Damals

Radio Eriwan – 1986

Titelbild: Beispielbild Pixabay LizenzDank an Elmira, die die Zeit in der Sowjetunion noch miterleben konnte und jede Frage beantwortet. Das vergesse ich nicht. Was für eine wundervolle Zeitzeugin. Im Jahr 1986 pulsiert das Leben in der Sowjetunion in einem Rhythmus aus gewohnter Routine, leiser Hoffnung und anhaltenden Engpässen. Seit März 1985 sitzt Michail Gorbatschow als Generalsekretär an der Spitze, und man spürt bereits, dass etwas in Bewegung gerät. In Zeitungen und im Radio tauchen neue Begriffe auf – Perestroika (Umbau), Uskorenije (Beschleunigung), Glasnost (Offenheit) –, und viele Menschen atmen vorsichtig auf. Nach den grauen Jahren der Stagnation unter Breschniew wirkt der neue Mann dynamisch, jung, eloquent. Er spricht von Disziplin, Anti-Alkohol-Kampagnen, Korruptionsbekämpfung und einer besseren Versorgung. In Fabriken und Kolchosen hängen Plakate mit seinen Reden, und man diskutiert abends in den Küchen, ob sich nun endlich etwas ändern wird.

Der Alltag eines typischen Sowjetbürgers – sagen wir eines Arbeiters, Ingenieurs oder Lehrers in einer Großstadt wie Moskau, Leningrad oder Kiew – beginnt früh. Viele stehen um sechs oder sieben Uhr auf in einer Plattenbauwohnung, die der Staat zugeteilt hat. Die Miete ist lächerlich niedrig: Für eine Drei-Zimmer-Wohnung zahlt man oft nur 15 bis 25 Rubel im Monat, manchmal sogar weniger. Das ist ein winziger Bruchteil des Einkommens – die Wohnungen sind stark subventioniert, und man wartet dafür oft jahrelang in der Schlange. Viele junge Familien leben noch bei den Eltern, weil der Wohnraum knapp bleibt. Heizung, Strom und Wasser kosten fast nichts. Das Gefühl von Sicherheit ist hoch: Arbeit hat fast jeder, Arbeitslosigkeit kennt man offiziell kaum, Medizin und Bildung sind kostenlos.

Das Frühstück besteht meist aus Brot, Kascha, Tee und vielleicht etwas Wurst oder Käse, wenn es gerade da ist. Brot kostet um die 0,20–0,30 Rubel pro Laib, Milch um die 0,30–0,40 Rubel pro Liter – alles stark subventioniert. Fleisch (oft Schwein oder Huhn) liegt bei rund 2–3 Rubel pro Kilo im Laden, aber genau hier beginnt der tägliche Kampf. Die Regale sind häufig halb leer. Man steht Schlange, manchmal stundenlang, und kauft, was gerade kommt – „defizitnyje towary“. Wer Beziehungen hat („Blat“), bekommt bessere Stücke durch die Hintertür oder über den Betrieb. Auf den Kolchos-Märkten ist alles frischer und reichlicher, aber teurer – dort zahlt man das Doppelte oder Dreifache. Viele haben eine Datscha oder Verwandte auf dem Land, die Kartoffeln, Gemüse und Eier liefern. Ohne diese privaten Netzwerke wäre die Ernährung eintönig.

Der durchschnittliche Monatslohn liegt bei etwa 130–200 Rubel für normale Arbeiter und Angestellte. Ein qualifizierter Ingenieur oder Lehrer verdient oft 150–250 Rubel, Professoren oder Spezialisten deutlich mehr. Davon geht ein großer Teil für Essen drauf – oft über die Hälfte. Kleidung ist teuer und nicht immer schön: Eine gute Jacke oder Jeans (besonders westliche, die auf dem Schwarzmarkt kursieren) können 100 Rubel oder mehr kosten. Ein Farbfernseher liegt bei mehreren hundert Rubeln, ein Auto (Lada oder Moskwitsch) bei mehreren tausend – und die Wartezeit beträgt Jahre. Öffentliche Verkehrsmittel sind billig: Die Metro oder der Bus kostet wenige Kopeken. Alkohol – Wodka vor allem – wird teurer und knapper durch Gorbatschows Kampagne, was viele als Einschränkung empfinden, aber auch als notwendig für die Disziplin sehen.

Im Betrieb beginnt der Tag mit der üblichen Routine: Planerfüllung, Versammlungen, Kritik und Selbstkritik. Gorbatschow drängt auf mehr Eigenverantwortung der Betriebe, auf Qualität statt Quantität, auf Kampf gegen Trunkenheit und Bummelei. Man merkt, dass Kontrollen strenger werden, aber gleichzeitig mehr geredet werden darf. In den Pausen flüstert man über die neuesten Gerüchte: Wird es wirklich mehr Konsumgüter geben? Kommen Computer in die Schulen? Glasnost lässt vorsichtig kritische Artikel in der Presse zu – nicht zu viel, aber genug, dass man spürt, die Zensur lockert sich ein wenig. Viele hoffen auf bessere Zeiten, sind aber skeptisch, weil sie die Stagnation der 70er und frühen 80er noch im Knochen haben.

Abends geht es in die Wohnung zurück, vielleicht zum Fernsehen („Wremja“ mit den Nachrichten), ins Kino oder zu Freunden. Kultur ist günstig: Theater, Ballett oder Konzerte kosten wenig. Die Menschen lesen viel – Bücher sind billig und begehrt. Gespräche drehen sich oft um die Versorgung, um Gorbatschows Reformen, um den Westen, den man durch Filme oder West-Radiosender („Feindesstimmen“) ein bisschen kennt. Es gibt ein starkes Gemeinschaftsgefühl, aber auch Frustration über die ewigen Schlangen, die mangelnde Qualität vieler Produkte und die Bürokratie. Kinder spielen draußen zwischen den Plattenbauten, Großmütter passen auf, das soziale Netz funktioniert noch.

1986 ist ein Übergangsjahr. Die Wirtschaft wächst leicht durch die ersten Reformen und bessere Ernten, doch die grundlegenden Probleme – Ineffizienz, versteckte Inflation, Geldüberhang bei Warenmangel – bleiben. Gorbatschow kündigt mögliche Preiserhöhungen für Brot, Fleisch und Milch an, weil die Subventionen den Staatshaushalt belasten, und auch Mieten könnten steigen. Viele reagieren besorgt: „Nur nicht wie in Polen“, heißt es. Gleichzeitig weckt er Hoffnung. Das Leben fühlt sich stabil an – niemand hungert wirklich, niemand ist obdachlos –, aber es fehlt an Glanz, an Auswahl, an Perspektive für die Jungen. Man arbeitet, steht Schlange, hilft sich gegenseitig und wartet ab, was der neue Kurs wirklich bringt. Es ist ein grauer, aber irgendwie optimistischer Alltag: Die Sowjetunion von gestern, mit dem Hauch einer ungewissen, aber möglicherweise besseren Zukunft.

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