Damals

Lothar Witzke und die Sabotage hinter der Front

Titelbild: Witzke, 1916, ki, kasaan media, 2026

Der Mann, der New York sprengen wollte: Der fast vergessene Anschlag von 1916

New York, 30. Juli 1916, kurz nach Mitternacht. Ein Donnerschlag zerreißt die Nacht. Über dem Hafen steigt eine Feuersäule auf. Fenster zerspringen bis nach Manhattan und Brooklyn. Die Freiheitsstatue bekommt einen Splitter ab. Auf Black Tom Island, einem Munitionsdepot, explodieren über 1000 Tonnen Sprengstoff.



Sieben Menschen sterben. Der Schaden: über 20 Millionen Dollar. Das sind heute fast 500 Millionen Euro.
Es war der größte Anschlag auf US-Boden vor 9/11. Und er wurde in Deutschland geplant.

Wer führte ihn?

Der deutsche Militärgeheimdienst unter Walter Nikolai plante die Destabilisierung der USA von innen.

1916 war Deutschland im 1. Weltkrieg. Die USA waren offiziell neutral. Aber in New York liefen die Waffenlieferungen für Großbritannien und Frankreich auf Hochtouren.

Für die deutsche Militärführung war das ein Problem. An der Westfront fehlte Munition. Also entschied man sich für Sabotage hinter der Front.

Zuständig war die Abteilung III b des Großen Generalstabs. Das war der militärische Geheimdienst des Kaiserreichs.
Gegründet schon 1889, war III b im Krieg zur schlagkräftigsten Abteilung des deutschen Militärs geworden. Rund 1000 Mitarbeiter: Offiziere, Übersetzer, Funker, Fotografen. Aufgeteilt in Abwehr, Nachrichtendienst und Sabotage im Ausland.


Chef war ab 1915 Oberst Walter Nicolai, ein hochfähiger Kopf für den genannten Posten.

Unter ihm wurde III b deutlich aggressiver. Der Etat war geheim und fast unbegrenzt. Agenten bekamen falsche Pässe, Diamanten als Bezahlung und Kontakte zu Tarnfirmen in neutralen Ländern. Ihre Methoden: Brandstiftung in Fabriken, Bomben in Waffenlagern, Streiks anzetteln, Brände legen. Ziel war immer: Den Gegner von innen schwächen, ohne dass man es ihm direkt nachweisen kann.

Ein Mann wurde nach Amerika geschickt, Lothar Witzke. Geboren 1890 in Breslau, Marineoffizier, 26 Jahre alt. Offiziell desertiert, in Wahrheit Agent von III b. Sein Auftrag, Sabotageakte in US-Häfen organisieren.

Witzke tauchte unter. Mit Hilfe des deutschen Konsulats in New York und eines Netzwerks von Sympathisanten. Er soll die Sprengung von Black Tom koordiniert haben. Beweise gab es kaum. Die Täter nutzten Zeitzünder und Briefbomben. Witzke arbeitete hoch professionell.
Nach der Tat verschwanden sie.

Was hätte Deutschland davon gehabt?

Es ging um Strategie.

1. Nachschub stoppen: Ohne Munition aus Amerika wären die Alliierten geschwächt worden.
2. Angst schüren: Wenn selbst New York nicht sicher ist, sollte der Druck auf die US-Regierung steigen, neutral zu bleiben.
3. Zeit gewinnen: Jeder Tag ohne Waffenlieferung war ein Vorteil für Deutschland an der Front.

Für das Kaiserreich war das „totaler Krieg“. Auch mit Mitteln, die heute als Terrorismus gelten würden.

Das Ende des Spions

Witzke wurde 1918 in Mexiko gefasst und an die USA ausgeliefert. 1921 verurteilte ihn ein Gericht zum Tode. Kurz davor wurde es zu lebenslänglich umgewandelt. 1923 kam er im Gefangenenaustausch frei und kehrte nach Deutschland zurück.

Nach dem 2. Weltkrieg lebte er zurückgezogen in Hamburg. Er hat die Tat bis zuletzt bestritten.
Lothar Witzke starb am 16. Juli 1962 in Hamburg. Er ist in Ohlsdorf beerdigt.


Erst Jahrzehnte später, mit freigegebenen Akten, galt Black Tom als bewiesener Fall von deutscher Staatssabotage. III b war damit der Vorläufer aller späteren deutschen Geheimdienste. Viele Methoden wurden hier 1914-1918 getestet. Leider fiel dem NKWD nach dem 2.Weltkrieg die Liste der Sabotagemoeglichkeiten in die Hände. Nikolai starb 1947 in Moskau.

Warum die Geschichte heute wichtig ist
Black Tom zeigt: Schon im 1. Weltkrieg wurde Krieg nicht nur mit Soldaten geführt. Sondern mit Spionen, Sabotage und Angriffen auf die Zivilwirtschaft weit hinter der Front.

Lothar Witzke war dafür das Gesicht. Ein junger Offizier im Auftrag von III b, der fast ein ganzes Land ins Chaos gestürzt hätte. Und der Grund, warum die USA 1917 erkannten, Neutralität schützt nicht vor Angriffen.

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