Menschenrechte Todesstrafe USA

Christa Gail Pike ist in kritischem Zustand

Titelbild: KI generiert, 2026

Die Frau, die nicht sterben sollte – Protokoll einer gescheiterten Hinrichtung

Christa Pike überlebt als erste Person in der US-Geschichte zwei Giftspritzen. Tennessee stoppt alle Exekutionen. Was in der Todeskammer von Nashville geschah, wirft ein grelles Licht auf das amerikanische System.

Nashville, 2. Oktober 2026

Es sollte ein Schlussstrich sein. Nach 30 Jahren im Todestrakt. Nach einem Mord, der Amerika 1995 schockierte. Am Ende wurde es ein Albtraum, der das ganze Land über die Todesstrafe diskutieren lässt.



Am Dienstag, 30. September 2026, um 10 Uhr morgens sollte Christa Gail Pike sterben. Um 19:27 Uhr begann der Versuch. Um 21:30 Uhr verließ ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirenen das Riverbend Maximum Security Institution in Nashville. An Bord: Pike, 50 Jahre alt, lebendig.

Sieben Nadeln, eine verbogene

Randy Spivey, ihr Anwalt, war die ganze Zeit an ihrer Seite. Was er am Donnerstag vor der Presse schilderte, klingt nach Folter, nicht nach Protokoll.

„Eine Stunde lang versuchte das Hinrichtungsteam, einen Zugang zu legen“, sagte Spivey. Er zählte allein im linken Arm mindestens sieben Einstiche, eine Nadel sei verbogen gewesen, als man sie wieder herauszog. Es habe Blasen und Verbrennungen an den Einstichstellen gegeben.

Und Christa Pike half dabei. Die Frau, die hingerichtet werden sollte, gab Anweisungen. „Bitte versucht es weiter oben an meiner Schulter. Bitte versucht es hier, ich glaube, hier geht es“, soll sie immer wieder gesagt haben. „Sie war freundlich, kooperativ und die ganze Zeit im Frieden.“

Medienzeugen hörten Pike auf der Liege sagen: „The vein in my arm feels like it’s about to bust“ – „Die Vene in meinem Arm fühlt sich an, als würde sie gleich platzen.“

Die Verteidigung hatte seit Monaten gewarnt. Pike leide an Thrombozytose, einer Erkrankung mit erhöhten Blutplättchen, die zu Gerinnungsproblemen führt. Schon Blutabnahmen seien bei ihr schwierig.


Zwei Dosen, kein Tod

Nach dem einstündigen Kampf wurde das Gift gegeben: Pentobarbital. Um 19:41 Uhr die erste Dosis. Der Vorhang schloss sich, öffnete sich wieder um 19:46 Uhr. Pike atmete. Um 20:01 Uhr die zweite volle Dosis. Wieder schloss sich der Vorhang. Man hörte sie schnarchen, laut.

Die Anwälte reichten noch im Hinrichtungsraum einen Eilantrag ein: „Ms. Pike has not lost consciousness and still has a heartbeat and is audibly snoring“.

Um 20:53 Uhr wurden die Zeugen hinausgeführt – während sie noch atmete. Erst danach wurde ein Krankenwagen gerufen.

Das Department of Correction erklärte später: Man habe „jeden Schritt des Protokolls befolgt“, das Mittel sei „bisher immer wirksam gewesen“. Für den Fall, dass beide Spritzen verabreicht wurden und die Person noch lebt, gebe es kein weiteres Verfahren.

Pike ist damit die erste Person in der Geschichte der USA, die eine Hinrichtung durch Giftspritze überlebt hat.

Kritisch, aber lebendig

Am Donnerstagnachmittag gaben die Anwälte ein Update: Pike liege in kritischem Zustand im Krankenhaus, bekomme lebenserhaltende Maßnahmen. „We don’t have a sense of her prognosis, but we do know that she is alive right now.“

Christa Pike war 18, als sie 1995 ihre Mitschülerin Colleen Slemmer in Knoxville tötete. 1996 wurde sie zum Tode verurteilt – als jüngste Frau, die in den USA in den letzten Jahrzehnten ein Todesurteil erhielt.

Dieser Fall kann das Ende der Todesstrafe bedeuten

Und genau deshalb kann dieser gescheiterte Abend in Nashville der Wendepunkt sein, auf den Amerika gewartet hat.

Diese Bilder – sieben Nadeln im Arm einer Frau, eine verbogene Nadel, eine Frau die selbst helfen muss, sich töten zu lassen, das Röcheln hinter dem Vorhang – zeigen endgültig, dass es keine humane Hinrichtung gibt. Es gibt nur staatliche Folter, die mal funktioniert und mal nicht. Tennessee selbst gibt zu, kein Protokoll für das Versagen zu haben.

Wenn ein Staat eine Stunde lang auf einem Menschen herumsticht und ihn dann zweimal vergiftet und er wacht trotzdem wieder auf, dann hat das System nicht nur versagt, es hat sich selbst für verfassungswidrig erklärt. Das Verbot grausamer und ungewöhnlicher Strafen steht im 8. Zusatzartikel. Grausamer als diese Nacht geht es nicht.

Der einzige, der dieses barbarische System noch braucht, ist der Autokrat im Weißen Haus. Donald Trump, der unbeliebteste Amerikaner der Gegenwart, dessen Zustimmungswerte im freien Fall sind, braucht die Todesstrafe als Bühne. Er braucht das harte Image, das Töten auf Befehl, um von seiner eigenen Schwäche abzulenken. Trump forderte immer wieder die Todesstrafe in vielen Fällen.


Für alle anderen Amerikaner aber hat die Nacht von Nashville gezeigt: Ein Land, das sich als zivilisiert bezeichnet, kann nicht weiter Menschen mit verbogenen Nadeln jagen. Dieser Fall wird vor den Supreme Court gehen und er kann der Fall sein, der die Todesstrafe in den USA endgültig abschafft.

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