Titelbild: gravesite
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Vor genau 50 Jahren, am 9. Mai 1976, starb Ulrike Meinhof in ihrer Zelle im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim.
Die Umstände ihres Todes blieben bis heute umstritten und polarisieren die deutsche Öffentlichkeit wie kaum ein anderes Ereignis der Nachkriegszeit. Die offizielle Version lautete Suizid durch Erhängen, doch zahlreiche Zweifel, Widersprüche und Verschwörungstheorien begleiten diesen Fall seitdem.
Ulrike Marie Meinhof, geboren 1934 in Oldenburg, hatte einen ungewöhnlichen Lebensweg hinter sich. Als hochbegabte Journalistin und Kolumnistin der linken Zeitschrift „konkret“ war sie in den 1960er Jahren eine scharfe Kritikerin der bundesrepublikanischen Gesellschaft, des Vietnamkriegs, der Notstandsgesetze und dessen, was sie als latente faschistische Kontinuitäten in der Bundesrepublik sah. Ihre Texte waren pointiert, emotional und einflussreich. Sie gehörte zur intellektuellen Elite der außerparlamentarischen Opposition, war verheiratet, Mutter von Zwillingstöchtern und schien zunächst auf einem bürgerlich-radikalen Weg. Doch die Ereignisse der Studentenbewegung, persönliche Krisen und die Radikalisierung vieler Linker führten zu einem Bruch. 1970 beteiligte sie sich an der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders aus dem Gefängnis – ein Akt, der als Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion (RAF) gilt. Aus der Journalistin wurde eine Untergrundkämpferin, die mit der Gruppe Banküberfälle, Sprengstoffanschläge und Attentate verübte.
1972 wurde Meinhof zusammen mit anderen RAF-Mitgliedern festgenommen. In den folgenden Jahren saß sie in Isolationshaft, vor allem im speziell für die RAF-Häftlinge errichteten Trakt in Stammheim. Der Prozess gegen die Führungsriege der RAF – Baader, Ensslin, Raspe und Meinhof – lief seit 1975 und war einer der spektakulärsten und umstrittensten der deutschen Justizgeschichte. Die Angeklagten sahen sich nicht als Kriminelle, sondern als politische Gefangene im Kampf gegen den „imperialistischen Staat“. Hungerstreiks, Hungerstreik-Tote wie Holger Meins und massive Solidaritätsaktionen prägten die Atmosphäre. Meinhof selbst wirkte in den letzten Monaten zunehmend isoliert, auch innerhalb der Gruppe. Es gab Spannungen, und sie nahm zeitweise nicht mehr am Prozess teil.
Am Morgen des 9. Mai 1976 fanden Justizbeamte die 41-Jährige in ihrer Zelle. Sie hing an einem aus Handtuchstreifen geknoteten Strick am Fenstergitter. Die Staatsanwaltschaft gab sehr schnell Suizid bekannt, noch bevor die Obduktion abgeschlossen war. Gerichtsmediziner stellten Strangulation ohne eindeutige Fremdeinwirkung fest. Eine zweite Obduktion im Auftrag der Familie bestätigte im Wesentlichen diese Einschätzung. Dennoch entzündete sich sofort ein Sturm der Entrüstung. Ihre Anwälte, die RAF-Sympathisanten und Teile der Linken warfen dem Staat vor, Meinhof ermordet oder in den Suizid getrieben zu haben. Verschwörungstheorien blühten auf: Manipulation der Zelle, fehlende Überwachung trotz Hochsicherheit, hastige Presseinformationen und die rasche Renovierung der Zelle kurz danach nährten die Zweifel.
Der Tod Meinhofs löste bundesweit und international Proteste, Demonstrationen und Gewalt aus. Ihre Beisetzung in Berlin wurde zu einer großen Solidaritätsveranstaltung. Für die einen war sie eine Terroristin, die durch ihre Taten mitverantwortlich für Morde und Leid war und deren Ende eine logische Konsequenz ihres Weges darstellte. Für die anderen verkörperte sie die Radikalisierung einer Generation, die gegen reale Missstände aufbegehrte und dabei selbst in Gewalt und Isolation geriet. Ihr Leben symbolisierte die tiefe gesellschaftliche Spaltung der 1970er Jahre in der Bundesrepublik – zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der harten Abwehr durch den Staat.
Bis heute gibt es keine abschließende Klarheit, die alle Lager überzeugt. Akten und Untersuchungen wurden geführt, doch die Debatte um Suizid oder möglichen staatlichen Einfluss hält an. Ulrike Meinhof bleibt eine Figur voller Widersprüche: brillante Journalistin, radikale Aktivistin, Mutter, Ikone und Mahnung zugleich. Ihr Tod vor 50 Jahren markiert einen Wendepunkt im deutschen Terrorismus der RAF-Zeit und wirft bis in die Gegenwart Fragen nach Verhältnismäßigkeit staatlicher Gewalt, Isolationhaft und der Grenze zwischen politischem Protest und Terror auf. Die Erinnerung an sie ist geprägt von Mythos und Realität, Bewunderung und Abscheu – ein Spiegel der deutschen Geschichte, der auch ein halbes Jahrhundert später noch nicht zur Ruhe gekommen ist.
