Die weiße Jägerin der Tundra – ein Jahr im Leben der Schnee-Eule
Es ist still in der arktischen Tundra, nur der Wind streicht über das niedrige Moos, als sich ein weißer Schatten vom Schneehang löst. Kein Laut, kein Flügelschlag. Die Schnee-Eule ist unterwegs. Anders als ihre Verwandten in den Wäldern Mitteleuropas jagt sie nicht in der Nacht, denn dort, wo sie zu Hause ist, gibt es im Sommer gar keine Nacht. In Norwegen, auf Island, in Sibirien und im Norden Kanadas, dort wo der Horizont endlos ist und kein Baum Schutz bietet, hat sie sich ein Reich erobert, das für andere Vögel unbewohnbar ist.
Ihr Leben wird von einem kleinen Nager bestimmt, dem Lemming. Wenn die Lemminge in Massen durch die Tundra ziehen, ist auch die Schnee-Eule im Überfluss. Dann baut sie ihr Nest, eine schlichte Mulde im Boden, kaum mehr als eine vom Wind freigewehte Erhebung mit guter Sicht, und legt bis zu elf Eier. Das Weibchen, stets etwas dunkler gesprenkelt als das schneeweiße Männchen, brütet über einen Monat lang fast ohne Unterlass, während das Männchen unermüdlich Beute heranträgt, alle paar Stunden einen Lemming, manchmal mehr als tausend für eine einzige Brut. Sind die Lemminge hingegen rar, wird aus der kinderreichen Familie nichts. Dann legt die Eule gar nicht erst Eier, verlässt ihr Revier und zieht als Nomadin Hunderte Kilometer weiter, auf der Suche nach besseren Jagdgründen. Mancher Winter führt sie dabei weit nach Süden, bis nach Deutschland, wo ihr Erscheinen in Brandenburg oder auf den Halligen sofort zum Ereignis für Beobachter wird.
Nach etwa drei Wochen verlassen die Jungen bereits die Nestmulde, noch in grauem Daunenkleid, tapsen sie durch das Moos, lange bevor sie fliegen können. Sie lernen früh, sich zu ducken, denn Polarfüchse und Wölfe warten. Die Mutter verteidigt sie mit einer Wildheit, die man dem eleganten Vogel kaum zutraut, sie richtet sich auf, faucht, schlägt mit den Flügeln und täuscht einen gebrochenen Flügel vor, um Angreifer von den Küken wegzulocken. Erst nach fast zwei Monaten sind die Jungen flugfähig, und bald darauf trennen sich ihre Wege. Das Weiß des Gefieders erzählt dabei vom Alter. Junge Vögel tragen noch dunkle Querbinden, alte Männchen werden mit den Jahren fast vollständig weiß, wie aus Schnee gemeißelt, während die Weibchen stets ihre Tarnflecken behalten.
Wer sie einmal jagen sieht, vergisst es nicht. Sie sitzt lange reglos auf einem kleinen Hügel, die gelben Augen starr nach vorn gerichtet, den Kopf um fast 270 Grad drehbar.
Dann ein kurzer Stoß, und ihre Krallen greifen durch eine halbe Meter dicke Schneedecke hindurch, weil sie eine Maus darunter rascheln hörte. In freier Wildbahn wird sie kaum älter als neun oder zehn Jahre, obwohl sie in Gefangenschaft fast dreimal so alt werden kann. Doch ihr größter Feind ist nicht mehr der Jäger, der sie einst als Konkurrenten verfolgte, sondern die Erwärmung ihrer Welt. Die Tundra schrumpft, die Lemmingzyklen geraten aus dem Takt, und mit ihnen das fragile Gleichgewicht, von dem das Leben der weißen Jägerin abhängt.
