Titelbild: Beispielbild Pixabay
Am 15. April 1986 wurde im Hölzer Tal bei Magstadt im Landkreis Böblingen die Leiche einer 17-jährigen jungen Frau entdeckt, die als Angelika Steudle aus Aalen-Unterkochen identifiziert werden konnte. Dieser brutale Mordfall, der bis heute ungeklärt ist, begann einen Tag zuvor mit einer spontanen und emotional belasteten Entscheidung der jungen Frau. Angelika Steudle, eine blonde 17-Jährige, die ihre Ausbildung zur Damenschneiderin abgebrochen hatte und zu diesem Zeitpunkt arbeitslos war, hatte am Wochenende zuvor eine schmerzhafte Trennung von ihrem Freund erlebt.
Der junge Mann, der als Telekommunikationshandwerker bei der Bundeswehr in Calw stationiert war, hatte die Beziehung beendet, und Angelika litt unter dieser Zurückweisung. In ihrer Verzweiflung und dem Wunsch nach einem letzten klärenden Gespräch fasste sie am Abend des 14. April 1986 den Entschluss, per Anhalter von Aalen-Unterkochen aus nach Calw zu fahren – eine Strecke von rund 124 Kilometern, die sie in mehreren Etappen zurücklegen wollte.
Nach einem Besuch bei einer Freundin in Aalen setzte sie ihren Plan in die Tat um. Verschiedene Autofahrer nahmen sie mit: Zunächst fuhr sie bis zu einer Tankstelle in Essingen an der B 29, wo sie gegen 20 Uhr von einem hilfsbereiten Fahrer abgesetzt wurde. Dieser bemerkte ihren labilen Zustand, bot ihr Geld für eine Bahnfahrkarte an und gab ihr sogar seine Visitenkarte, die später bei der Toten gefunden wurde – doch Angelika lehnte ab und trampte weiter. Es folgten Stationen in Schwäbisch Gmünd, Schorndorf, Fellbach und Bad Cannstatt. Einer der Fahrer erinnerte sich später, dass sie erschöpft und möglicherweise unter Medikamenteneinfluss gewirkt habe und auf dem Beifahrersitz eingeschlafen sei; er bedauerte im Nachhinein, sie nicht zur Polizei gebracht zu haben. Gegen 21:30 Uhr wurde sie in der Gegend der Wilhelma in Stuttgart von einem Fahrer aus Ludwigsburg in einem Audi 80 mitgenommen, der jedoch einen Umweg machte. Sie stieg in Ludwigsburg an der Friedrich-Ebert-Straße aus, verbrachte kurz Zeit in einer Kneipe und begab sich dann zur Bärenwiese, einem damals als Straßenstrich bekannten Bereich. Dort wurde sie gegen 22 Uhr zum letzten Mal lebend gesehen, als sie in einen hellen Mercedes der Baureihe W115 (möglicherweise mit Ludwigsburger Kennzeichen) einstieg.
Was in den folgenden Stunden genau geschah, liegt im Dunkeln, doch die Ermittler rekonstruierten, dass der unbekannte Fahrer mit ihr über die A 81 und die B 295 in Richtung Renningen und Weil der Stadt fuhr, dann jedoch in Richtung Magstadt abbog und in das abgelegene Hölzer Tal gelangte. Dort, in der Nähe des Hölzersees – einem Ort, an dem sich nachts manchmal Jugendliche aufhielten –, lenkte er den Wagen auf einen schmalen Waldweg im Gewann Seebrückle. Zwischen etwa 23:30 Uhr und 3 Uhr in der Nacht zum 15. April 1986 wurde Angelika Steudle dort sexuell missbraucht und anschließend mit mehreren Messerstichen in die Brust getötet. Die Tatwaffe, ein einseitig geschliffenes Messer mit einer Klingenlänge von mindestens elf Zentimetern und einer Breite von zwölf Millimetern, wurde nie gefunden. Die Stiche waren so präzise und tödlich, dass Ermittler davon ausgingen, der Täter habe gewusst, wie man ein Menschenleben schnell auslöscht. Ihre Leiche wurde teilweise entkleidet aufgefunden, Unterwäsche lag separat neben ihr, während sie ansonsten mit Hose und Pullover bekleidet war. Am Tatort sicherten die Beamten unter anderem eine bis heute unbekannte DNA-Spur.
Am Nachmittag des 15. April 1986, gegen 16 Uhr, machte ein Spaziergänger den grausigen Fund im Waldstück des Hölzer Tals bei Magstadt. Angelika war bereits am Vorabend von ihrer besorgten Freundin als vermisst gemeldet worden. Die Sonderkommission „Steudle“ der Kriminalpolizei Böblingen übernahm die Ermittlungen und rekonstruierte die Route der jungen Anhalterin anhand von Zeugenaussagen. Der Fall erregte damals großes Aufsehen und wurde später in Sendungen wie „Aktenzeichen XY… ungelöst“ thematisiert. Trotz umfangreicher Fahndungsmaßnahmen – darunter die Überprüfung von über 2.000 Fahrzeugen des fraglichen Mercedes-Typs – blieb der Täter unerkannt. Die Lichtung, auf der die Leiche lag, ist heute zugewachsen und kaum noch wiederzuerkennen.
Auch vierzig Jahre später ist der Mord an Angelika Steudle ein ungelöster Cold Case. Die Kriminalpolizei Ludwigsburg und eine spezialisierte Cold-Case-Ermittlerin des Polizeipräsidiums Böblingen haben die Akten erneut aufgerollt, alte Zeugenaussagen auf Widersprüche geprüft, Fahrzeugüberprüfungen vertieft (einschließlich möglicherweise übersehener Mercedes-Modelle wie des W123) und Artefakte neu betrachtet. Es gibt Hinweise darauf, dass nicht alle Aussagen vollständig korrekt waren und dass der Täter die Gegend um das Hölzer Tal und die Bärenwiese-Szene gekannt haben könnte. Eine Belohnung in Höhe von 1.500 Euro ist für Hinweise ausgesetzt, die zur Ergreifung des Täters führen. Die Polizei bittet weiterhin um sachdienliche Informationen, insbesondere zu dem hellen Mercedes, seinen Insassen oder ungewöhnlichen Beobachtungen in der betreffenden Nacht. Wer etwas weiß, kann sich unter der Telefonnummer +497141189 oder per E-Mail an die zuständigen Dienststellen wenden.
Der Fall steht symbolisch für die Risiken des Trampens in jener Zeit und für die Tragik einer jungen Frau, deren verzweifelter Wunsch nach Versöhnung in einem schrecklichen Verbrechen endete. Trotz aller Fortschritte in der Forensik und der Beharrlichkeit der Ermittler wartet Angelika Steudles Familie bis heute auf Antworten und Gerechtigkeit. Die Akte ist nicht geschlossen – die Ermittlungen laufen weiter, und es soll kein Gras über die Sache wachsen.
