Titelbild:Alfred Herrhausen (1985), Aufnahme von Wolf P. Prange aus dem Historischen Archiv der Deutschen Bank,Wolf P. Prange – Historisches Institut der Deutschen Bank, Frankfurt am Main Lizenz 4.0
Der Mord an Alfred Herrhausen: Trauer und 36 Jahre offene Ermittlungen
Am 30. November 1989, nur drei Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer, wurde Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, in Bad Homburg durch eine hochentwickelte Sprengfalle getötet. Sein gepanzerter Mercedes wurde gegen 8:34 Uhr von einer projektilbildenden Ladung getroffen, die über eine Lichtschranke gezündet wurde. Herrhausen verblutete am Tatort; sein Fahrer Jakob Nix überlebte schwer verletzt. Die Rote Armee Fraktion (RAF) bekannte sich mit dem „Kommando Wolfgang Beer“ zur Tat. Bis heute ist niemand für diesen Mord rechtskräftig verurteilt worden.
Die unmittelbare offizielle Reaktion
Am 1. Dezember 1989 veröffentlichte die Bundesregierung ein Bulletin mit Beileidsbekundungen und Erklärungen. Bundespräsident Richard von Weizsäcker schrieb an Traudl Herrhausen von einem „ruchlosen Anschlag“ und würdigte Herrhausens überragende Gaben in Wirtschaft und Gesellschaft, sein politisches Verantwortungsgefühl und seinen Beitrag zum Ansehen Deutschlands. Er erinnerte an ihre letzte Begegnung eine Woche zuvor beim Historischen Kolleg in München.
Bundeskanzler Helmut Kohl erklärte noch am Tag des Anschlags: „Der Mord an Alfred Herrhausen hat mich tief erschüttert. Dieser feige Anschlag war nicht nur gegen seine Person gerichtet.“ Er beschrieb Herrhausen als Mann, der sich mit vorbildlichem Engagement für die freiheitliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung eingesetzt habe, sich für die Länder der Dritten Welt, für Reformbewegungen in Ungarn und Polen sowie für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Sowjetunion engagiert habe. Kohl nannte ihn einen „überzeugten Kämpfer für die europäische Einigung“ und einen „deutschen Patrioten“. Das Attentat richte sich „gegen unsere demokratische Verfassung – und damit gegen uns alle“. Er forderte, Terrorismus und Gewalt kompromisslos zu bekämpfen, und sprach von einem persönlichen Verlust eines Freundes und Kameraden. Auf dem Forum „Europa gestalten“ in Düsseldorf brach er seine Rede ab und kündigte an, zur Familie des Ermordeten zu fahren.
Weitere Stimmen, darunter die Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth, Innenminister Wolfgang Schäuble und Finanzminister Theodor Waigel, verurteilten den Anschlag als feige, brutal und heimtückisch und stellten ihn in eine Reihe mit dem Mord an Karl Heinz Beckurts. Die Bundesanwaltschaft übernahm sofort die Ermittlungen; das Bundeskriminalamt wurde eingeschaltet. Zu diesem Zeitpunkt war die RAF-Verantwortung die Arbeitshypothese, konkrete Täter waren jedoch noch unbekannt.
Die Tat und die frühen Ermittlungen
Der Anschlag war technisch außergewöhnlich präzise. Die Bombe wurde am Straßenrand deponiert und so ausgerichtet, dass sie den Fahrerbereich traf. Ein in Plastikfolie eingeschweißtes Blatt mit dem RAF-Logo lag am Tatort; wenig später traf ein ausführliches Bekennerschreiben bei Nachrichtenagenturen ein, in dem die RAF Herrhausen als „mächtigsten Wirtschaftsführer Europas“ bezeichnete. Herrhausen stand bereits seit Jahren auf den Ziellisten der dritten RAF-Generation, die zuvor unter anderem Beckurts (1986) und den Diplomaten Gerold von Braunmühl (1986) ermordet hatte.
Früh fielen Ermittlern Auffälligkeiten auf: Die technische Ausführung der Bombe (militärischer Sprengstoff, projektilbildende Ladung, Lichtschranken-Zündung) übertraf das bisherige Können der RAF deutlich. Im Bekennerschreiben war von einer „Hohlladungsmine“ die Rede – ein Detail, das nicht exakt zur tatsächlichen Bauart passte. Die Behörden gingen dennoch von Beginn an von einer RAF-Täterschaft aus.
Der Kronzeugen-Skandal und die gescheiterten Verfahren
1991 trat der ehemalige V-Mann des hessischen Verfassungsschutzes Siegfried Nonne auf und belastete mehrere Personen aus dem RAF-Umfeld, darunter Andrea Klump und Christoph Seidler. In seiner Wohnung wurden Sprengstoffspuren gefunden. Nonne wurde zum zentralen Kronzeugen. Später stellte sich heraus, dass er kurz zuvor aus der Psychiatrie entlassen worden war, seine Aussagen mehrfach widerrief und wieder bestätigte und dass Teile der Beweisführung fragwürdig waren. Die Verfahren gegen die Beschuldigten wurden eingestellt oder führten nicht zu einer Verurteilung wegen des Herrhausen-Mordes. Klump wurde später wegen anderer Taten verurteilt, nicht jedoch wegen Herrhausen. Dieser Skandal diskreditierte die Ermittlungen nachhaltig. DNA-Untersuchungen am Bekennerschreiben brachten keine verwertbaren Ergebnisse. 2004 wurden die Verfahren gegen namentlich genannte RAF-Verdächtige eingestellt; die Akte blieb formal offen, die Suche nach den Ausführenden jedoch weitgehend ergebnislos.
