Titelbild Beispielbild ki generiert, kasaan media, 2026
Ein Sargzimmer in Hongkong, auch „coffin home“ oder „coffin cubicle“ genannt (chinesisch 棺材房), ist eine extrem beengte und prekäre Wohnform, die als eine der drastischsten Auswirkungen der schweren Wohnungsnot in der Stadt gilt.
Dabei handelt es sich um winzige Schlafkojen von meist nur ein bis zwei Quadratmetern Größe – gerade groß genug für eine Liege oder ein Etagenbett, etwas persönliche Habe und vielleicht einen kleinen Ventilator. Der Name „Sargzimmer“ rührt daher, dass der Raum so eng ist, dass man sich kaum bewegen kann und er stark an einen Sarg erinnert. Frühere Varianten waren die sogenannten Käfig-Wohnungen (cage homes) mit Metallgittern um die Betten; die heutigen bestehen meist aus Sperrholz-Partitionen mit Schiebetüren, in denen in einer einzigen normalen Wohnung (oft nur 40–50 m² groß) zehn bis dreißig Personen untergebracht sind.
Geteilte Toiletten, Duschen und manchmal eine einfache Kochgelegenheit sind die Regel, natürliches Licht und ausreichende Belüftung fehlen fast immer. Die Miete liegt bei etwa 1.800 bis 2.500 Hongkong-Dollar (rund 200–300 Euro) pro Monat – pro Quadratmeter betrachtet extrem teuer – und wird häufig aus Sozialhilfe bestritten.
Ursache für diese Wohnform ist Hongkongs einer der teuersten Immobilienmärkte weltweit: Hohe Nachfrage durch Bevölkerungswachstum, Zuwanderung, begrenztes Bauland und Spekulation machen normale Wohnungen für viele unerschwinglich. Besonders betroffen sind Niedrigverdiener, Ältere, Alleinstehende, Migranten und Menschen mit zusätzlichen Problemen. Die Wartezeit auf eine subventionierte Sozialwohnung beträgt oft mehrere Jahre bis über ein Jahrzehnt. Sargzimmer existieren bereits seit den 1950er/60er Jahren und dienen bis heute als Notlösung.
Die Lebensbedingungen sind hart: Häufig gibt es Ungeziefer wie Bettwanzen, Kakerlaken oder Ratten, Feuchtigkeit, Schimmel und extreme Hitze. Die Gebäude sind oft alt, feuergefährdet und mangelhaft gesichert. Privatsphäre existiert praktisch nicht, Lärm ist allgegenwärtig, und viele Bewohner verbringen möglichst wenig Zeit in ihren Kojen, sondern nutzen öffentliche Räume wie Fast-Food-Restaurants zum Ausruhen. Dennoch entsteht unter den Bewohnern oft eine gewisse Solidarität.
Rechtlich sind solche „Bedspace Apartments“ mit zwölf oder mehr Plätzen lizenzpflichtig, viele Vermieter umgehen dies jedoch. Die Regierung reguliert sie, verbietet sie aber nicht vollständig. Im Oktober 2024 wurden zwar Mindeststandards für unterteilte Wohnungen (subdivided units) angekündigt, Sargzimmer fallen jedoch weitgehend nicht darunter. Das langfristige Ziel ist, solche extremen Formen bis 2049 zu beseitigen, doch Fortschritte sind langsam. Schätzungen gehen von hunderttausend bis zweihunderttausend Menschen in verschiedenen Formen unzureichenden Wohnraums aus.
Sargzimmer sind damit ein extremes Symbol für die enorme soziale Ungleichheit in Hongkong – auf der einen Seite Reichtum und Luxus, auf der anderen bittere Armut und ein Versagen der Wohnungspolitik trotz hoher Staatsüberschüsse. Sie werden regelmäßig in internationalen Reportagen und Dokumentationen thematisiert und stehen für die Schattenseiten einer der reichsten, aber auch ungleichsten Städte der Welt.
