Damals

Karlsruhe, Sommer, 1977

Titelbild: Karlsruhe,Kriegsstraße, 1977, kasaan media,2026
/drti

Die Straße der Unschuld vor dem Sturm

Aus der Perspektive eines seinerzeit jungen Juristen im Jahre 2026 betrachte ich dieses Bild – eine Aufnahme aus Karlsruhe, Sommer 1977 – und spüre eine ironische Wehmut, die nur der kann, der weiß, wie dünn die Haut der Rechtsordnung immer schon war.
Da liegt sie, die Bundesstraße durch die badische Metropole, noch fast idyllisch, fast provinziell, in jenem verwaschenen Violett der alten Agfa-Filme, das heute wie ein Filter der Nostalgie wirkt. Ein orangefarbener Lkw tuckert gemächlich, ein Mercedes 170D oder ähnliches Relikt aus der Wirtschaftswunderzeit schiebt sich voran, dahinter ein Ford oder Opel in Pastelltönen. Links die grünen Kronen der Alleebäume, rechts die Betonbrüstung der erhöhten Fahrbahn, dahinter geparkte Wagen einer Generation, die noch glaubte, der Fortschritt sei linear und die Demokratie ein geschenkter Zustand.


Es war ein schöner Sommer, sagen die Überlebenden. Die Art von Sommer, in dem man die Fenster offen ließ, weil die Nächte lau waren, und in dem das Radio aus den Autos und Küchenfenstern Ma Baker von Boney M. oder Don’t Leave Me This Way von Thelma Houston dröhnte – jene seltsame Mischung aus Disco-Euphorie und unterschwelliger Melancholie, die das Jahrzehnt so perfekt charakterisiert. In Deutschland lief Rock Your Baby von George McCrae noch nach, I Feel Love von Donna Summer kündigte sich an, und Udo Jürgens sang Was ich dir noch sagen wollte.
Die Schlager waren sentimental, der Rock war politisch, und die Punk-Welle rollte gerade erst von der Insel herüber – ein fernes Donnergrollen, das hierzulande noch als exotisch galt. Man tanzte in Diskotheken, die nach Zigarettenrauch und billigem Parfüm rochen, und glaubte, die Welt sei ein Ort, an dem man mit etwas gutem Willen und ordentlicher Planwirtschaft alles regeln könne.


Doch unter dieser Oberfläche brodelte es. Der „Deutsche Herbst“ stand unmittelbar bevor. Im Frühjahr 1977 war Siegfried Buback, Generalbundesanwalt, ermordet worden. Die RAF, diese seltsame Mischung aus intellektuellen Kindern des Wirtschaftswunders und pathologischen Romantikern der Gewalt, hatte bereits ihre „Offensive“ erklärt. Hans-Martin Schleyer, ehemaliger SS-Offizier, dann Vorstandsvorsitzender der Arbeitgeberverbände, sollte im September entführt werden – ein symbolischer Akt gegen „den Staat“ und „das System“. Die Grundfesten der jungen Bundesrepublik wurden erschüttert. Helmut Schmidt, der hanseatische Pragmatiker, zeigte jene tiefe, fast körperliche Betroffenheit, die man heute bei Politikern nur noch selten sieht. Und die Bürger? Sie waren entsetzt – und entschlossen. Zum ersten Mal seit dem Krieg wehrte sich die Republik ernsthaft: Mogadischu, die Befreiung der Lufthansa-Maschine durch die GSG 9, wurde zum Gründungsmythos einer neuen Staatsräson.

Aber im Sommer 1977 war davon auf dieser Straße noch wenig zu spüren. Die Fahrbahn war ruhig. Man fuhr mit 70 km/h, wie das Schild mahnte, weil Tempo eben noch eine Tugend war und nicht nur eine Klimasünde. Die Gebäude im Hintergrund – dieses große, etwas brutalisierende Bürohaus mit seinen dunklen Fenstern – wirken wie stumme Zeugen einer Zeit, in der Architektur noch glaubte, sie könne den Menschen formen. Links der Kran, Symbol des Wiederaufbaus, der nie ganz abgeschlossen schien. Karlsruhe, Residenzstadt der Vernunft, Sitz des Bundesverfassungsgerichts – ironischerweise der Ort, an dem später so viele Grundsatzentscheidungen zur Inneren Sicherheit gefällt werden sollten. Hier, auf dieser Straße, wirkte alles noch harmlos. Ein Alltag, der sich selbst für normal hielt.


