Damals DDR

Leipzig, Frühjahrsmesse 1987

Titelbild: Leipzig, 1987, kasaan media, 2026

Leipzig, Frühjahrsmesse 1987 – Protokoll einer Zumutung

Wer zur Frühjahrsmesse nach Leipzig fuhr, zahlte 250 Mark für ein Einzelzimmer im Hotel Merkur und bekam dafür ein Lehrstück über den Sozialismus im Endstadium. Über dem Bett hing Erich Honecker im Goldrahmen und wachte über den Schlaf des Werktätigen und des westdeutschen Messebesuchers. Unten an der Anmeldung stand die Volkspolizei und notierte, wer wann mit wem das Haus betrat. Die Stasi stand daneben und tat so, als würde sie nicht notieren. Das ganze Hotel war ein offenes Geheimnis. Im Foyer tagsüber die Herren aus dem Westen mit den Aktenkoffern, abends die Damen, die mit viel Make-up und wenig Hoffnung nach einem Freier suchten, nach ein paar Devisen, nach einem Satz, der vielleicht eine Ausreise wert war. Jeder wusste es, jeder sah weg, und am nächsten Morgen saßen alle wieder beim selben Frühstück.



Draußen auf dem Markt, vor dem Alten Rathaus, das Bild, das die Dias meiner Familie zeigen, wartete die Republik in Mänteln. Ein Wartburg Tourist in Braun, ein Polski-Fiat in Beige, Menschen, die sich die Nase am Schaufenster platt drückten, weil es im Messe-Sonderverkauf Dinge gab, die es sonst nie gab. Drinnen in Auerbachs Keller floss der Weinbrand und die DDR-Cola in Strömen, dazu der legendäre kubanische Orangensaft, diese süße gelbe Brühe, die nach Mangel schmeckte und als Weltläufigkeit verkauft wurde. Das Buffet war der Höhepunkt, das Gesprächsthema, der Beweis, dass man es geschafft hatte.


Abends im Zimmer dann die Krönung. Das Fernsehprogramm bot den Blick in den eigenen Untergang. Wer es nicht mehr ertrug, schaltete irgendwann den Schwarzen Kanal ein und ließ Karl-Eduard von Schnitzler hetzen, bis man vor Erschöpfung einschlief. Das war der Service für 250 Mark, das war die Gastfreundschaft, das war die Messe.
Zwei Jahre später war der Mann über dem Bett weg, das Hotel blieb, die Dias blieben und die Erinnerung, dass man einmal für viel Geld sehr schlecht geschlafen hat.

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