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Italienische Müllmafia spielt Schiffe versenken

Titelbild: Beispielbild Pixabay

In den Schatten der italienischen Unterwelt hat sich über Jahrzehnte hinweg ein besonders perfides und umweltzerstörerisches Geschäft etabliert, das weit über die klassischen Mafiamachenschaften wie Drogenhandel oder Schutzgelderpressung hinausgeht: die illegale Entsorgung von Giftmüll und sogar radioaktivem Abfall durch die sogenannte Müllmafia, vor allem durch die kalabresische ‚Ndrangheta, aber auch in Zusammenarbeit mit der neapolitanischen Camorra.



Diese kriminellen Netzwerke haben nicht nur Landflächen in Süditalien zu vergifteten Deponien gemacht, sondern das Mittelmeer systematisch als riesige, unsichtbare Müllkippe missbraucht, indem sie ganze Schiffe mit hochgefährlicher Ladung versenkten – ein Vorgehen, das Tausende Tonnen toxischer und strahlender Substanzen auf dem Meeresboden hinterlassen hat und bis heute die Umwelt, die Fischerei und die Gesundheit von Küstenbewohnern bedroht.

Alles begann in den 1980er und 1990er Jahren, als Industrieunternehmen aus Italien und dem übrigen Europa vor den strenger werdenden Umweltvorschriften und hohen Entsorgungskosten standen. Statt teure legale Verfahren zu nutzen, wandten sie sich an die Mafia, die ein lukratives Parallelgeschäft aufbaute. Die ‚Ndrangheta, eine der mächtigsten und international vernetztesten Mafia-Organisationen Italiens, übernahm den Transport und die Beseitigung von Abfällen, die von chemischen Rückständen über Schwermetalle bis hin zu radioaktivem Material reichten.

Oft wurden die Ladungen zunächst umdeklariert, um sie als harmlosen Müll erscheinen zu lassen, oder sie kamen aus legalen Quellen, etwa aus deutschen oder anderen europäischen Fabriken. Der Hafen von Gioia Tauro in Kalabrien diente dabei als zentrales Drehkreuz, wo Schiffe beladen und dann auf hoher See „entsorgt“ wurden. Die Mafia kassierte Milliarden, während die wahren Kosten – verseuchte Böden, erhöhte Krebsraten in Regionen wie Kalabrien oder Kampanien und langfristige Schäden am Ökosystem des Mittelmeers – von der Allgemeinheit getragen wurden.Besonders schockierend wurde das Ausmaß dieses Treibens durch die Aussagen von Kronzeugen, sogenannten Pentiti, ans Licht gebracht. Einer der prominentesten war Francesco Fonti, ein ehemaliger hochrangiger ‚Ndrangheta-Mitglied, der sich 1994 der Justiz zuwandte und detailliert über die Versenkungsaktionen berichtete. Fonti gestand, selbst an der Versenkung von mindestens drei Schiffen beteiligt gewesen zu sein, darunter die „Cunsky“, die 1992 vor der kalabresischen Küste bei Cetraro mit rund 120 Behältern radioaktiven und toxischen Mülls versenkt worden sein soll.



Die Mafiosi nutzten Sprengstoff, der teilweise aus dem Ausland beschafft wurde, um die Schiffe gezielt zum Sinken zu bringen. Fonti sprach von insgesamt bis zu 30 oder mehr Frachtern, die auf diese Weise im Mittelmeer verschwanden, beladen mit Fässern voller Gift, die nie wieder geborgen werden sollten. Andere Schiffe wie die „Yvonne A“ oder die „Voriais Sporadais“ wurden an verschiedenen Stellen vor der italienischen Küste, etwa bei Maratea oder Metaponto, auf den Grund geschickt. Ermittler der Staatsanwaltschaft in Paola und Catanzaro nahmen diese Hinweise ernst und setzten 2009 sogar Tauchroboter ein, um das Wrack der mutmaßlichen „Cunsky“ in etwa 500 Metern Tiefe zu untersuchen. Bilder zeigten ein Schiff, dessen Position und Zustand mit Fontis Beschreibungen übereinstimmten, auch wenn spätere offizielle Angaben versuchten, es als altes Kriegswrack umzudeuten – eine Darstellung, der viele lokale Experten und Umweltschützer misstrauten.

