Frankreich

Gewalt bei Massenprotesten in Frankreich

Titelbild:Eliteeinheiten in La Défense

Frankreich am Siedepunkt – Wie aus Schulprotesten eine nationale Krise wurde

Es begann mit ein paar zugeklebten Schultoren in der Île-de-France. Ende September blockierten vielleicht zehn Gymnasien. Heute, am Samstag den 17. Oktober 2026, rechnet das Innenministerium mit fast 500 Demonstrationsorten landesweit, Aktivisten listen im Netz über 1.000 Treffpunkte auf. Was als Schülerprotest startete, ist zu einer Koalition der Wut geworden.


Die Auslöser sind banal und seit Jahren bekannt

Fehlende Lehrer, keine Vertretungen, Stundenplanlöcher, überfüllte Klassen mit 35 Schülern, kaputte Fenster, herabstürzende Deckenplatten, Schimmel in den Klassenzimmern und ein Stundenplan, der teilweise von 8 bis 18 Uhr geht. Dazu das zentrale Vergabesystem für Studienplätze Parcoursup, das die Schüler als intransparent und sozial ungerecht empfinden. Regionalpräsidentin Valérie Pécresse meldete allein für Paris 160 geschlossene Gymnasien am 6. Oktober. Bundesweit waren an diesem Montag zwischen 400 und 500 der 3.600 Gymnasien dicht. Am 1. Oktober waren zeitweise knapp 30 Prozent aller Gymnasien betroffen.

Die Schülerorganisation USL formuliert es schlicht: Sie wollen nichts Besonderes, nur sanierte Gebäude und ausreichend Lehrer. Konkret fordern sie zehn Milliarden Euro für die Oberschulen. Die Regierung bietet bisher 1,2 Milliarden im Haushalt 2027 und 3.000 zusätzliche Vertretungslehrer, die zwischen dem 9. und 13. Oktober verteilt werden sollen. Das reicht nicht, sagen Schüler, Eltern und Lehrer.


Die Eskalation – Zahlen, die erschrecken

Die Bewegung wuchs über TikTok und Telegram exponentiell. Am 6. Oktober zählte das Innenministerium 256.000 Demonstranten, die Organisatoren 450.000. In Paris 56.000 offiziell, 100.000 laut Gewerkschaften. Am 8. Oktober noch 71.500 landesweit plus 55.000 Jugendliche vor ihren Schulen, am 13. Oktober wieder bis zu 480.000 laut Organisatoren.

Und es wurde gewaltsam. Bildungsminister Édouard Geffray musste am Abend des 6. Oktober einräumen: 190 verletzte Schüler, ein 15-jähriger Junge verlor in Lens durch eine Blendgranate eine Hand. Die Polizeiinspektion IGPN hat inzwischen 18 Verfahren wegen Polizeigewalt, insgesamt zehn Ermittlungen seit Beginn. Das Ministerium meldet 24 angezündete und verwüstete Schulen, über 6.600 Festnahmen, 504 allein am 8. Oktober, 48 verletzte Polizisten und Gendarmen an einem Tag. ZDF berichtet, dass sich unter die Schüler auch gewaltbereite Jugendliche aus sozial schwachen Vierteln mischten.

Daraufhin setzte das Innenministerium den Einsatz von Blendgranaten bei Schülerdemos aus. Das half nicht mehr.


Politik im Belagerungszustand

Premierminister Sébastien Lecornu steckt in einer Zwickmühle. Frankreichs Staatsverschuldung steht auf dem höchsten Stand seit 1946, er hat gerade einen Sparhaushalt für 2027 vorgelegt. Jetzt soll er Milliarden lockermachen.

Seine Reaktion schwankte zwischen Beschwichtigung und Härte. Am 7. Oktober sagte er im Fernsehen, die Unzufriedenheit habe reale Ursachen, bis Ende Oktober komme ein Plan mit Mitteln und Zeitplan. Gleichzeitig warf er in der Nationalversammlung La France Insoumise vor, das Chaos bewusst zu säen: „Die Gewalt ist Teil eures politischen Projekts der Bordellisierung des Landes bis zur Präsidentschaftswahl.“ Innenminister Laurent Nuñez ließ verlauten, etwa 20 nationale LFI-Funktionäre seien am 29. September von Lille bis Toulouse direkt an Blockaden beteiligt gewesen. Justizminister Gérald Darmanin rief 36 Generalstaatsanwälte zu einer Videoschalte für ein hartes Durchgreifen.

