Quelle :WDR, eigene Recherchen.
Am frühen Sonntagmorgen des 25. Juni 1995 bricht der 60-jährige Bäckermeister Werner Senger aus Düsseldorf-Unterbach wie so oft zur Jagd auf. Mit seinem Terrier im grünen Opel Astra Caravan fährt er zum Römerweg bei Erkrath, einem Feldweg zwischen Düsseldorf und Mettmann. Er will Kaninchen schießen und rechtzeitig zum gemeinsamen Frühstück mit Frau und Tochter zurück sein. Stattdessen kehrt er nie zurück.
Als er gegen Mittag immer noch nicht zu Hause ist, werden seine Frau und die damals 18-jährige Tochter Alexandra unruhig. Ein Anruf der Polizei bringt die Nachricht, dass sein Auto am Römerweg stehe – mit dem Hund eingeschlossen. Die beiden Frauen fahren sofort hin. Alexandra schlägt mit Hilfe eines Bekannten die Scheibe ein, um den Terrier zu befreien. Kurz darauf entdecken sie den Toten in einer Ackerfurche, nur notdürftig mit Erde, Brennnesseln und Gras bedeckt. Kopf und Füße ragen heraus. Neben ihm liegen mehrere junge, tote Kaninchen.
Werner Senger ist aus nächster Nähe mit drei Schüssen getötet worden: in die Brust, die Schulter und den Kopf. Es gibt keine Anzeichen eines Kampfes oder von Abwehrverletzungen. Die Obduktion und die Spurenlage deuten darauf hin, dass der Täter sehr nah an ihn herangetreten sein muss – und dass Senger offenbar nicht mit einem Angriff gerechnet hat. Am Tatort und in der weiteren Umgebung finden die Ermittler weder Patronenhülsen noch Projektile, obwohl tagelang mit großen Suchaktionen gesucht wird. Auch Sengers eigene Waffe, eine Savage im Kaliber .22 Magnum, ist verschwunden, ebenso sein Fernglas, die Autoschlüssel und sein Handy – zu dieser Zeit noch ein seltenes Gerät. Die neben ihm liegenden Kaninchen sind nicht mit seiner Schrotflinte, sondern mit einer Projektilwaffe getötet worden.
Die Mordkommission geht rund 200 Hinweisen nach und überprüft etwa 75 Personen. Es gibt keine brauchbaren Zeugen. Ein kurzzeitig Verdächtiger hat ein Alibi. Theorien kursieren schnell: Jemand aus dem engeren Umfeld, mit dem Senger einen persönlichen Streit hatte? Ein Wilderer? Oder militante Tierschützer und Jagdgegner, die in den frühen 1990er Jahren im Revier wiederholt Hochsitze beschädigt und Leitern angesägt hatten? Die Polizei kommt zu keinem klaren Motiv und keinem Täter. Senger war in der Jägerschaft beliebt – Gründungsmitglied und Hornmeister der Jagdhornbläsergruppe Erkrath –, und an seiner Beerdigung nehmen Abordnungen zahlreicher Hegeringe sowie über 60 Bläser teil. Die Jäger erhöhen die Belohnung der Staatsanwaltschaft von 3000 auf bis zu 24.000 DM. Ein Durchbruch bleibt aus.
Dreißig Jahre später spricht Tochter Alexandra Senger erstmals öffentlich mit der WDR-Lokalzeit „MordOrte“ über den Tag. Sie erinnert sich an den Schock, an die Vernehmung ihrer Mutter als erste Verdächtige und daran, wie ein Familienfreund ihr schließlich sagte: „Der Papa, der kommt nicht mehr wieder.“ Sie hält es für wahrscheinlich, dass der Täter aus dem engsten Umfeld stammt und die Familie möglicherweise bis heute kennt. Für sie und ihre Mutter bleibt die Ungewissheit eine offene Wunde. Am Tatort steht ein Gedenkstein der Jagdkollegen; die Bläsergruppe gedenkt Senger jährlich mit Gebet und Musik. Die Akten liegen weitgehend still. Hinweise können an die Polizei Düsseldorf oder an lokalzeithinweise.mordorte@wdr.de gerichtet werden. Der Täter ist bis heute unbekannt.
