Der Wal ist offenbar dasselbe Individuum, das bereits seit Anfang März in der Region gesichtet wurde. Zunächst tauchte er im Hafen von Wismar auf, wo er sich in alten Fischernetzen verheddert hatte. Später wurde er in der Flensburger Förde und erneut in der Lübecker Bucht beobachtet. Noch am Freitag vor dem Stranden hatten Mitarbeiter der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd Teile eines Stellnetzes von ihm entfernen können, doch Reste hingen weiterhin an ihm. Experten gehen davon aus, dass diese Verhedderungen und möglicherweise eine damit einhergehende Verletzung oder Erschöpfung den Wal geschwächt haben. Seine Haut zeigt deutliche Anzeichen einer Erkrankung. Sie ist aufgequollen, entzündet und mit Bewuchs bedeckt, was auf die niedrige Salinität der Ostsee zurückgeführt wird und das Tier zusätzlich belastet. Das Tier wirkt deutlich geschwächt, atmet nur langsam und gibt tiefe, brummende Laute von sich, während sein massiger Körper sich mühsam auf und ab bewegt.
Bereits in der ersten Nacht und am Montag versuchten Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei und Wasserschutzpolizei sowie Fachleute vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) und Sea Shepherd, dem Wal zu helfen. Mit Schlauchbooten, Drohnen und Wellen, die durch vorbeifahrende Boote erzeugt wurden, sollte er animiert werden, sich selbst zu befreien. In einer Nacht gelang es ihm kurzzeitig, sich etwas in Richtung der tieferen Fahrrinne zu bewegen, doch er kehrte wieder auf die Sandbank zurück. Ein direkter Abschleppversuch scheidet aus, da das mehrere Tonnen schwere Tier dabei schwer verletzt werden könnte. Am Dienstag wurde ein Saugbagger eingesetzt, um einen Kanal unter dem Wal zu graben und ihm so einen Weg ins tiefere Wasser zu bahnen. Der erste Versuch misslang jedoch, weil der Sand zu fest war und der Kanal nicht ausreichte. Der Wal schien bereits zu schwach, um die Gelegenheit zu nutzen.
Die Ostsee ist für Wale generell kein typisches Habitat, da sie vergleichsweise flach, brackig und nahrungsarm ist. Dennoch tauchen in den letzten Jahren immer häufiger einzelne Buckelwale, Finnwale oder andere Großwale in der Region auf, oft verirrte Jungtiere oder kranke Exemplare. Experten vermuten, dass Klimaveränderungen, veränderte Nahrungsbedingungen oder schlicht Orientierungsprobleme die Tiere in die flachen Buchten locken. In diesem Fall deutet vieles darauf hin, dass der Wal bereits vor dem Stranden gesundheitlich angeschlagen war – möglicherweise durch die Netzverletzungen, Erschöpfung oder eine Infektion. Ein einfaches Zurückschieben ins Meer würde das Problem nicht lösen, da geschwächte Wale sich oft sofort wieder festsetzen oder an ihren Verletzungen verenden.
