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Die Saboteure Russlands

Titelbild: KI generiert, 2026

Es ist eigentlich Krieg – wie Russland mit Wegwerfagenten, TikTok-Jobs und Fake-Romanzen Deutschland anzündet

Wenn man die Meldungen der letzten Monate nebeneinander legt, bleibt von dem verharmlosenden Wort „hybrid“ nichts mehr übrig. In Polen brennt das größte Einkaufszentrum der Hauptstadt, in Litauen brennt eine Ikea-Filiale, in Rumänien werden Pakete eines ukrainischen Paketdienstes mit Sprengstoff präpariert, in Leipzig scheitert im August 2026 ein Anschlagsversuch, der nach Erkenntnissen der Ermittler von Wegwerfagenten ausgeführt wurde. In Deutschland werden DHL-Frachtmaschinen fast zum Absturz gebracht und in mehreren Bundesländern werden über 270 Autos mit Bauschaum lahmgelegt und mit Anti-Grünen-Aufklebern beklebt. Hinter all dem steht nach gemeinsamer Lageeinschätzung von Bundeskriminalamt, Bundesamt für Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst und Militärischem Abschirmdienst derselbe Auftraggeber: der russische Staat.



Das System dahinter ist zynisch und effektiv. Seit 2022 wurden rund 600 russische Agenten mit Diplomatenpass aus Europa ausgewiesen. Der Ersatz sind sogenannte Wegwerfagenten. Die Bundesregierung definiert sie in ihrer Antwort auf die Bundestagsdrucksache 21/6190 so: Wegwerfagenten sind Personen ohne nachrichtendienstliche Ausbildung, die über Plattformen wie Telegram für geheime Aufträge angeworben werden – oft ohne zu wissen, für wen sie arbeiten. Häufig werden junge Männer mit osteuropäischem Hintergrund rekrutiert, die Straftaten in Deutschland ausführen, ohne eine nachrichtendienstliche Ausbildung erhalten zu haben, teilweise gegen geringes Entgelt und oft, ohne zu wissen, wer ihre wahren Auftraggeber sind und welchem Zweck die Taten dienen.

Die Rekrutierung findet nicht mehr nur auf Telegram statt. Sie hat längst TikTok erreicht. Auch TikTok unterhält derlei dubiose Jobangebote. Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt inzwischen in drei Sprachen auf offiziellen Plakaten: Russische Nachrichtendienste nutzen soziale Medien und Messenger-Dienste, um Freiwillige für Sabotage, Spionage und Propaganda zu rekrutieren. Wurden Ihnen Zahlungen angeboten, um pro-russische Inhalte zu verbreiten oder gezielt Sachbeschädigungen zu begehen?



Auf TikTok kursieren Videos, in denen mit leicht verdientem Geld, mit Model-Jobs, mit Fahrer-Jobs in Russland oder mit 100.000 Euro Einkommen durch einfache Tätigkeiten gelockt wird. Aus der Ukraine ist belegt, dass russische Auftraggeber ukrainische Jugendliche über Telegram mit Geld für Brandstiftungen anwarben. Viele der Betroffenen kamen aus armen Familien und waren erst 15 oder 16 Jahre alt. Ein 16-Jähriger nahm für 165 Dollar den Auftrag an, einen Signalschaltkasten in Brand zu setzen, später wurde ihm ein deutlich höherer Betrag für einen Auftrag mit Sprengsatz angeboten. Das Muster ist immer gleich: Geld gegen ein Foto als Beweis.

Zu diesem Muster gehört inzwischen auch der Romance-Scam. Scammer suchen auf Online-Partnerbörsen oder in sozialen Netzwerken wie Instagram, Snapchat, Facebook und TikTok nach Opfern und durchforsten dort die Mitgliederlisten. Eine kurze Einladung zum Chat dient als Erstkontakt. Scam-Männer geben sich als Ingenieure, Soldaten oder Öl-Arbeiter aus, Scam-Frauen geben sich bevorzugt als Russinnen aus, als Krankenschwestern, die leicht bekleidet posieren und Liebesschwüre verschicken. Die Polizei beschreibt es als massenhaftes emotionales Manipulieren, um Opfer gefügig zu machen. Genau diese Masche nutzen russische Dienste. Erst wird Vertrauen aufgebaut, dann kommt die Bitte um einen kleinen Gefallen, eine Information, ein Foto, ein Paket abholen, etwas anzünden. Der Fall des Wirecard-Flüchtigen Jan Marsalek zeigt, wie eine russische Geliebte als gezielte Honigfalle mit gefälschter Passakte und gelöschten Reisebewegungen eingesetzt wurde, um ihn für Moskau zu steuern. Wer auf TikTok glaubt, er chatte mit einer einsamen Russin, chattet möglicherweise mit einem Anwerber für die nächste Brandstiftung.



