Cold Case

Wer ist die Frau von Artxanda?

Titelbild Unbekannte Tote ©Interpol

Die Frau vom Artxanda – Seit 17 Jahren ohne Namen

Bilbao, Anfang Februar 2009. Spaziergänger finden nahe eines Waldwegs am Monte Artxanda, dem kleinen Hausberg im Norden Bilbaos, den leblosen Körper einer Frau. Sie liegt abseits des Pfades, im Unterholz. Der Berg ist nur rund 300 Meter hoch, aber an diesem Wintertag neblig und kalt. Die Ertzaintza und die Policía Nacional rücken an.



Die Frau ist 166 Zentimeter groß, helle Haut, kurze schwarze Haare, 30 bis 40 Jahre alt, Geburtsjahr geschätzt zwischen 1969 und 1979. Keine Tattoos, keine Narben. Am rechten Fuß ein Hallux valgus, ein Ballenzeh. In den Zähnen Silber-Amalgam-Füllungen – ein Detail, das Ermittler später für wichtig halten. Am Handgelenk ein Armband.

Ihre Kleidung wirkt wie für eine Reise gepackt, nicht für eine Bergwanderung: eine blaue Jacke, darunter eine schwarze Wolljacke der Marke LR, ein dunkelroter Pullover, ein schwarzes T-Shirt in Größe S, schwarze Hosen und schwarze Dr. Martens, Größe 5. Dazu ein blauer Rucksack.

In diesem Rucksack liegt, was die Geschichte noch rätselhafter macht. Eine Flasche Barbero Amaretto Mandellikör, Limonadenflaschen, Taschentücher der Marke Carrefour, ein Labello, ein Stofftaschentuch. Kein Ausweis, kein Handy, kein Ticket.

Die Rechtsmedizin schätzt, sie starb am 3. Februar 2009, wurde am 6. Februar gefunden. Zwischen 24 und 72 Stunden lag sie dort. Todesursache war wahrscheinlich eine Intoxikation. Mehr geben die spanischen Behörden nicht bekannt. Ob Unfall, Suizid oder Fremdverschulden – das bleibt offen.

Wer war sie? Die spanische Polizei kam nicht weiter. Isotopen- und Zahnanalysen deuten darauf hin, dass sie nicht aus Spanien stammt, sondern vermutlich aus Mitteleuropa. Ein Gesicht, das niemand vermisst – oder das niemand mit Bilbao in Verbindung bringt.

Genau deshalb ist ihr Fall heute wieder öffentlich. Interpol hat sie in seine Kampagne „Operation Identify Me“ aufgenommen, unter dem Code ES01 – The Woman of Mount Artxanda. Seit 2023 versucht Interpol mit dieser Aktion, 47 unbekannte tote Frauen in Europa zu identifizieren, die in den vergangenen Jahrzehnten unter ungeklärten Umständen gefunden wurden. Sechs konnten durch die Kampagne bereits identifiziert werden, darunter die Britin Rita Roberts, die 31 Jahre nach ihrem Mord in Belgien über ein Tattoo erkannt wurde. 41 Frauen warten noch auf ihren Namen. Die Frau vom Artxanda ist eine von ihnen.


Interpol veröffentlichte dazu eine Gesichtsrekonstruktion, Fotos ihrer Jacken, ihrer Schuhe, ihres Rucksacks. Und einen Aufruf: Wer erinnert sich an eine Freundin, Schwester, Kollegin, die Anfang Februar 2009 plötzlich verschwand? Wer hat eine Frau mit dieser Beschreibung, mit diesen Schuhen, mit diesem Amaretto im Rucksack gesehen?

In Bilbao wurde der Fall nie als spektakulärer Mord behandelt, er verschwand schnell aus den Zeitungen. Auf dem Artxanda selbst erinnert nichts mehr daran. Der Berg ist heute ein Naherholungsgebiet mit Blick auf die Stadt, mit Spielplätzen und Sendemasten.

Doch in den Akten bleibt sie: Eine Frau mit Ballenzeh und Silberplombe, mit Dr. Martens und Mandellikör, die im Winter 2009 einen Waldweg hinaufging und nicht mehr zurückkam.

Hinweise nimmt Interpol über seine Seite „Identify Me“ entgegen, oder jede Polizeidienststelle, in Spanien die Policía Nacional und die Ertzaintza in Bizkaia.



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