Titelbild: Wernigerode, 1981, © kasaan media, 2026
Oktober in Wernigerode – Marktplatz zwischen Fachwerk und Fahnen
Oktober 1981. Frühherbst in Wernigerode. Das Licht steht schräg über dem Marktplatz, die Schatten der Fachwerkhäuser werden lang. Auf der einen Seite das Gothische Haus, damals als Hotel Kanzler geführt, Hausnummer Marktplatz 3, Baujahr 1428. Ein Haus, das schon Hanse, Kaiserreich und zwei Kriege gesehen hat. In der DDR ein HO-Hotel, 14 Zimmer mit Holzdielen, Waschbecken im Zimmer, Ofenheizung auf dem Flur. Unten die Küche im Kellergewölbe, deftig und ehrlich: Soljanka, Würzfleisch, Harzer Hirschgulasch, Kartoffelpuffer.
Direkt gegenüber steht das Rathaus. 1277 erstmals erwähnt, 1420 in Fachwerk neu aufgeschlagen, das Wahrzeichen der Stadt. Im Erdgeschoss die doppelläufige Freitreppe von 1741, im Keller das Kreuzgratgewölbe auf zwei Mittelpfeilern – der Ratskeller. 1948 malte Bert Heller dort sein Wandbild Harzsagen. Die Figuren an der Fassade, die Heiligen und Handwerker, geschnitzt vom Wernigeröder Bildhauer Otto Welte.
Auf dem Foto von Oktober 81 sieht man die Zeit: Rote Fahnen am Kanzler, schwarz-rot-gold mit Hammer und Zirkel am Rathaus. Parkverbotsschilder, Piktogramme für den Hotelparkplatz 650 Meter weiter. Auf dem Pflaster ein Trabant 601 Kombi, eine Limousine und ein UAZ-469, das typische Behördenfahrzeug. Ein Verkehrs-Hütchen mitten auf dem Markt – Baustelle, Umleitung, Alltag.
In den Häusern selbst war alles noch original: Die Saumschwellen mit Schnitzwerk, die kleinen Dachgauben, die Breite Straße dahinter mit dem Krummelschen Haus von 1583. Hinter dem Rathaus der Blick zum Schlossberg, wo das Schloss wie seit 1120 über der Stadt thront.
Heute ist der Platz saniert, aber fast unverändert. Das Gothische Haus ist heute Teil des Hotels Weißer Hirsch, 59 Zimmer, Aufzug und Sauna, aber die Balken sind die alten. Der Ratskeller schenkt noch immer aus. Wer im Oktober kommt, hat fast das gleiche Licht wie damals auf dem Bild.
