Damals

Die Vertreibung aus Niederschlesien

Titel-Bild: Handwagen eines Vertriebenen, HajjiBaba, Wikipedia 4.0

Flucht und Vertreibung aus Niederschlesien

Niederschlesien war vor 1945 kein Randgebiet, sondern Mitte. Breslau war die drittgrößte Stadt des Reiches, mit Universität, Jahrhunderthalle und Kaufhäusern, daneben Industriestädte wie Waldenburg und Liegnitz und Fachwerkdörfer im Riesengebirge. Dann kam der Winter 1944/45.


Am 21. Januar 1945 wurde Breslau zur Festung erklärt, etwa zweihunderttausend Zivilisten mussten bei minus zwanzig Grad die Stadt verlassen. Die Trecks aus Niederschlesien setzten sich zu spät in Bewegung, weil die Propaganda bis zuletzt vom Endsieg sprach, Ochsengespanne, Kinderwagen mit Bettdecken, Großmütter zu Fuß. Die Reichsbahn brach zusammen, die Übergänge bei Frankfurt an der Oder und Küstrin waren von der Roten Armee blockiert.
Wer Glück hatte, floh nach Süden über das Zobtengebirge und Glatz durch das noch offene Mähren nach Bayern und Sachsen, viele strandeten in Dresden und erlebten dort die Bombennacht vom 13. Februar 1945. Wer blieb, erlebte den Einmarsch im Februar und März und die Kämpfe um Breslau bis zum 6. Mai, zwei Tage nach der Kapitulation Deutschlands.

Im Mai 1945 lebten noch etwa viereinhalb Millionen Deutsche östlich von Oder und Neiße. In Niederschlesien übernahmen polnische Milizen und Neusiedler die Verwaltung, viele von ihnen selbst Vertriebene aus dem polnischen Osten, der an die Sowjetunion gefallen war.
Ab Juni 1945 wurden Deutsche über Nacht ausgewiesen, oft nur mit zwanzig Kilo Gepäck pro Person, ein Zettel an der Tür, meist nur auf Polnisch, das Haus innerhalb von zwei Stunden zu verlassen. In Städten wie Bad Salzbrunn datiert der erste Vertreibungsbefehl auf den 14. Juli 1945. Es folgten Monate der Unsicherheit, Zurückschicken, Wiedereinweisen, Zusammenpferchen mit neuen Bewohnern auf engstem Raum, Hunger und Internierungslager wie Lamsdorf und Kittlitztreben. Das ist die Zeit, die Historiker heute die wilden Vertreibungen nennen, noch ohne Fahrplan, aber mit viel Gewalt.


Am 2. August 1945 beschlossen die Alliierten in Potsdam die ordnungsgemäße und humane Überführung der deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn. Für Niederschlesien bedeutete das einen Namen, der harmlos klingt, Operation Schwalbe, im Englischen Operation Swallow.
Die Briten organisierten von Februar 1946 bis Oktober 1947 systematisch Züge, Güterwaggons, dreißig Personen pro Waggon, ein Eimer, ein kleiner Ofen in der Mitte. Abfahrtsbahnhöfe waren Liegnitz, Waldenburg, Hirschberg und Breslau, Zielbahnhöfe waren Uelzen-Bohldamm, Hannover und Lüneburg, von dort verteilt auf Niedersachsen und Westfalen. Allein in dieser Operation wurden rund eineinhalb Millionen Deutsche aus Niederschlesien, Oberschlesien und Pommern in die Britische Zone gebracht. Insgesamt mussten zwischen 1944 und 1948 etwa elf Komma neun Millionen Deutsche ihre Heimat im Osten verlassen. Tausende starben an Entkräftung, Krankheiten und in Lagern. Wer ankam, kam in Notaufnahmelager, Turnhallen und Baracken.

Heute heißt Niederschlesien Dolny Śląsk, die Städte heißen Wrocław, Wałbrzych, Legnica und Jelenia Góra, in den Friedhöfen liegen deutsche und polnische Namen nebeneinander. Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung ist Teil der deutschen und polnischen Geschichte.

In Gedenken an R.

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