Die Stem van die Apartheid Glauben und Kirche

South African Diaries: Die Stem van die Apartheid- Die Arche Noah der Apartheid 328

Tagebuch – Welkom, OVS. Dezember 1984. Feldnotiz / Nach-Diktat am nächsten Morgen.

Ich bin heute noch wütend. Ich koche innerlich und in dem Zusammenhang entglitt mir heute Morgen ein idiopatisches Grinsen.
Gestern erlebte ich das erste Mal eine Realsatire.

Es war die Fahne, Oranje-wit-blou mit den drei kleinen Fahnen in der Mitte. Die hing schief am Zeltmast und flatterte im Staub.

Drinnen vielleicht 1000 Leute in einem weißen Großzelt. Rhema Church. Radikale Evangelisten. Ganz abenteuerliche Typen da drunter, mit acht oder neun Kindern, verbrauchten Ehefrauen und zwanzig oder dreißig Freunden, die sie alle laut begrüßten während des Gottesdienstes. Ein Hallo, ein Umarmen – guck, wir sind viele, wir sind rein.
Jemand spielte die Harmonika.

Sie sangen Come and move, Holy Spirit– zwanzig Minuten immer das gleiche – sie bogen sich, sie sprachen in Zungen mit Gott. Ein Pastor hatte eine Botschaft direkt von Gott erhalten. Ein wenig schizo dachte ich. Ein ganzer Bauplan für Südafrika. Nur das Fundament war rissig und brüchig.


Und ich saß da und dachte nur: Müsst ihr das nicht glauben. Es waren Verrückte für mich.
Ich wollte nicht Gott beschmutzen durch Aberglaube.

Denn was sie da als Verheißung verkauften, war für mich eine völlig verdrehte Interpretation des 1. Konzils von Konstantinopel 381 nach Christus – samt Plagen und Offenbarung. Die Plage waren sie und es sollte nicht mehr lange bis zur Offenbarung dauern.
Das zeichneten sie auf und projizierten es auf die Neuzeit. Nur – es gehörte nicht in die Neuzeit. Es war Missbrauch. Gottes Kinder wurden mit der Bibel missbraucht, augenscheinlich von einem nicht gesellschaftsfähigen Teufel, der dem allen Vorstand. Er drehte sich um zu uns und starrte die Ungläubigen an. Eine herzzerreißende und paradoxe Komödie auf Afrikaans. Tatsächlich predigte er mit vollem Einsatz den Weltuntergang, in schnellen geübten Worten. Hinter mir klatschte jemand, ich verstand nicht warum.

Und dann holten sie das Thomas-Evangelium heraus. Das apokryphe Thomas-Evangelium, das nicht zur Bibel gehört. Es kam vollkommen verfälscht daher, wie auf die Apartheid zugeschnitten. Wie bestellt für dieses Zelt. So wie sie Gott brauchten, so bogen sie ihn zurecht.
Gottlos – wie in jeder Diktatur.




Zwischendurch Boerewors und Kaffirpap. Und – das habe ich bis nicht verstanden – Unmengen an Coca-Cola, kistenweise warm, und danach aus den großen blauen Fünf-Liter-Kanistern von Pick’n‘ Pay Guava Juice. Rosa, süß, klebrig. Warum, habe ich nie erfahren.

Dann die Kollekte. Nicht einmal. Dauernd ging der Klingelbeutel herum. Bis zu 50 Rand. 50 Rand im Dezember 1984 war der höchste Schein, den es gab, außer Krügerrand. Ein Wochenlohn für die Frau, die hinten die Teller wusch.

Es kam mir vor wie der Ablasshandel im Mittelalter: Wenn die Münze in den Beutel springt, die Seele aus dem Fegefeuer springt. Genau so.

Es war bizarr. Es war verlogen bis oben hin. Es war nur befremdlich. Entwürdigend. Menschenverachtend. Böse.

Zwischen den Papptellern tauchte dann dieses verstörende Flugblatt auf. Thermopapier, noch warm vom Kopierer, schon am Verblassen.

Die Arche Noah von Südafrika.

Querschnitt. Drei Decks.

