Titelbild: Gariepdam, 1984, kasaanmedia, 2026
Es war Oktober 1984. Für mich starb die Republik in diesen Tagen.
Das waren die Tage, in denen ich endgültig über die Apartheid verzweifelte – und diese Tage waren lebendig und doch so tot. Alles ist noch intensiv. Die Gerüche, die Geräusche, die Bilder – sie lassen mich nicht los.
Am Gariepdam hatte ich noch versucht, die alte Normalität festzuhalten. Die Boerewors brutzelte auf dem Grill, das Fett zischte in die Kohlen, daneben die saftigen Lammkoteletts, deren Duft sich mit dem Rauch vermischte. Die Familie neben meinem Grill lachte, jemand drehte das Radiorecorder auf, und „Die Stem“ erklang leise und stolz: „Uit die blou van onse hemel…“
Für einen kurzen Augenblick wollte ich glauben, dass das Land noch das alte war.
Doch die Normalität war nur noch eine dünne, brüchige Haut über einer klaffenden Wunde. Ich stand da mit der Grillzange in der Hand und spürte schon, dass etwas nicht mehr stimmte.
Auf der Rückfahrt von Welkom Richtung Johannesburg kam der endgültige Bruch – und diese Momente brannten sich in mich ein. Zuerst hinter Kroonstad. Ich hielt an der Straße an, weil zwei Tote im roten Staub lagen – einfach hingeworfen wie Abfall.
Einer mit ausgestrecktem Arm, der andere mit offenen Augen zum Himmel. Blut war schon dunkel in den Sand gesickert. Die Blauuniformierten der SAP standen daneben, rauchten, redeten laut – und lachten. Einer zeigte mit dem Daumen auf die Leichen und machte einen Witz. Sie fanden es lustig. Wie normal, dass da offensichtlich Leichen lagen. Ein paar Meter weiter stand ein alter rostbrauner Datsun.
Ich stand da und weinte. Lautlos zuerst, dann mit diesem tiefen, hilflosen Schluchzen. Die Tränen liefen mir übers Gesicht, während die Polizisten lachten.
Ich weinte um die Toten, um das Land, um mich selbst. Dieses Lachen hallte noch in meinen Ohren.
Doch das Schlimmste wartete ein paar Tage später noch in Welkom, hinter dem Horseshoe. Dort war ein Zebrastreifen, der von dem Postamt zu einem Möbelgeschäft ein wenig weiter auf der anderen Straßenseite führte.
Ein Farbiger, ein Zulu, wahrscheinlich ein Minenarbeiter, wollte die Straße überqueren. Er wurde angefahren – oder einfach niedergestoßen. Sein Kopf war schrecklich geschwollen, wie ein riesiger, glänzender Kürbis. Die Haut spannte sich dunkel und straff. Er konnte nicht mehr laufen. Er kroch, taumelte, fiel immer wieder hin.Und ein weißer Polizist prügelte ihn mit dem Schlagstock über die Straße.
Schlag um Schlag. Hart, methodisch, ohne jede Regung.
Der Mann schrie vor Schmerz und Angst, immer wieder dieselben Worte, laut und verzweifelt:
„Ini wena enza… Ini wena enza… Was tust du… Was tust du…“
Ein gebrochener, flehender Ruf, halb Anklage, halb Bitte um Erbarmen. Er konnte kaum sprechen, aber er wiederholte es wie ein letztes Gebet, während der Stock auf seinen Rücken, seine Beine, seinen geschwollenen Kopf niederging.
Ich stand wie erstarrt auf der anderen Seite. Dieser Zwischenfall hinter dem Horseshoe hat mich zu Tode erschrocken. Etwas in mir zerbrach endgültig und unwiderruflich. Dieser eine Mann, dieser eine Moment – der grotesk geschwollene Kopf, der hilflose Zulu, der weiße Polizist, der einfach weiterprügelte, und der verzweifelte Schrei „Ini wena enza“, der in der heißen Luft hing wie ein Vorwurf an uns alle – das alles ist noch so klar und intensiv in meinen Gedanken. Ich sehe es jede Nacht.
Danach fuhr ich weiter wie in Trance. Die gelben Transporter der SAP sah ich wieder, vollgestopft mit Menschen. Die brennenden Hütten in Thabong. Auf dem Weg raus aus der Stadt.
Die Körper im Staub hinter Kroonstad. Und immer wieder das Lachen der Blau Uniformierten.
Als ich endlich zurück in Johannesburg war, habe ich alles aufgeschrieben. Ich musste es festhalten, sonst wäre ich wirklich gestorben – innerlich. Diese Aufzeichnung liegt heute noch irgendwo, aber ich brauche sie nicht mehr.
Für mich starb die Republik in diesen Oktobertagen 1984.
Die Boerewors und Lammkoteletts am Gariepdam schmeckten nie mehr wie früher.
„Die Stem“ klang nicht mehr stolz, sondern hohl und fremd.
Ich war lange Zeit wie tot.
Die Unruhen im Vaal, die Gewalt in Thabong, die Polizeibrutalität überall – alles floss zusammen zu einem einzigen, unerträglichen Bild: ein Land, das sich selbst zerfraß. Der Zulu hinter dem Horseshoe, der „Ini wena enza“ rief, während er geschlagen wurde, wurde für mich zum Symbol dessen, was die Apartheid aus uns allen gemacht hatte.
Die alte Republik war schon tot.
Wir sangen nur noch ihr Lied am Grab Südafrikas.
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