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Damals

30 Jahre danach-Hafenstraße 52, Lübeck

Titelbild Haus nach dem Brand, Stephan Grimm, Lizenz 4.0

In der Nacht zum 18. Januar 1996 ereignete sich in Lübeck einer der schwersten und bis heute ungeklärten Anschläge der deutschen Nachkriegsgeschichte. Gegen kurz nach 3 Uhr morgens brach in dem dreistöckigen Asylbewerberheim in der Hafenstraße 52 ein verheerendes Feuer aus, das sich mit rasender Geschwindigkeit im gesamten Gebäude ausbreitete.In dem Haus lebten zu diesem Zeitpunkt 48 Menschen, die meisten davon aus afrikanischen Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo, Angola und Togo sowie aus dem Libanon – darunter sehr viele Familien mit kleinen Kindern. Die Bewohner wurden im Schlaf überrascht. Panische Schreie hallten durch die Nacht, Menschen riefen verzweifelt um Hilfe.

Eine 32-jährige Frau aus dem Kongo schaffte es noch, mit ihrem Handy den Notruf zu wählen und in drei verschiedenen Sprachen „Feuer! Polizei! Hafenstraße 52!“ zu schreien – kurz darauf erstickten sie und ihr fünfjähriger Sohn in den giftigen Rauchschwaden. Andere Bewohner sprangen in Todesangst aus den Fenstern des brennenden Hauses, wieder andere wurden von den Flammen eingeschlossen.

Am Ende starben zehn Menschen, darunter sieben Kinder und Jugendliche – die jüngsten Opfer waren sogar in Deutschland geboren. 38 weitere Menschen erlitten zum Teil lebensgefährliche Verletzungen durch Rauchvergiftung, Verbrennungen und Sprungverletzungen. Die Bilder von lodernden Flammen, verzweifelten Menschen auf dem Dach und den Trümmern des ausgebrannten Hauses gingen um die Welt und lösten großes Entsetzen aus.Schnell stand fest, dass es sich um Brandstiftung handelte – ein vorsätzlich gelegter Brand, der als Mordanschlag zu werten ist. Bereits in den frühen Morgenstunden gerieten vier junge Männer aus Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern) ins Visier der Polizei. Sie waren kurz vor Ausbruch des Feuers am Tatort gesehen worden, fielen durch ihr auffälliges Verhalten auf und wurden von Polizeibeamten sogar kontrolliert und ihre Personalien aufgenommen. Die Männer gehörten nachweislich dem rechtsextremen Skinhead-Milieu an, einige hatten Verbindungen zur Neonazi-Szene und trugen Spitznamen wie „Klein-Adolf“. Es gab Zeugenaussagen, dass sie bereits vor Eintreffen der Feuerwehr am brennenden Haus standen, teilweise mit sichtbaren Spuren von Ruß und Brandgeruch im Gesicht.Trotz dieser massiven Verdachtsmomente und obwohl zwei der Männer später die Tat teilweise gestanden hatten, die Geständnisse dann aber wieder widerriefen, wurden die Ermittlungen gegen sie bereits am nächsten Tag eingestellt.

Die vier hätten sich zum Tatzeitpunkt angeblich an einer Tankstelle etwa 15 Kilometer entfernt aufgehalten. Diese Alibi-Angaben erwiesen sich jedoch als widersprüchlich und wurden von vielen Beobachtern als sehr dünn bewertet. Die Staatsanwaltschaft verfolgte stattdessen mit großem Nachdruck eine andere Spur – sie verdächtigte einen libanesischen Bewohner des Hauses, Safwan Eid, die Brandstiftung aus internen Streitigkeiten heraus gelegt zu haben.Dieser Mann wurde festgenommen, monatelang in Untersuchungshaft gehalten und schließlich in zwei aufsehenerregenden Prozessen , 1997 vor dem Landgericht Lübeck und 1999 vor dem Landgericht Kiel, jeweils aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Der Verdacht gegen die vier Rechtsextremen wurde hingegen nie ernsthaft weiterverfolgt, obwohl es zahlreiche Ungereimtheiten, Zeugenaussagen und Kritik an der Ermittlungsführung gab.

Viele Überlebende, Angehörige, der damalige Lübecker Bürgermeister Michael Bouteiller und verschiedene Menschenrechtsorganisationen sind bis heute überzeugt, dass es sich um einen rassistisch motivierten, rechtsextremen Brandanschlag handelte – vergleichbar mit den Anschlägen von Mölln (1992) und Solingen (1993), nur dass in Lübeck die Täter bis heute straffrei blieben.Der Fall gilt als der tödlichste ungeklärte Brandanschlag in der Geschichte der Bundesrepublik.

Auch 30 Jahre später (Stand Januar 2026) gibt es keine Verurteilung, die Ermittlungen wurden nie wieder ernsthaft aufgenommen – selbst nach Bekanntwerden des NSU-Komplexes und neuerlicher öffentlicher Debatte.

Die Initiative „Hafenstraße ’96“, Überlebende und Angehörige fordern seit Jahren einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, die offizielle Anerkennung als Opfer rechter Gewalt und ein würdevolles Gedenken. Ein schlichter Granitblock am Hafenrand erinnert heute an die Toten – doch für viele Betroffene bleibt die Wunde offen, weil Gerechtigkeit bis heute ausbleibt.

 

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