Marine Le Pen auf der anderen Seite fordert, dass Randalierer oder ihre Eltern für Schäden zahlen – ein Vorschlag, den die Regierung in einen Gesetzentwurf übernommen hat.

Heute – Acte VI und die Angst vor dem Kippen



Die Organisatoren nennen die Proteste bewusst „Acte III“, „Acte V“, „Acte VI“ – eine direkte Anleihe bei den Gelbwesten 2018/2019. Und die Gelbwesten haben für heute ihre Teilnahme angekündigt. Dazu kommen Studierende, mehrere Lehrergewerkschaften, Klimaaktivisten, Gewerkschaften. Das Motto: „On en a marre“ und „Quand on brûle, vous brûlez avec nous“.

Die Regierung hat für heute eine Krisenzelle einberufen. Lecornu sagte gestern: „Befürchten wir Gewalt? Ja.“ In Paris war der Platz der Republik heute Vormittag erst friedlich, dann flog Tränengas.

Der Kern ist längst nicht mehr nur Schule. Es ist die diffuse Wut über Lebenshaltungskosten, Benzinpreise, Energie, über ein Bildungssystem, das nach Ansicht vieler Soziologen „Symbol einer verzweifelten Jugend“ ist, die Angst hat, in einer Arbeitswelt zu landen, in der jeder nur noch ein Element ist, das maximal ausgenutzt wird, bevor man es wegwirft, weil KI billiger ist.

Lecornu verspricht, die Jugendlichen ernst zu nehmen, will aber gleichzeitig, dass alle wieder vor ihren Lehrern im Unterricht sitzen. Bis Ende Oktober muss er liefern. Wenn er es nicht tut, könnte aus den Schulblockaden der Auftakt zum Präsidentschaftswahlkampf werden – mit der Straße als Hauptdarsteller.Es gibt leider sehr viele Verletzte und das ist einer der Gründe, warum die Lage gerade so angespannt ist.
Nach den letzten offiziellen Zahlen, die Bildungsminister Edouard Geffray und das Büro von Premier Sébastien Lecornu in der Nationalversammlung genannt haben, liegt die Gesamtzahl bei über tausend Verletzten seit Mitte September. Darunter sind mehr als achthundert Polizisten und Gendarmen, dazu über zweihundert Schülerinnen und Schüler und rund hundertfünfzig Lehrer und Schulleiter, wobei viele Schulleiter gezielt angegriffen wurden als sie versucht haben, die Blockaden aufzulösen. Geffray selbst hat vor den Abgeordneten gesagt, so etwas habe man noch nie gesehen.


Besonders schockierend sind die schweren Einzelfälle, die die Stimmung weiter aufgeheizt haben. In Lens hat ein fünfzehnjähriger Junge seine linke Hand verloren, nachdem eine Blendgranate der Polizei neben ihm explodiert war. Danach hat Innenminister Laurent Nunez den Einsatz dieser Granaten bei Schülerdemonstrationen ausgesetzt, aber das Vertrauen war da schon beschädigt. In Saint-Ouen-l’Aumône bei Paris wurde ein vierzehnjähriger Schüler namens Eden von einer Tränengasgranate im Gesicht getroffen und erlitt einen doppelten Kieferbruch. Es laufen deshalb inzwischen achtzehn interne Ermittlungen der Polizeiinspektion IGPN wegen mutmaßlich unverhältnismäßiger Gewalt.

Auf der anderen Seite ist auch die Zahl der verletzten Beamten ungewöhnlich hoch, was die Polizei mit Wurfgeschossen, Mörsern und Brandflaschen begründet. Dazu kommen massive Schäden an den Schulen selbst, vierundzwanzig Gymnasien wurden angezündet oder so schwer verwüstet, dass sie nicht wieder öffnen konnten, wodurch etwa dreißigtausend Jugendliche im Moment nicht normal zur Schule gehen können. Der Sachschaden wird auf zwanzig bis dreißig Millionen Euro geschätzt. Und es gab fast achttausend Festnahmen seit Ende September, der größte Teil davon Minderjährige. Die Menschenrechtskommission CNCDH hat deshalb von einem unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt gesprochen und die Regierung aufgefordert, endlich mehr auf Dialog zu setzen.

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