1982 Das war unser Leben

Das war unser Leben- Der „Schnelle Brüter“ in Kalkar

Titelbild: Protest Kalkar, 1980, Kim Traynor Wikipedia 4.0

7 Milliarden für eine Achterbahn
Die Geschichte des Schnellen Brüters – von Wasserwerfern, gierigen Managern und einem Freizeitpark auf dem Beton der Zukunft

KALKAR / NIEDERRHEIM – Schmitt

Heute steht man vor der Kuppel und hört Kinder kreischen. Der ehemalige Reaktorbau des SNR-300 ist jetzt „Wunderland Kalkar“. Wer Eintritt zahlt, rutscht im früheren Kühlturm und übernachtet im Schatten des Betonmantels, der mal die Welt mit Energie versorgen sollte. Das ist die Bilanz nach mehr als 40 Jahren Streit. 7 Milliarden D-Mark versenkt, null Kilowattstunden Strom produziert. Dafür gibt es Pommes, Jahreskarten und Hochzeiten unter der Reaktorkuppel.


Angefangen hat es mit Größenwahn. Ende der 70er, Ölkrise, Angst vor leeren Tanks. Die Lösung der Politik und der Energiekonzerne hieß Schneller Brüter.
Ein Reaktor der mehr Plutonium „erbrütet“ als er frisst. Auf dem Papier klang das nach Energie-Unabhängigkeit für Jahrhunderte. In den Bilanzen der Manager klang es nach Boni, Fördergeldern und Prestige. Man versprach Arbeitsplätze am Niederrhein und deutsche Ingenieurskunst. Über die Risiken mit der Natrium-Kühlung und dem Plutonium sprach man weniger. Die Rechnung trug sowieso der Steuerzahler.

Die Menschen vor Ort glaubten das irgendwann nicht mehr. Im September 1982 kamen über 100.000 nach Kalkar. Bauern mit Treckern, Pfarrer, Studenten, Hausfrauen. Sie stellten sich auf die Felder und sagten: Nicht mit uns. Vier Jahre vor Tschernobyl hatten sie schon Angst vor dem, was passieren kann. Die Antwort des Staates war Wasserwerfer, Hundertschaften, Schlagstöcke. Es gab Festnahmen und verletzte Demonstranten. Blut auf dem Asphalt vor einer Baustelle, die als „Projekt der nationalen Zukunft“ verkauft wurde. Verantwortungsbewusstsein sah anders aus. Es sah aus wie Angst vor der eigenen Bevölkerung.


Gebaut wurde trotzdem. Bis 1985 stand der Brüter fertig da. Teuer, perfekt, nutzlos. Denn dann kam der 26. April 1986. Tschernobyl. Über Nacht war das Narrativ Schrott. Aus „Zukunftstechnologie“ wurde „unverantwortbares Risiko“. Die Politik, die jahrelang Milliarden freigegeben hatte, entdeckte plötzlich Bedenken. 1991 zog die rot-grüne Landesregierung unter Johannes Rau den Stecker. Nicht aus früherer Einsicht, sondern weil man es den Leuten nach den Bildern aus der Ukraine nicht mehr verkaufen konnte.

Und jetzt kommt der Teil, über den nie jemand spricht. Das Geld war weg. Umverteilt. In Beton, in Gutachten, in Anwälte, in Abfindungen. Die Entsorgung hat noch mal Jahre und hunderte Millionen gekostet. Radioaktiven Sprit gab es zum Glück nicht, aber genug Sondermüll um ganze Abteilungen zu beschäftigen. Die Manager der Energiekonzerne, die den Brüter als Prestigeprojekt durchgedrückt hatten, wechselten danach in Stiftungen, Aufsichtsräte und internationale Beratungen. Einige tauchten Jahre später wieder auf, wenn es um Endlager oder „Brückentechnologie“ ging. Immer mit demselben Ton: Wir hätten es besser gewusst.


Auf politischer Seite gab es Untersuchungsausschüsse, aber keine Konsequenzen. CDU und FDP hatten den Bau jahrzehntelang verteidigt. Nach 1986 war es plötzlich die SPD, die den Ausstieg vollzog. Keiner trat zurück. Keiner haftete. Es hieß „geänderte Rahmenbedingungen“. Übersetzt: Wir haben uns geirrt, aber zahlen müsst ihr.

Der größte Zynismus liegt im Danach. Aus Kalkar wurde kein Mahnmal, sondern ein Business-Case. Ein niederländischer Investor kaufte die Ruine für einen Bruchteil und baute Hotels, Restaurants und Fahrgeschäfte hinein. Aus dem Symbol gescheiterter Großtechnik wurde ein Ort für Kindergeburtstage. Das ist deutsche Aufarbeitung. Man baut einen Imbiss drauf und hofft, dass keiner mehr fragt.

Aus heutiger Perspektive ist Kalkar ein Lehrstück. Über Hybris, über Lobbyismus, über einen Staat der 1982 lieber Wasserwerfer einsetzte als zuzuhören. Und über die Erkenntnis, dass „technisch machbar“ nicht gleich „gesellschaftlich verantwortbar“ ist. Die Demonstranten von damals haben den Bau nicht verhindert. Aber sie haben die Debatte gewonnen. Nach Tschernobyl war klar: Diese Art von Großtechnologie lässt sich nicht mehr gegen die Bevölkerung durchsetzen.


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Heute führen die Enkel der Demonstranten ihre Kinder in den Kletterpark unter der Kuppel. Oben hängt ein Foto von der Demo von 1982. Unten steht „Erlebnis pur“. Dazwischen liegen 7 Milliarden, verletzte Demonstranten, und die Gewissheit, dass in der Politik und in den Chefetagen der Fehler nie beim Einzelnen liegt. Der liegt immer im System. Und das System zahlt nie selbst.

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