Titelbild:Autobahn Frankreich, Beispielbild
Der Fall von Champ l’Epée wirkt auf den ersten Blick wie eine Meldung aus dem üblichen Katalog des Ärmelkanal-Schmuggels, aber er ist brutaler.
Freitagmorgen, kurz vor fünf Uhr, auf der Raststätte Champ l’Epée an der A26 zwischen Troyes und Reims, direkt an der Grenze von Aube und Marne.
Ein britischer Lieferwagen steht dort geparkt. Ein Autofahrer oder ein Mitarbeiter der Raststätte alarmiert die Gendarmerie. Als die Beamten die Tür öffnen, finden sie auf dem Beifahrersitz die Leiche eines 47-jährigen Mannes mit einer Schusswunde am Kopf, wie die Staatsanwältin von Troyes, Isabelle Verissimo, bestätigt hat.
Im Laderaum dahinter hocken rund zehn weitere Menschen. Die französische Presse spricht übereinstimmend von einer „dizaine de clandestins“, also etwa zehn Personen in irregulärer Situation, die ebenfalls in dem britischen Fourgon transportiert wurden. Ihre Nationalitäten und auch die des Toten werden von der Staatsanwaltschaft bislang bewusst nicht genannt.
Die Rekonstruktion der französischen Ermittler, die unter anderem von France Info aufgegriffen wurde, lautet: Die Schüsse sind nicht während der Fahrt gefallen, sondern genau dort auf dem Parkplatz, als der Wagen anhielt. Danach seien mehrere Menschen in Panik vom Rastplatz geflohen. Ein Mann, der sich mutmaßlich noch am Tatort aufhielt, wurde noch am Freitagmorgen in Gewahrsam genommen.
Deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft jetzt nicht nur wegen Mordes und versuchten Mordes, sondern gleichzeitig wegen unerlaubten Waffenbesitzes, Hilfe bei der irregulären Einreise und Menschenhandels. Das ist die typische juristische Klammer bei Schleuserfahrten über die A26.
Diese Autobahn ist seit Jahren eine der Hauptachsen für den Transport aus Italien und Südfrankreich Richtung Calais und Großbritannien. Allein auf dieser Route gab es in den letzten Monaten mehrere Funde von Eritreern in Kühl-LKWs auf dem Rastplatz Saint-Hilaire-Cottes, ebenfalls an der A26, oder in Kühltransportern, deren Fahrer von Klopfgeräuschen aus dem Laderaum alarmiert wurden.
Was den Fall Champ l’Epée heraushebt, ist die Schusswaffe. Normalerweise endet diese Form des Schmuggels mit Unterkühlung, Erstickung oder einem Sturz beim Versuch, auf einen fahrenden LKW zu springen. Hier hat jemand innerhalb der Gruppe oder von außen geschossen. Die französische Seite policeetrealites betont, dass die Opfer-Schmuggler-Konstellation noch völlig unklar ist – ob der Tote Fahrer, Schleuser oder selbst Migrant war, ist offen. Genau das versucht die Mordkommission jetzt über Handy-Auswertungen, GPS-Daten des britischen Kennzeichens und die Vernehmungen der zehn anderen Insassen zu klären. Für Sonntag war die Eröffnung eines förmlichen Ermittlungsverfahrens angekündigt.
