen in das Außenlager Auschwitz III-Monowitz (das I.G.-Farben-Lager) ein, wo sie etwa 600 bis 800 ausgemergelte Überlebende vorfanden, viele von ihnen in Baracken oder im Lazarettbereich. Die Soldaten stießen auf Hunderte Leichen und ein Bild unvorstellbarer Verwüstung.
Etwa gegen 15 Uhr nachmittags erreichten die Hauptkräfte das Stammlager Auschwitz I und das riesige Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau. Die Tore standen offen oder wurden von Panzern durchbrochen; kaum noch bewaffneter Widerstand leistete sich, da die meisten SS-Männer bereits geflohen waren.Die Rotarmisten betraten eine gespenstische Szenerie: In den Baracken lagen Tausende halbtote Menschen, abgemagert bis auf 25–35 Kilogramm Körpergewicht, viele litten unter Typhus, Tuberkulose, Hungerödemen und schwersten Unterkühlungsschäden. Überall fanden die Soldaten gestapelte Leichen, Hunderte Tote allein in den letzten Tagen, daneben gigantische Lagerbestände an Beutegut: 370.000 Männeranzüge, 837.000 Frauenkleiderstücke, 40.000 Paar Brillen, unzählige Schuhe, Kofferberge und schließlich sieben Tonnen menschliches Haar, das in Säcken für den Weitertransport zur industriellen Verwertung bereitlag. Sowjetische Kameraleute, darunter Alexander Woronzow, filmten vom Flugzeug aus und dann direkt vor Ort die ersten Bilder – Aufnahmen von ausgemergelten Überlebenden, von Kindern mit tätowierten Nummern auf dem Arm, von Leichenstapeln und von den Ruinen der Vernichtungsanlagen.Unmittelbar nach dem Eintreffen begannen die Soldaten und mitgeführten Sanitäter mit der Versorgung der Überlebenden. Mit Unterstützung des Polnischen Roten Kreuzes und polnischer Freiwilliger aus der Umgebung richteten Feldlazarette ein; sowjetische Militärkrankenhäuser übernahmen die Behandlung von etwa 4.500 der schwerstkranken Häftlinge. Dennoch starben in den ersten Tagen und Wochen nach der Befreiung noch Hunderte an den Folgen der jahrelangen Misshandlungen, Unterernährung und Krankheiten, weil ihr Zustand bereits zu hoffnungslos war.Die Befreiung von Auschwitz markierte nicht nur das Ende der industriellen Massenvernichtung an diesem Ort – wo mehr als eine Million Menschen, vor allem Juden, aber auch Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Polen und andere systematisch ermordet worden waren –, sondern legte zugleich das ganze Ausmaß des NS-Völkermords offen. Die Soldaten der Roten Armee, die selbst den Schrecken des Krieges kannten, waren von dem Anblick zutiefst erschüttert und fassungslos.
Der 27. Januar 1945 wurde später zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust und steht bis heute als Mahnung gegen Völkermord und menschenverachtende Ideologien.

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