Cold Case

In den Straßen von Saarbrücken-der Fal

Titelbild Saarbrücken, tf,2026

Der ungelöste Schatten über Burbach: Das Verschwinden von Pascal Zimmer und die offenen Fragen nach 24 Jahren


Am 30. September 2001 verschwand der fünfjährige Pascal Zimmer aus Saarbrücken-Burbach spurlos. Der kleine, schmächtige Junge mit den blonden Haaren, braunen Augen und der auffälligen Zahnlücke hatte sich am Nachmittag mit seinem gelb-blauen Kinderfahrrad auf den Weg zur lokalen Kirmes gemacht. Er sollte nie zurückkehren. Bis heute fehlt von Pascal jede Spur – weder sein Leichnam noch sein Fahrrad wurden je gefunden. Der Fall gehört zu den spektakulärsten und rätselhaftesten der saarländischen Kriminalgeschichte und wirft bis heute schwere Fragen nach polizeilichen Ermittlungen, Justizversagen und dem möglichen Tathergang auf.

Pascal wuchs in einem sozial schwierigen Umfeld in Burbach auf, einem ehemaligen Industrieviertel mit hoher Arbeitslosigkeit, Prostitution und Problemen mit Drogen und Gewalt. An jenem Sonntag verließ er gegen 16 Uhr seine Wohnung in der Hochstraße. Zeugen sahen ihn noch in der Nähe des Festplatzes. Kurz darauf brach die Spur ab. Am Abend fand seine Familie oder eine Zeugin seinen Fahrradhelm in einem Hinterhof eines Wohnblocks – nur wenige Straßen von seinem Zuhause entfernt. Diese lokale Entdeckung ist bis heute irritierend: Warum tauchte ausgerechnet dieses Kleidungsstück so nah am Geschehen auf, während der Junge und sein Rad komplett verschwanden? Hatte jemand versucht, Spuren oberflächlich zu verwischen oder falsche Fährten in der Nachbarschaft zu legen? Ein rein überregionaler Täter hätte vermutlich alles möglichst schnell und weit weggebracht.


Die Tosa-Klause- das Zentrum der Ermittlungen

Die Spur führte rasch zur Tosa-Klause, einer unscheinbaren kleinen Stehkneipe mit Straßenverkauf an der Hochstraße 76 in Burbach, direkt gegenüber dem Sozialamt. Die Kneipe wurde 1999 von Christa Weyand eröffnet, einer intelligenten Frau mit IQ 138, die zuvor als Stenotypistin, Bankangestellte und Taxifahrerin gearbeitet hatte. Sie fungierte auch als Betreuerin für hilfsbedürftige Personen, darunter Andrea M., eine geistig behinderte Frau, die als Gelegenheitsprostituierte arbeitete und ihren Sohn „Kevin“ mit in dieses Milieu brachte.

Die Tosa-Klause entwickelte sich zu einem Treffpunkt für ein randständiges Milieu aus chronischen Alkoholikern, sozial Schwachen und mutmaßlichen Kindesmissbrauchstätern. „Kevin“ berichtete später in Pflegefamilien von regelmäßigem sexuellem Missbrauch in der Kneipe. Er nannte Pascal als weiteres Opfer. Mehrere Personen aus diesem Kreis machten (später teils widerrufene) Aussagen: Pascal sei in die Kneipe gelockt, mehrfach vergewaltigt und mit einem Kissen erstickt worden. Die Leiche habe man in einem Müllsack beseitigt. Christa Weyand soll die Missbrauchstaten sogar auf Bierdeckeln notiert haben – ähnlich wie Getränkebestellungen.


Im Februar 2003 kam es zu Massenverhaftungen im „Tosa-Gemeinschaft“-Komplex. Der anschließende Pascal-Prozess (2004–2007) war mit 147 Verhandlungstagen und 294 Zeugen einer der längsten und aufwendigsten in der Geschichte des Saarlandes. Alle zwölf Angeklagten wurden 2007 freigesprochen, weil begründete Zweifel blieben. Das Urteil wurde 2009 vom Bundesgerichtshof bestätigt. Viele sahen darin ein Versagen des Rechtsstaats – trotz starker Indizien fehlten forensische Beweise.