Literarisch betrachtet war 1977 ein Jahr der Übergänge. Peter Handke veröffentlichte Die linkshändige Frau, ein schmales, verstörendes Buch über Einsamkeit und Emanzipation, das wie ein Vorbote der kommenden Identitätsdebatten wirkt. Martin Walser schrieb weiter an seiner großen deutschen Bestandsaufnahme. Heinrich Böll, der moralische Gewissen der Republik, hatte bereits-Die verlorene Ehre der Katharina Blum – hinter sich – eine Abrechnung mit dem medialen und staatlichen Umgang mit Terrorismus, die im Nachhinein prophetisch wirkt. Im Ausland erschienen The Shining von Stephen King und The Silmarillion von Tolkien posthum – Fantasien von innerer Dunkelheit und mythischer Vergangenheit, die vielleicht besser als die meisten Zeitdiagnosen erfassten, was in den Köpfen der jungen Radikalen vorging, eine Sehnsucht nach dem Absoluten, die in Blut endete.

Das Lebensgefühl? Es war eine Mischung aus Fortschrittsglauben und diffuser Angst. Die Ölkrise lag erst wenige Jahre zurück, die Vollbeschäftigung war Geschichte, aber die Sozialdemokratie unter Schmidt schien noch Herr der Lage.
Man kaufte seinen ersten Farbfernseher, hörte ABBA und ELO, fuhr in den Urlaub nach Jugoslawien oder Spanien. Die Jugend studierte Soziologie oder Jura (oft mit dem heimlichen Wunsch, „das System von innen zu verändern“), rauchte Ernte 23 und diskutierte nächtelang über Gramsci und Marcuse. Die RAF-Mitglieder waren für viele Linke keine Verbrecher, sondern „politische Gefangene“ – eine Verharmlosung, die heute nur noch mit zynischem Kopfschütteln betrachtet werden kann.



Aus heutiger Sicht, als Jurist, der täglich mit den Folgen jener Erschütterungen zu tun hat – mit den Notstandsgesetzen, die kamen, mit dem erweiterten Polizeirecht, mit der bis heute nachwirkenden Polarisierung –, erscheint dieser Sommer 1977 wie ein letzter Atemzug der Unschuld. Die Straße ist leer genug, dass man die Fahrbahnmarkierungen noch klar sieht. Keine Überwachungskameras, keine Betonpollarden gegen Lkw-Anschläge, keine „Stimmung“ der permanenten Bedrohung. Nur ein paar Autos, ein Lkw, Bäume, ein paar Passanten in der Ferne. Man könnte fast meinen, die Geschichte halte hier kurz inne, bevor sie in den Abgrund stürzt.

Und doch war alles schon da. Die Radikalisierung in den Universitäten, die Sympathisantennetzwerke in linken Milieus, die Ohnmacht des Rechtsstaats gegenüber einer Ideologie, die Gewalt als legitimes Mittel der „Befreiung“ feierte. Die RAF war keine Naturkatastrophe. Sie war ein Produkt jener westdeutschen Gesellschaft, die sich nach 1945 so schnell und so gründlich vom Nationalsozialismus distanziert hatte – und dabei vergaß, dass Fanatismus jede Ideologie befallen kann. Der Mord an Schleyer, die Entführung der Landshut, die Selbstmorde in Stammheim – das alles folgte aus einer Logik, die im Sommer 1977 noch wie ferner Donner klang.

Poetisch-zynisch gesprochen
Diese Straße war die Bundesrepublik selbst. Ordentlich asphaltiert, gut beschildert, mit Tempo 70 und einem gewissen bürgerlichen Stolz. Aber unter dem Asphalt rumorte es. Die Risse waren bereits da, unsichtbar für die meisten, die einfach nur nach Hause wollten, zum Grillen, zum Fernsehen, zum nächsten Hit von Boney M. Die Juristen von damals – die Schmidts, die Maihofers – mussten lernen, dass das Recht nicht von allein standhält. Es braucht Entschlossenheit. Und manchmal, leider, auch Gewalt gegen jene, die das Gewaltmonopol des Staates herausfordern.

Heute, fast fünfzig Jahre später, fahren auf dieser Straße wahrscheinlich Elektroautos und SUVs, überwiegend von Kameras beobachtet. Die Bedrohungen sind andere: Islamistischer Terror, Rechtsextremismus, hybride Kriege, digitale Radikalisierung. Aber das Gefühl bleibt seltsam ähnlich. Der Sommer 1977 lehrt uns, dass die Demokratie nie fertig ist. Sie muss immer wieder neu erkämpft werden – nicht mit Naivität, sondern mit klarem Blick auf die Abgründe, die in jedem schönen Sommer lauern können.
Für einen kurzen Moment, auf diesem Foto, war die Straße einfach nur eine Straße. Ruhig. Sonnig. Violett getönt. Ein Versprechen, das nie ganz eingelöst wurde. Und genau deshalb, verehrter Leser, bleibt sie so unvergesslich.

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