Damals

Das irrige Leben des Pawel Sudoplatow

Titelbild Sudopalow Stalin KI generiert

Pawel Anatoljewitsch Sudoplatow wurde am 7. Juli 1907 in Melitopol im damaligen Russischen Kaiserreich, dem heutigen Süden der Ukraine, geboren.

Er stammte aus einer gemischten Familie mit einem ukrainischen Vater und einer russischen Mutter und wuchs in einer Zeit großer Umbrüche auf.

Bereits als Zwölfjähriger schloss er sich während des Russischen Bürgerkriegs der Roten Armee an, und nur wenig später, mit etwa vierzehn Jahren, trat er in die Reihen der Tscheka ein, der ersten sowjetischen Geheimpolizei.

Diese frühe Bindung an die bolschewistische Macht sollte sein gesamtes Leben prägen. In den folgenden Jahrzehnten durchlief Sudoplatow eine beeindruckende Karriere in den verschiedenen sowjetischen Sicherheitsorganen – von der Tscheka über die OGPU und das NKWD bis hin zum MGB. Über mehr als 34 Jahre hinweg diente er als einer der einflussreichsten Geheimdienstler der Sowjetunion und stieg bis zum Rang eines Generalleutnants auf.

Seine Spezialität waren die sogenannten „nassen Angelegenheiten“, also verdeckte Operationen, Sabotageakte, Entführungen und gezielte Tötungen im Ausland. Bereits in den 1930er Jahren wurde er in die Auslandsaufklärung des NKWD eingebunden und zog nach Moskau. Ein besonders markantes Ereignis war der Mord an Jewhen Konowalets, dem Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten, im Jahr 1938 in Rotterdam.

Sudoplatow führte diese Operation persönlich durch und übergab dem Opfer eine Bombe, die als Schachtel Pralinen getarnt war.

Stalin selbst hatte den Auftrag erteilt, und Sudoplatow erfüllte ihn mit großer Präzision. Nur zwei Jahre später, 1940, leitete er die Planung und Durchführung des Attentats auf Lew Trotzki in Mexiko-Stadt. Der spanische Kommunist Ramón Mercader, der unter Sudoplatows Anleitung stand, tötete Trotzki mit einem Eispickel. Diese Aktion gilt bis heute als eine der spektakulärsten Operationen des sowjetischen Geheimdienstes.

Während des Zweiten Weltkriegs übernahm Sudoplatow weitere zentrale Aufgaben. Er organisierte den Partisanenkrieg hinter den deutschen Linien, baute Sabotagenetzwerke auf und leitete Täuschungsoperationen gegen die Wehrmacht. Besonders bekannt wurde die Operation Scherhorn (auch Beresino genannt), bei der die Sowjets den Deutschen erfolgreich vorgaukelten, eine große versprengte deutsche Kampfgruppe existiere noch hinter der Front, um so Ressourcen und Aufmerksamkeit zu binden. Gleichzeitig war Sudoplatow maßgeblich an der atomaren Spionage beteiligt. Er koordinierte die Beschaffung von Informationen zum amerikanischen Manhattan-Projekt und nutzte dabei Kontakte zu Wissenschaftlern und Agenten im Westen. Manche seiner späteren Behauptungen, etwa über die Beteiligung bestimmter Physiker, wurden von Historikern zwar angezweifelt, doch die grundsätzliche Rolle der Sowjetunion bei der Beschleunigung ihres eigenen Atomprogramms durch westliche Geheiminformationen gilt als gesichert.

Sudoplatow arbeitete eng mit den mächtigsten Männern der Sowjetunion zusammen, darunter Josef Stalin und vor allem Lawrenti Beria, dem Chef des NKWD. Er berichtete direkt an die Spitze und genoss zeitweise großes Vertrauen. Nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 geriet er jedoch in den Strudel der Machtkämpfe. Zusammen mit Beria wurde er verhaftet, schwer gefoltert und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Von 1953 bis 1968 saß er im Gefängnis, überlebte mehrere Schlaganfälle und verlor sogar das Augenlicht auf einem Auge. Trotz allem weigerte er sich, falsche Geständnisse abzulegen. Nach seiner Entlassung kämpfte er jahrelang um seine Rehabilitation und lebte zurückgezogen in Moskau.

Erst in den 1990er Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, konnte Sudoplatow seine Erinnerungen veröffentlichen. Das Buch „Special Tasks – The Memoirs of an Unwanted Witness – A Soviet Spymaster“, das er gemeinsam mit seinem Sohn Anatoli und anderen Autoren schrieb, erschien 1994 und sorgte international für Aufsehen. Darin schilderte er detailliert die inneren Abläufe des sowjetischen Geheimdienstes, die großen Operationen, die Machtkämpfe im Kreml und die Rolle der Atomspionage. Das Werk gilt als wertvolle, wenn auch nicht immer unumstrittene Quelle, da einige Angaben von Historikern kritisch hinterfragt werden. Dennoch bietet es einen seltenen Einblick aus erster Hand in die Welt der sowjetischen „nassen Angelegenheiten“ und der Hochphase des Kalten Krieges.

Pawel Sudoplatow starb am 24. oder 26. September 1996 in Moskau im Alter von 89 Jahren und wurde auf dem Neuen Donskoi-Friedhof beigesetzt. In der heutigen Russischen Föderation wird er teilweise als Held der Geheimdienstarbeit erinnert; so existiert sogar ein Freiwilligenbataillon in den besetzten Gebieten der Ukraine, das seinen Namen trägt. Für viele bleibt er jedoch vor allem eine Schlüsselfigur der stalinistischen Repression und der skrupellosen sowjetischen Außenpolitik – ein Meister der verdeckten Operationen, der sowohl immense Erfolge als auch dunkle Kapitel der Geschichte verkörpert. Seine Biografie zeigt exemplarisch, wie eng persönliche Loyalität, ideologische Überzeugung und brutale Machtausübung im sowjetischen System miteinander verflochten waren.

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