Titelbild:Wiederhergestelltes Aquarell, Café Wien, 1984, mh, Vervielfältigung in jeder Form verboten
Aus dem Blau von Hillbrows Himmel und aus der Tiefe der Nacht rauschte einst die Stimme eines Ortes, der mehr war als nur ein Kaffeehaus.
Über den Türmen und Straßen, wo das Neon Antwort gab, durch die weit verlassenen Ecken mit dem leisen Ächzen alter Treppen, erhob sich das Café Wien – ein Stück Wien mitten in Johannesburg, mitten in der Apartheid. Hier, im Jahre 1984, erwidert man den Ruf dieses Ortes.
Man setzte sich, bestellte Kaffee und Strudel, und gab, was er forderte: Zeit, Gespräche, ein Stück Normalität in einer Zeit, die alles andere als normal war. BILD-Zeitung von gestern, eingeflogen mit South African Airways , die Kleine Zeitung,
Im Mark der Gebeine, im Herzen und in der Seele Hillbrows lag der Ruhm des alten Wien und die leise Hoffnung auf das, was noch kommen konnte.
Dazu Kaffeehausmusik oder Polka. Manchmal auch Lale Andersen oder andere Stars der elitären Klasse, die hier Platz nahm.
Von der Wiege bis zum Grab teilte kein anderes Café diese besondere Liebe; keine andere Treue zog die Gäste ab.
Vaterland des Kaffees nannte man es im stillen Spott und doch mit ernster Zuneigung. Die Gäste trugen den Adel dieses Namens mit einer gewissen Ehre – wahr und treu, Kinder der Apartheid-Nacht, die hier für ein paar Stunden dem Schatten des Gesetzes entkamen.
In der Sonnenglut des Sommers wie in der Kälte der Winternacht, im Frühling einer Freiheit, die noch fern schien, und im Herbst der Trauer über das, was fehlte, klangen die Tassen wie Glocken und die Türen klopften leise. Die Stimme des Cafés streichelte die Gäste nie vergeblich; sie wusste, wo ihre Kinder saßen.
Auf den Ruf dieses Ortes sagte man nie nein.
Man sagte immer ja – um zu sitzen, um zu sprechen, um zu sein. Auf eine Allmacht, sei es der Staat oder das Schicksal, hatten die Väter einst gebaut. Nun erbat man die Kraft, dieses kleine Erbe des alten Wien zu bewahren, damit es für die Nachkommen bleiben möge.
Knechte des Kaffees, und doch gegen die ganze Welt ein Stück weit frei.Wie einst der Ochsenwagen geächzt hatte, so ächzte jetzt der Stuhl unter dem Gewicht der Geschichte. Im Jahre 1984, in Hillbrow, im Schatten des Gesetzes, rauschte die Stimme des Café Wien – die Stimme eines Landes, das noch nicht frei war, und doch an diesem einen Tisch für einen Moment so etwas wie Heimat bot.
