Arabischer Frühling

Die Verletzten vom Az Zawiyah Krankenhaus und Gaddafis letzte Bastion

(eig.Bericht)

Während sich Muammar el Gaddafi mutmaßlich in seinem luxuriösen Bunker auf einem gut gesicherten Armeestützpunkt in Tripolis versteckt, dem unwirklichen Ende wie ein ganz gewöhnlicher Despot in einem täglich wachsenden Tunnelblick entgegensieht, kommen drängende Fragen auf. Viele Ungewissheiten, die der selbst ernannte „Schlächter von Tripolis“ vor der Weltgemeinschaft beantworten sollte. Morgen vor den Freitagsgebeten.
Mubarak musste gehen, Ben-Ali auch nach den Freitagsgebeten.
„Absurd genug, er vermutet hinter den Truppen, die das Land befreien, Al-Qaida. Oder Amerika oder beide zusammen, brutale Drogensüchtige, kriminelle Banden. Er ist irr und zu jeder Tat bereit!“, betont Ali.
Auch Ibrahim klingt am Telefon zu Recht besorgt: “Nach den blutigen Kämpfen von Tajura vor zwei Tagen, fragen sich viele, wohin die Verletzten gekommen sind? Diese lagen in dem Az-Zaviyah Krankenhaus und im Universitätskrankenhaus von Tripolis! Aber Gaddafi treue haben, weil das libysche Regime der internationalen Presse zeigen wollte, dass sie die lebenden Humanisten sind, schnell die Verwundeten weggeschafft! Wohin?“
Ibrahim redet von ca. 1000 Toten in Tripolis und von weit mehr Verletzten. Er fürchtet einen Genozid an der Wehrlosen, zum Teil Schwerstverletzten, die in die Kampfhandlungen geraten sind. .
„Wo bitte ist das Internationale Rote Kreuz, der Rote Halbmond? Egal, wer, einer muss es kontrollieren! Gaddafi hat mittels der, von ihm kontrollierten, Afriqiyah Airways, Söldner aus Nigeria, Somalia und dem Tschad geholt. Legionäre, wie die aus Mali, die gewöhnlich im Süden lebten, in kleinen Dörfern, vor Dankbarkeit Gaddafi bis in den Tod treu sein werden. Zudem werden sie reich bezahlt.“
Das alles wirkt wie ein bizarres Still-Leben vor dem Sturm.
In Tripolis flammen nur noch vereinzelt Kämpfe auf. Pickups, auf die MG und Flugabwehrgeschütze montiert sind, kontrollieren in dieser Nacht.
Das Ende von Gaddafi erinnert an das überlieferte Finale von Hitler im Bunker der Reichskanzlei 1945. Auch dieser attackierte die Zivilbevölkerung mit fliegenden Standgerichten.
„Es ist wie bei allen verbrecherischen Diktatoren. Das Ende ziehen sie immer raus. Aber ihm wird ein Ende bereitet, ehe er noch mehr Verbrechen begeht und begehen lässt. Deutschland und England verhalten sich gegenüber uns ehrbar! Frankreich zieht jetzt auch nach“, erklärt Ibrahim nicht ohne Stolz.
Gaddafi will als Märtyrer sterben. Als der Held eines nicht mehr existierenden Staatsgefüges, der Realität entglitten, sein Ende finden. Um dieses unvermeidliche Schicksal möglichst weit hinauszuzögern, lässt sich der exaltierte, wirre Diktator einige schmutzige Tricks ein-fallen. Auf seine Bevölkerung nimmt er dabei keine Rücksicht.
„Warum auch? Er hat nur noch sein Leben zu verlieren!“, sagt Ali. Fügt hinzu.
„Das libysche Volk blutet aus, während Gaddafi Zeit gewinnt, in Tripolis einen brutalen Kampf um sein eigenes Überleben organisiert.“

„Die Demonstrationen, der unfassbare Aufruhr, der seit dem 15. Februar wie ein Orkan über dem Land tobt, hat unzählige Tote und Tausende von Verletzten gefordert. Auch Tripolis ist für Gaddafi nicht mehr zu halten. Es hat Morde gegeben, wahrscheinlich Massenmorde“, erzählt Ibrahim. .

In den östlichen Provinzen in Benghazi, Tobruk, Derna, Al-Beida fürchten die örtlichen Stammeskomitees immer noch die Rückkehr des Despoten, Bomben-angriffe auf schutzlose Zivilisten.
Aber erklären ihre Vorstellungen für einen neuen, gerechten Staat.
„Kein Mensch will weg!“, sagt Ibrahim.
„Das ist eine geschickte Desinformation von Gaddafi. Ich weiß, dass er Flüchtlinge während der Tunesien-Krise durchgelassen hat, die aus Angst vor dem Krieg flohen. Viele, derer, die jetzt Libyen verlassen, kommen aus den Anrainerstaaten. Kein Mensch kann ihnen verübeln, dass sie militärischen Handlungen entfliehen wollen. Das hat doch aber nichts mit Europa zu tun, sondern ist ein Problem der Staaten, die sich mitten in Revolutionen befinden. Natürlich geht jeder dem Krieg aus dem Weg. Aber warum senden die Europäer nicht Soldaten, die das Terrorregime in Tripolis beenden?“, fragt im gleichen Zug.
„Es kann doch den Europäern Recht sein, wenn wir in unseren Ländern bleiben. Alle möchten wieder aufbauen.
Wir wollen nur ein geeintes, freies, Libyen mit einer demokratischen Verfassung, die die erklärten Menschenrechte garantiert, die Unabhängigkeit der Justiz.
Jeder Libyer sollte daran teilhaben dürfen. Freie, demokratische Wahlen.
Der Schutz von allem Eigentum auf libyschen Boden, das fordern wir im Namen Gottes, des Barmherzigen. Mehr nicht. Und dass das Morden aufhört. Endlich und für alle Zeiten, ohne Gaddafi.“
Für viele in der tief traumatisierten Bevölkerung ein fast unwirklicher Wunsch, der vielleicht schon am nächsten Tag in Erfüllung gehen könnte.

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