Oberstes Deck: Ons. Blankes. Sie feiern, sie trinken Wein, sie spielen Karten. „Ons vir jou, Suid-Afrika.“

Mittleres Deck: Die Tiere. Zwei von allen. Elefant und Löwe. Sie haben Platz, sie haben Luft.

Unterstes Deck: Die Kleurlinge. Die Swartes. Dunkel. Ohne Licht, ohne Recht, im Wasser. Sie rudern, damit das Schiff fährt.

Am Rand unheimlich viele Polizisten in blauen Uniformen. Viel zu viele für eine Erweckung. Und die anderen, ohne Uniform, Sonnenbrillen im Schatten. Geheimpolizei. Vielleicht NIS oder BOSS. Jeder wusste es. Es gab Hetze und Hatz von der Kanzel. Über Botha wurde getuschelt, dass er die Aufstände niederschlagen soll. Alle erwarteten so etwas wie den Befreiungsschlag. Erweckung und Staat in einem Zelt. Heidentum mit der sorgsam gefälschten Bibel in der Hand, gebunden in dunkles Straußenleder.


Neben mir die farbige Frau aus der Küche. Ihre Hände wund, aufgeweicht und aufgerissen vom Waschen der Schmutzwäsche, vom Schrubben der weißen Tischtücher der Herren. Als sie das Flugblatt sah, nahm ihr ein Ordner es weg und peitschte ihr mit dem kurzen Riemen über genau diese wunden Hände. Die Musik war so laut, dass es keiner hören konnte und sehen wollte es niemand.

Mich widerte die ganze Veranstaltung an. Alles ekelte mich an.

Am Ende die Ansage: Nächste Woche kommt Reinhard Bonnke. Sie sagten Blinker. Christ for all Nations.

Dann das Einzelgespräch mit Gott. Personal Ministry.

Ich verzichtete dankend. Ich sagte: Ich würde nicht so gut verstehen.

In Wahrheit dachte ich: In dem Zelt habe ich einen Blick in das andere Zelt geworfen. In das Zimmer, wo das Geld gezählt wurde. Auf einem Campingtisch ein Stapel Geld, nur 50-Rand-Scheine, so hoch. Sie taten es in kleine Jute-Säcke. Standard Bank of South Africa stand darauf. Sie zählten nicht, sie schaufelten.

Ich wollte dem Satan nicht frönen, sondern Gott. Und Gott war an dieser Stelle nicht mehr. Der ist weggelaufen und kam nicht mehr wieder.


Der Kaffee am nächsten Morgen ist mir im Hals hängen geblieben, Boerewors und Rührei für ZAR 15. Ich konnte im Zelt nicht auf mein Diktiergerät sprechen. Zu viele blaue Uniformen. Also diktierte ich am Morgen danach, schnell, bevor es verblasste wie das Thermopapier.

Ich dachte: Jeder kommt in die Hölle, der daran teilnimmt.

Welkom, Dezember 1984. Weihnachten war nah und alle lasen die Bibel und träumten von Gott, der mehr und mehr verblasste.

Themenverwandte Artikel

Die Stem van die Apartheid- (703/1999) das Verschwinden von Rosalind Ballingall

the kasaan times

Die moderne Interpretation der Kreuzigung

the kasaan times

Die Stem van die Apartheid – South African Diaries-Uitenhage, März 1985 (EP794/1999)

the kasaan times

Die Stem van die Apartheid-South African Diaries- Die Groot Krokodil (1) (685/1999)

the kasaan times

Die Stem van die Apartheid (233/1999) -Muldergate

the kasaan times

Warum gibt es eigentlich Pfingsten?

the kasaan times

Hass gegen Minderheiten von der Kanzel zu Weihnachten- der Skandal-Pater predigte Menschenverachtung

the kasaan times

Nix – wir waren Papst – Benedikt XVI.

the kasaan times

Epilog- Die Stem van die Apartheid-South African Diaries- Die Penkop E912

the kasaan times

Warum gibt es Karfreitag?

the kasaan times

Die Stem van die Apartheid (642/1999)- Rubikon-Rede

the kasaan times

Die Stem van die Apartheid (1088/1999) Tod im Lebombo-Gebirge

the kasaan times

Hinterlasse einen Kommentar

*