Die Suche nach dem Leichnam-Grabungen in Schœneck und weitere Orte

Besonders intensiv suchten die Ermittler nach dem Leichnam. Nach Aussagen sollte Pascal in einer Sand- bzw. Kiesgrube bei Schœneck (Schœneck) in Lothringen, nur wenige Kilometer hinter der deutsch-französischen Grenze, verscharrt worden sein. Im April 2003 durchkämmte eine 70-köpfige Einsatzgruppe die Grube wochenlang – ohne Erfolg. Spätere Hinweise (u. a. aus dem Gefängnis) deuteten an, die Leiche sei wieder ausgegraben und an einem anderen Ort, möglicherweise auf einem Grundstück in Luxemburg, das mit dem Tosa-Umfeld in Verbindung stand, neu vergraben worden. Auch diesem Hinweis (Nr. 677) wurde nicht konsequent nachgegangen. Weitere Suchen betrafen das Saarufer, Weiher, Baustellen und Waldgebiete in der Region. Moderne Techniken wie Bodenradar kamen damals noch nicht flächendeckend zum Einsatz.

Überregionale Täter und die Fourniret-Spekulation


Immer wieder taucht die Theorie eines überregionalen Täters auf. Manche spekulieren über Verbindungen zu Michel Fourniret, dem berüchtigten „Ogre des Ardennes“, einem französischen Serienmörder, der Mädchen und junge Frauen in Frankreich und Belgien tötete. Fourniret wurde für seine Taten verurteilt und starb 2021 im Gefängnis. Eine direkte Beteiligung am Fall Pascal ist durch nichts erwiesen und wurde nie ernsthaft gerichtlich oder polizeilich verfolgt. Die geografische Nähe (Ardennen/Saarland-Grenzregion) und das Profil als Kindermörder lassen Spekulationen zwar zu, doch fehlen jegliche konkreten Indizien, Zeugenaussagen oder DNA-Verbindungen. Die meisten Fakten sprechen weiterhin für Täter aus dem lokalen Burbacher Milieu.

Dennoch bleibt die Frage legitim: Passt nicht manches besser zu einem von außen kommenden Täter? Die unvollständige Beseitigung von Sachen (Helm im Hinterhof) und das Fehlen der Leiche könnten auf Panik oder professionellere Beseitigung hindeuten. Letztlich bleiben dies Spekulationen.

Warum der Fall nicht ruhen darf

Pascal wäre heute über 30 Jahre alt. Seine Eltern starben wenige Jahre nach dem Verschwinden, ohne je Antworten zu erhalten. Der Fall steht symbolisch für versäumten Kinderschutz, fragwürdige Ermittlungen und das Leid vergessener Opfer. Die Tosa-Klause gibt es längst nicht mehr, das Viertel hat sich verändert – doch die Erinnerung bleibt.

Es ist an der Zeit, dass neue Impulse kommen: Aktenneubewertung, moderne Forensik an alten Verdachtsorten (Schœneck, Luxemburg-Hinweise etc.) oder Zeugenaufrufe. Jeder Hinweis kann entscheidend sein – besonders zu den verteilten Gegenständen, dem Fahrrad oder möglichen Grabstellen.

Hinweise nimmt die Polizei Saarbrücken entgegen: Tel. +49681 96 22 135 (Soko oder Vermisstenstelle). Auch die Facebook-Initiative „Pascal Zimmer – Gegen das Vergessen“ sammelt Hinweise und hält die Öffentlichkeit wach.

Solange keine Klarheit über Pascals Schicksal herrscht, bleibt Burbach ein Ort mit einem dunklen Schatten. Für Pascal und alle betroffenen Kinder lohnt es sich, nicht aufzugeben. Die Wahrheit hat kein Verfallsdatum.


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