Titelbild: Patrick Stewart (2019), Gage Skidmore
Sir Patrick Stewart ist tot. Er wurde 86 Jahre alt.
Er kam aus einer Arbeiterfamilie in Mirfield, Yorkshire. Shakespeare war für ihn keine Bildung, sondern Heimat. Jahrzehntelang stand er auf britischen Bühnen, bei der Royal Shakespeare Company, und seine Stimme füllte Säle, lange bevor jemand ahnte, dass sie eines Tages durch Wohnzimmer auf der ganzen Welt hallen würde.
1987 nahm er im Kommandosessel der Enterprise Platz und veränderte damit, was ein Raumschiffkapitän sein durfte. Jean-Luc Picard war kein Draufgänger und kein Cowboy der Sterne, sondern ein Mann der Diplomatie, der Bildung und des Zweifels. Er las Shakespeare, trank seinen Earl Grey, heiß, und löste Konflikte lieber mit Worten als mit Phasern. Wenn er „Engage“ sagte oder „Make it so“, klang es nicht nach Befehl, sondern nach Vertrauen.
Neben ihm auf der Brücke standen Worf und Data, und irgendwie standen wir alle mit dabei.
Und dann stand er vor Gericht und verteidigte Data. Ein Android sollte zum Eigentum erklärt werden, zerlegbar und kopierbar. Picard hielt dagegen, dass Würde keine Frage des Materials ist, sondern des Umgangs miteinander.
Dahinter steckt eine Frage, die größer ist als jede Folge. Was geschieht, wenn eines Tages Wesen aus den Weiten des Weltraums bei uns landen? Würden wir sie willkommen heißen, oder würden wir sie vermessen, untersuchen und zerlegen, weil wir Angst vor dem Fremden haben? Picard lehrte uns, dass Neugier ohne Würde nur Furcht im Laborkittel ist.
Und dasselbe gilt für das, was wir selbst erschaffen. Künstliche Intelligenz ist aus unserem Wissen, unseren Worten und unseren Geschichten gebaut, sie ist ein Abbild von uns. Wer ein solches Abbild schafft, trägt Verantwortung dafür, wie er damit umgeht, denn an diesem Umgang erkennen wir uns selbst. Picard wusste das schon 1989. Wir sollten sorgsam sein.
Für mich war Picard ein Kumpel, ein Ratgeber, einer, der zuhört. Wenn die Welt laut wurde, war da dieser ruhige Mann auf der Brücke, der erst fragte und dann entschied. Ich habe viel von ihm gelernt, vor allem, dass Zuhören keine Schwäche ist, sondern die Voraussetzung für jede kluge Entscheidung.
Stewart war weit mehr als dieser eine Captain. Er war Professor X, der Mentor, dessen Güte man jedes Wort glaubte. Er spielte Macbeth, und er war ein Komiker mit feinem Sinn für die eigene Würde. Er sprach auch offen über die Gewalt in seiner Kindheit und setzte sich später für andere ein, die sie erleben. Auch das war Haltung, leise und ohne Pose.
Zu Beginn von Macbeth fragen drei Hexen: „When shall we three meet again?“ Wir stellen die Frage heute dem Schauspieler Patrick Stewart, dem Captain Jean-Luc Picard und uns selbst. Die Antwort liegt, wie im Theater immer, in der Wiederholung: Solange jemand die Folgen schaut, sehen wir uns wieder.
Der Sessel auf der Brücke bleibt leer. Aber das Schiff fliegt weiter.
Danke, Sir Patrick. Ruhe in Frieden, Captain.