Wer soll für 10.000 Euro ermordet werden? Diese Zahl ist keine Erfindung, sondern stammt aus den Selbstversuchen von ZDF-Reportern, die sich als Saboteure bewarben. Die Anwerber fragten nach Geburtsdatum, Ausweis und Bewerbungsvideo und boten für 10.000 Euro sogar einen Auftragsmord an. Nach Recherchen von CNN und der Deutschen Welle sind die Ziele keine Zufallsopfer. Es sind drei Gruppen. Erstens die Chefs der Rüstungsindustrie. Der Plan gegen Armin Papperger, Chef von Rheinmetall, war nach Erkenntnissen amerikanischer Dienste der am weitesten fortgeschrittene unter einer ganzen Reihe von russischen Mordplänen gegen europäische Rüstungsmanager, die für die Ukraine produzieren. Zweitens Stefan Thumann von Donaustahl, der Drohnen für die Ukraine baut, dessen Wohnadresse von Wegwerfagenten ausgespäht wurde. Drittens Dissidenten und vor allem die freie Presse. Ja, Putin ist die freie Presse ein Dorn im Auge. Bellingcat, das mit 20 Euro aus Registern die Identitäten russischer Killerteams enttarnte, ist ein erklärter Erzfeind des Kreml, der mit Hackerangriffen überzogen wird. Wer in Russland recherchiert, wird ermordet, wer im Ausland recherchiert, wird eingeschüchtert.

Und in diesem Krieg spielt die AfD eine absolut abscheuliche und durch und durch russlandfreundliche Rolle. Die Partei ist nicht nur Zuschauer, sie ist der politische Resonanzraum dieser Sabotage. Es war die AfD-Fraktion um Steffen Janich, René Bochmann und Gottfried Curio selbst, die mit ihrer Kleinen Anfrage 21/5957 das Thema Wegwerfagenten in den Bundestag brachte und damit ungewollt dokumentierte, wie weit die Durchdringung schon ist.
Die Bundesregierung musste antworten, dass aktuell ein erhöhtes Hinweisaufkommen zu Spionage- und Sabotageaktivitäten russischer Dienste besteht. Gleichzeitig berichtet die Wirtschaftswoche, dass die Bundesregierung erwägt, einer AfD-Landesregierung in Sachsen-Anhalt Geheimdienstinformationen zu Russland nicht mehr zukommen zu lassen, weil das Risiko zu hoch sei, dass die AfD diese Informationen an Staaten durchsticht, die Deutschland nicht wohlgesinnt sind. Der Kreml selbst adelt die Partei. Nach Reuters-Recherchen bereitete der russische Wirtschaftsbeauftragte Kirill Dmitrijew ein Treffen mit den AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla vor, um die Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen zu besprechen. Die AfD will die Ukraine aus der EU heraushalten, sie nennt sie ein korruptes Fass ohne Boden, und sie bedient exakt die Spaltungsthemen, die das Bundesamt für Verfassungsschutz in seiner Toolbox Russland als Einflussnahmeoperationen listet: das gezielte Aufgreifen von Themen mit Spaltungspotential und die Instrumentalisierung von Migration.



Die AfD ist damit keine normale Opposition. Sie ist die Partei, die Putins Krieg in Deutschland politisch absichert. Während Wegwerfagenten auf TikTok für fünf Euro Aufkleber kleben, für 165 Dollar Bahnschranken anzünden und für 10.000 Euro Menschen ermorden sollen, liefert die AfD die Erzählung dazu: Misstrauen gegen die Ukraine, Hass auf die Grünen, Verachtung für die freie Presse. Das ist nicht mehr nur russlandfreundlich, das ist abscheulich, weil es die Brandstifter deckt und die Aufklärer angreift.

Mit dem am 2. April 2026 in Kraft getretenen Gesetz wurde ein neuer Paragraf 87a ins Strafgesetzbuch eingeführt und der Strafrahmen für geheimdienstliche Agententätigkeit auf sechs Monate bis zehn Jahre erhöht. Das ist ein Anfang, aber es reicht nicht. Es gibt keine flächendeckende Warnung für Jugendliche auf TikTok, keine Pflicht für die Plattformen, diese Fake-Job-Videos und Fake-Romanzen zu löschen, und keine klare Benennung, wer in Deutschland von dieser Kampagne profitiert.

Wer jeden Monat ein brennendes Lager als Einzelfall behandelt, hat nicht verstanden, dass es längst Krieg ist.

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