Dokumentierte Unterstützung durch Stasi und KGB
Unbestreitbar ist die enge Zusammenarbeit zwischen der RAF und den Geheimdiensten der DDR und der Sowjetunion. Die Stasi gewährte RAF-Mitgliedern Unterschlupf, stellte Ausweise aus und unterstützte logistisch. Besonders relevant ist die Spezialeinheit AGM/S des Ministeriums für Staatssicherheit, die westdeutsche Terroristen im Umgang mit Waffen und Sprengstoffen trainierte. Dokumente aus den Stasi-Archiven zeigen, dass das MfS in den 1980er Jahren auch erwog, westliche Terrorgruppen zu nutzen, um eigene Aktionen zu tarnen.
Der Zeitpunkt des Anschlags – nur Wochen nach dem Mauerfall und kurz nachdem Helmut Kohl seinen Zehn-Punkte-Plan zur Wiedervereinigung vorgestellt hatte – nährte Spekulationen. Herrhausen war als Berater Kohls eng in die wirtschaftspolitischen Überlegungen zur Einheit eingebunden. Einige Historiker und ehemalige Ermittler halten es für denkbar, dass die Stasi oder der KGB logistische oder technische Unterstützung leisteten, ohne die Tat selbst ausgeführt zu haben. Direkte Beweise für eine Steuerung oder ein False-Flag-Szenario fehlen jedoch bis heute.
Die Dresdner KGB-Residentur
In diesem Kontext wird die KGB-Residentur in Dresden genannt. Dort war von 1985 bis 1990 Vladimir Putin als KGB-Offizier stationiert. Seine offizielle Aufgabe war die Zusammenarbeit mit der Stasi und Spionage, unter anderem im Umfeld des Elektronikkonzerns Robotron. Am 5. Dezember 1989 stellte er sich Demonstranten entgegen, die nach dem Sturm auf die Stasi-Zentrale auch das KGB-Gebäude bedrohten. In Catherine Beltons Buch „Putin’s People“ behauptet eine anonyme Quelle, Putin habe in Dresden Treffen mit RAF-Leuten gehabt, bei denen auch das Herrhausen-Attentat thematisiert worden sei. Diese Darstellung wurde vom Spiegel und anderen Medien als wenig belastbar eingestuft; die Quelle wurde als unzuverlässig identifiziert. Es gibt keine verifizierten Belege, die ihn persönlich mit dem Anschlag in Verbindung bringen. Die grundsätzliche Unterstützung der RAF durch den KGB ist hingegen dokumentiert.
Warum die Ermittlungen unbefriedigend bleiben
Mehrere Faktoren erklären die anhaltende Frustration: Die dritte RAF-Generation blieb weitgehend anonym. Die technische Professionalität der Bombe und die Qualität des Bekennerschreibens warfen Fragen auf, die nie vollständig geklärt wurden. Der Nonne-Skandal und andere Pannen untergruben das Vertrauen in die Ermittlungen. Nach der Wiedervereinigung wurden Stasi-Akten ausgewertet, doch entscheidende Beweise für eine direkte Beteiligung der Stasi am Herrhausen-Mord fanden sich nicht – oder wurden nicht gefunden. Ehemalige RAF-Mitglieder haben die Verantwortung der RAF bestätigt, die konkreten Täter bleiben jedoch unbekannt.
Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft sind formal nicht abgeschlossen, führen aber seit Jahren zu keinen neuen Durchbrüchen. Die Witwe Traudl Herrhausen und andere haben wiederholt auf mögliche Geheimdienstverstrickungen hingewiesen. Historiker halten ausländisches Know-how für wahrscheinlich, sehen aber keine stichhaltigen Beweise für eine Stasi-Steuerung. Andere Experten halten die klassische RAF-Erklärung für die plausibelste.
Der Fall Herrhausen steht exemplarisch für die Grenzen der Aufarbeitung des Linksterrorismus der 1980er Jahre. Die Verbindung zwischen RAF und DDR-Geheimdiensten ist real und umfangreich dokumentiert. Die konkrete Ausführung des Anschlags vom 30. November 1989 bleibt im Dunkeln. Genau diese Kombination aus dokumentierter Unterstützung, technischer Auffälligkeit und strafrechtlicher Nichtaufklärung macht den Fall so zermürbend. Die klare Haltung der Bundesregierung vom 1. Dezember 1989 – die Verurteilung des Anschlags als Angriff auf die demokratische Ordnung und die Forderung nach kompromissloser Bekämpfung des Terrorismus – steht in einem deutlichen Kontrast zum späteren Verlauf der Ermittlungen, die bis heute keine Täter überführt haben.
Ein Mord an einer der zentralen Figuren der deutschen Wirtschaft, begangen in einer historischen Umbruchphase, ist bis heute nicht aufgeklärt. Weder die Täter noch die genaue Rolle von Stasi und KGB sind vollständig geklärt. Das ist kein Verschwörungstheorem, sondern der nüchterne Stand der Dinge nach 36 Jahren.
