Titelbild:
Der Wolfsforscher Werner Freund inmitten seines Rudels von Polarwölfen im Wolfspark Merzig. Kasaan media, 2012, ram
Vom Leben mit und unter Wölfen
Die Beziehung zwischen Mensch und Wolf ist viel älter und enger als wir oft denken. Wölfe leben in Rudeln mit einem stark ausgeprägten Sozialverhalten. Hierarchien, Fürsorge, gemeinsame Jagd und Kommunikation über Körperhaltung und Laute halten den Verband zusammen. Und in dieses System können unter bestimmten Bedingungen sogar Menschen integriert werden.
Ein leuchtendes Beispiel dafür ist die Geschichte des Spaniers Marcos Rodriguez Pantoja. Er wurde als Waisenkind mit 7 Jahren zu einem alten Hirten in den Bergen der südspanischen Sierra Morena geschickt und lebte dort nach dessen Tod 12 Jahre völlig ohne Kontakt zu anderen Menschen. In dieser Zeit schloss er sich einem Wolfsrudel an. Er lernte von ihnen, wie man jagt, sich verhält und in der Gruppe überlebt. Erst mit 19 Jahren wurde er wiedergefunden und in die menschliche Gesellschaft zurückgebracht.
Er musste erst wieder lernen aufrecht zu gehen, Kleidung zu tragen, lesen und schreiben. Zeit seines Lebens tat er sich in der Zivilisation schwer. Rodriguez Pantoja starb jetzt im Alter von 80 Jahren. Seine Lebensgeschichte gilt bis heute als eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, wie tief die soziale Bindung zwischen Mensch und Wolf sein kann.
Als Kinofilm wurde die Geschichte 2010 unter dem Originaltitel „Entrelobos“ oder im Deutschen „Wolfsbrüder“ verfilmt.
Wie genau Wölfe leben und interagieren, wird bis heute erforscht. Eine der bekanntesten Forschungsstätten ist der *Wolfspark von Werner Freund in Merzig im Saarland*. Freund, der als einer der berühmtesten Wolfsforscher Europas gilt, lebte jahrzehntelang mit mehreren Wolfsrudeln zusammen. Er zog die Tiere vom Welpenalter an auf und wurde von ihnen als vollwertiges Mitglied des Rudels akzeptiert.

Bild:
Von Maul zu Maul, besser von Mund zu Maul. Möchte man im Wolfsrudel aktzeptiert werden, gehört die artgerechte Weiterreichung von Futter dazu. Wolfsforscher Werner Freund bei der Fütterung. Kasaan media, 2012, ram
Seine Arbeit war einzigartig: Anstatt Wölfe nur zu beobachten, lebte er mit ihnen. Er aß mit ihnen, schlief in ihrer Nähe und kommunizierte über Körpersprache. So konnte er Erkenntnisse über Rangordnung, Aufzucht, Jagdverhalten und die emotionale Intelligenz von Wölfen gewinnen, die bis heute in der Verhaltensforschung maßgeblich sind. Für ihn waren die Wölfe keine Versuchstiere, sondern Familie.
Beide Geschichten zeigen: Das Rudelprinzip der Wölfe basiert auf Vertrauen und Zugehörigkeit. Und manchmal lässt dieses Rudel sogar einen Menschen zu.
