Damals

Eine kritische Betrachtung von Wernher von Braun

Titelbild:Wernher von Braun im Marshall Space Flight Center, 1964 Unterschrift Wernher von Braun deutsch-US-amerikanischer Raketentechniker
NASA/MSFC – https://www.nasa.gov/topics/history/features/vonbraun.html

Eine kritische Betrachtung des Lebens von Wernher von Braun muss die glänzenden Erfolge in der Raumfahrt mit den schweren moralischen Schatten seiner NS-Zeit konfrontieren. Zweifellos war er ein technisches Genie, dessen Visionen die moderne Raketentechnik und die bemannte Raumfahrt entscheidend vorantrieben – von der V-2 über den ersten US-Satelliten bis hin zur Saturn V, die Menschen zum Mond brachte. Doch diese Leistungen wurden erkauft mit einer tiefen Verstrickung in das nationalsozialistische System und dessen Verbrechen. Von Braun trat der NSDAP bei, wurde SS-Mitglied und leitete als technischer Direktor in Peenemünde die Entwicklung der V-2, einer Waffe, die ab 1944 gezielt gegen Zivilbevölkerung in England, Belgien und den Niederlanden eingesetzt wurde und mehrere Tausend Tote forderte.



Besonders belastend ist seine Rolle bei der Produktion der V-2 im unterirdischen Mittelwerk bei Nordhausen (Mittelbau-Dora). Dort wurden Zehntausende KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen als Zwangsarbeiter eingesetzt – Schätzungen gehen von bis zu 20.000 Toten durch Erschöpfung, Krankheiten, Hunger, Misshandlungen und Hinrichtungen aus, mehr Opfer als durch den tatsächlichen Einsatz der Rakete selbst. Von Braun besuchte das Werk mehrmals, war über die Zustände informiert, forderte in Dokumenten zusätzliche Häftlinge an und wählte teilweise selbst Arbeitskräfte aus Buchenwald aus. Er distanzierte sich später stets davon, betonte, er habe sich nur auf die Technik konzentriert und keine Misshandlungen gesehen – eine Haltung, die Historiker als opportunistisch und verharmlosend kritisieren. Die Aussage, „die Wissenschaft hat keine moralische Dimension“, zeigt eine bewusste Ausblendung ethischer Verantwortung. Im März 1944 wurde er kurz von der Gestapo verhaftet, was er nach dem Krieg gerne als Beleg für seine Distanz zum Regime nutzte, doch in Wirklichkeit schützte ihn seine Unentbehrlichkeit für das Rüstungsprogramm.


Nach 1945 profitierten die USA im Rahmen der Operation Paperclip von seinem Wissen und vertuschten systematisch seine NS-Vergangenheit, einschließlich seiner SS-Mitgliedschaft und der Zwangsarbeiter-Thematik. Von Braun wurde zum gefeierten „Vater der amerikanischen Raumfahrt“, trat in Disney-Sendungen auf und erhielt hohe Positionen bei der NASA. Kritik an seiner Vergangenheit wurde lange unterdrückt oder als unpatriotisch abgetan. Erst Jahrzehnte später, teilweise nach seinem Tod 1977, rückten Historiker die volle Dimension seiner Mitverantwortung ins Bewusstsein: Er war kein fanatischer Ideologe, sondern ein ehrgeiziger Opportunist, der sich bereitwillig mit einem mörderischen Regime einließ, solange es seine raketentechnischen Träume finanzierte. Er wechselte nahtlos von Hitlers „Vergeltungswaffe“ zu Kennedys Mondprogramm, ohne je eine echte Reue oder Entschuldigung für die Opfer auszusprechen.
Von Braun verkörpert damit die Ambivalenz des 20. Jahrhunderts: brillanter Ingenieur und Visionär einerseits, moralisch kompromittierter Mitläufer und Nutznießer eines Verbrecherregimes andererseits. Seine Karriere zeigt, wie schnell wissenschaftlicher Fortschritt mit Kriegsverbrechen und Ausbeutung verknüpft sein kann und wie geopolitische Interessen (hier der Kalte Krieg) ethische Fragen überlagern. Heute wird er in manchen Orten wie Huntsville noch als Held verehrt, während andere in ihm einen Kriegsverbrecher sehen, dem nur die Siegerjustiz und seine Nützlichkeit Straffreiheit verschafften. Eine ehrliche Würdigung darf weder die technischen Errungenschaften leugnen noch die menschlichen Kosten schönreden – von Braun flog buchstäblich zu den Sternen, doch er tat es auf einem Fundament aus Leid und Tod.

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