Die Versenkungen waren nicht auf italienische Gewässer beschränkt. Berichte deuten darauf hin, dass ähnliche Praktiken auch vor den Küsten Somalias oder anderer afrikanischer Länder stattfanden, wo die Mafia Abfälle anlandete oder Schiffe in internationalen Gewässern verschwinden ließ. In Somalia soll der Müllhandel sogar mit dem Tod der italienischen Journalistin Ilaria Alpi und ihres Kameramanns Miran Hrovatin in Verbindung stehen.

Die beiden RAI-Reporter waren 1994 in Bosaso unterwegs, um genau diesen illegalen Giftmüll-Transporten nachzugehen, und wurden erschossen – viele sehen darin einen gezielten Mord, um unliebsame Zeugen zum Schweigen zu bringen, da Alpi offenbar Beweise für die Entladung toxischer Ladungen gesammelt hatte. Fonti selbst äußerte sich später in diesem Sinne und verband den Journalistenmord mit dem großen Schweigen, das die Müllmafia umgibt. Auch andere Ermittler und Aktivisten gerieten ins Visier: Die Mafia schreckte nicht davor zurück, Bedrohungen auszusprechen oder Schlimmeres zu tun, wenn jemand zu tief in ihre toxischen Geschäfte eintauchte. Umweltschutzorganisationen wie Legambiente dokumentierten seit den 1990er Jahren das Verschwinden von Dutzenden Schiffen im Mittelmeer und übergaben Daten an die Justiz, die auf über 40 verdächtige Fälle hinwiesen.



An Land ergänzte die Müllmafia ihre Meeresentsorgung durch das Vergraben von Abfällen in Feldern, alten Steinbrüchen oder illegalen Deponien, besonders in der „Terra dei Fuochi“ bei Neapel, wo die Camorra jahrzehntelang Gift unter die Erde brachte und später sogar anzündete, um Platz zu schaffen. In Kalabrien starben in manchen Dörfern wie Africo überdurchschnittlich viele Menschen an Krebs, nachdem deutsche Giftabfälle dort vergraben worden waren. Die Folgen reichen bis in die Nahrungskette: Gemüse aus diesen Regionen gelangt auf europäische Märkte, während Fischer im Mittelmeer mit belasteten Sedimenten und Fängen zu kämpfen haben. Trotz zahlreicher Ermittlungen, Beschlagnahmungen und parlamentarischer Untersuchungen in Italien blieb vieles im Dunkeln.

Korruption, eingeschüchterte Zeugen und bürokratische Hürden behinderten die Aufklärung. Zwar gab es Fortschritte wie die Kooperation zwischen italienischen und deutschen Behörden oder die Beschlagnahme von Containern mit radioaktivem Material, doch die versenkten Schiffe liegen weiterhin auf dem Meeresboden, wo ihre Ladung langsam ausläuft und das Ökosystem vergiftet.Heute gilt das Phänomen als Teil der „Ecomafia“, eines modernen Zweigs organisierter Kriminalität, der Umweltzerstörung mit enormen Profiten verbindet. Die ‚Ndrangheta hat ihr Netzwerk längst internationalisiert und verdient nicht nur an Müll, sondern auch an legal wirkenden Transportfirmen, die Schutzzölle kassieren.

Umweltexperten und Staatsanwälte fordern seit Jahren eine systematische Suche nach den Wracks, unabhängige Messungen der Meeresverschmutzung und eine bessere europäische Zusammenarbeit, um solche Praktiken zu verhindern. Dennoch bleibt die Angst vor neuen Enthüllungen groß, denn jeder neue Pentito oder jede Roboteruntersuchung könnte weitere Schiffe der Gifte ans Licht bringen – und mit ihnen die bittere Wahrheit über ein Verbrechen, das nicht nur gegen Gesetze, sondern gegen ganze Generationen und das Meer selbst gerichtet ist. Die italienische Müllmafia hat das Mittelmeer zu einer verborgenen Deponie gemacht, deren tödliche Fracht noch lange nachwirken wird, während tote oder bedrohte Ermittler und Journalisten mahnen, dass das Schweigen brechen muss, bevor die Vergiftung irreversibel wird.



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