Flora und Fauna

Futterwechsel in der Lachszucht: Hühnerprotein verdrängt Fischmehl

Titelbild: Bespielbild

Aus einem schleichenden Trend ist in dieser Woche eine Branchenentscheidung geworden. Wie die Financial Times am 15. Oktober 2026 berichtet, haben die größten europäischen Lachszüchter begonnen, ihre Bestände systematisch mit Beiprodukten aus der Geflügelverarbeitung zu füttern.



Lerøy Seafood Group hat demnach auf allen Offshore-Farmen auf Futter mit Hühneranteilen umgestellt. Mowi, Weltmarktführer, bereitet denselben Schritt für seine Standorte in Norwegen und Schottland vor. Grieg Seafood hat im Juli umgestellt, SalMar testet seit März. Der Spiegel hatte die Entwicklung bereits unter dem Titel „Zuchtlachs wird wohl zunehmend mit Hühnchen gefüttert“ eingeordnet.

Hintergrund ist eine doppelte Kosten- und Ressourcenkrise. Fischmehl und Fischöl, traditionell die Basis von Lachs­futter, haben sich innerhalb von zwei Jahren im Preis nahezu verdoppelt. Sinkende Fangquoten vor Peru, dem wichtigsten Herkunftsland, eine steigende Nachfrage aus China und stagnierende Wildfischbestände seit den 1980er Jahren verknappen das Angebot. Geflügelmehl kostet pro Tonne weniger als die Hälfte von Fischmehl.

Bei Geflügelmehl handelt es sich um verarbeitete Schlachtnebenprodukte wie Federn, Knochen, Blut und Eingeweide, die zu einem proteinreichen Mehl hydrolysiert werden. Hinzu kommt Geflügelfett als Energieträger. In der EU ist der Einsatz von verarbeitetem tierischem Protein aus Geflügel in Aquakulturfutter seit 2013 zugelassen, wurde von europäischen Produzenten aus Sorge um die Verbraucherakzeptanz bislang aber kaum genutzt.

Bereits heute stammen nach Angaben des Forschungsinstituts Nofima über 70 Prozent des Proteins in norwegischem Lachsfutter aus pflanzlichen Quellen, vor allem aus Soja. Soja steht wegen Flächenverbrauch und CO2-Bilanz in der Kritik. Ein Forschungsprojekt von Nofima und dem Futterhersteller Aller Aqua prüft Geflügelmehl als Alternative mit geringerer Klimawirkung. Die Projektleitung beziffert das Einsparpotenzial bis 2030 auf bis zu 600.000 Tonnen CO2.



Aller Aqua verweist zudem auf Ergebnisse aus Versuchen mit der Norwegischen Universität für Umwelt- und Biowissenschaften (NMBU): Lachs und Forelle, die mit Hühnerhydrolysat gefüttert wurden, zeigten im Versuch weniger Hautläsionen, größere Herzen mit geringerem Fettanteil, weniger Spaltbildung im Filet und eine stabilere Färbung nach dem Einfrieren. Das Unternehmen wertet dies als Beleg für eine bessere Verdaulichkeit und Tiergesundheit.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher ergeben sich daraus drei wesentliche Konsequenzen.

Erstens fehlt Transparenz. Futterzusammensetzungen müssen auf der Endverbraucherverpackung nicht deklariert werden. Britische Supermärkte hatten sich in der Vergangenheit unterschiedlich positioniert. Tesco erklärte 2021, Geflügelmehl und -öl im Futter für Eigenmarken-Lachs zu verbieten, Waitrose folgte 2024. Sainsbury’s hält das Verbot für Eigenmarken nach eigenen Angaben weiter aufrecht. Auf Anfrage der Financial Times wollten die Händler in dieser Woche nicht bestätigen, ob die Richtlinien Bestand haben.

Auch verändert sich das Nährwertprofil. Wildlachs bezieht seine rote Farbe und einen Teil seiner Omega-3-Fettsäuren über die natürliche Nahrungskette aus Krill und kleinen Krebsen. Zuchtlachs, der mit pflanzlichen und Geflügelkomponenten gefüttert wird, wäre ohne Zusatz grau. Daher wird dem Futter Astaxanthin zugesetzt, ein Farbstoff, der für die markttypische rosa Färbung sorgt. Der Gehalt an langkettigen Omega-3-Fettsäuren liegt bei Tieren mit hohem Pflanzen- und Geflügelanteil in der Regel unter dem von Wildlachs.

Desweiteren verschiebt sich das Nachhaltigkeitsnarrativ. Die Lachszucht wurde lange als Entlastung für überfischte Meere dargestellt. Faktisch ist sie weiter auf Wildfisch angewiesen. Die norwegische Regierung hat das Ziel formuliert, bis 2034 sämtliches Futter nachhaltig zu gestalten und mindestens 25 Prozent lokal zu produzieren. Die Verwertung von Nebenströmen aus der Geflügelindustrie gilt dabei als Instrument der Kreislaufwirtschaft. Eine Verbraucherbefragung von Nofima aus dem Jahr 2026 zeigt jedoch eine deutliche Skepsis, insbesondere in Großbritannien und Frankreich, gegenüber Geflügelbestandteilen im Lachsfutter.

Die Branche steht damit vor einem Kommunikationsproblem: Ökonomisch und ökologisch ist der Wechsel zu Geflügelprotein nachvollziehbar, für das Produktversprechen „Lachs“ ist er erklärungsbedürftig.

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