Das Foto zeigt den Hafen von Izmir im Sommer 1972 – genau in deiner Zeit dort.
Im Bild liegt die TCG A-596. Das ist kein Kreuzfahrtschiff, sondern ein Vermessungsschiff der türkischen Marine. Ursprünglich ein Minensucher der amerikanischen Auk-Klasse, gebaut 1942/43 auf Werften in Seattle und Chickasaw, Alabama für die Royal Navy / US Navy. Nach dem Krieg im März 1947 im Rahmen des Hilfsprogramms an die Türkei abgegeben.
In den 1960er Jahren wurden mehrere dieser Schiffe zu Vermessungsschiffen umgebaut – TCG Çandarlı A-593, TCG Çarşamba A-594 und Schwesterschiffe. Die A-596 gehört zu dieser Gruppe. Grau gestrichen, 67 Meter lang, zwei Schornsteine, das typische Radar auf dem Mast für die Navigation in der Ägäis. Im Vordergrund ein türkischer Murat 124 – die Lizenz des Fiat 124, ab 1971 in Bursa gebaut – und die türkische Flagge am Heck.
Was war los in der Türkei 1972?
Die Türkei stand unter Kriegsrecht. Nach dem Militär-Memorandum vom 12. März 1971 musste die Regierung Demirel gehen. 1972 regierten die überparteilichen Technokraten-Kabinette: bis 22. Mai Nihat Erim, danach Ferit Melen. Das Kriegsrecht galt in 11 Provinzen, ausdrücklich auch in Izmir, Istanbul und Ankara. Zeitungen wurden geschlossen – auch die lokale Demokrat Izmir im November 1971 – Journalisten, Schriftsteller wie Yaşar Kemal, Verleger verhaftet. Im März wurde der Stadtguerillero Mahir Çayan getötet, am 6. Mai 1972 wurden Deniz Gezmiş und zwei Genossen gehängt. Gleichzeitig boomte der Tourismus an der Ägäis: Kusadasi, Ephesus, der Bafa See – Izmir war Tor für deutsche Familien, für die Baustelle am Imbat, für deutsche Firmen.
München war überall präsent. Am 7. August 1972 kam die olympische Fackel durch Istanbul auf dem Weg nach München. Die TRT übertrug erstmals live aus dem Ausland – die Olympischen Spiele 1972 in München vom 26. August bis 10. September. Die Türkei nahm mit 43 Sportlern teil, Fahnenträger war der Ringer Gıyasettin Yılmaz, die einzige Medaille holte Vehbi Akdağ Silber im Ringen.
Dann der Bruch. Am 5. September 1972 überfiel das palästinensische Kommando Schwarzer September das olympische Dorf. Elf israelische Sportler starben. In Deutschland und in der Türkei legte sich Angst über die eigentlich heiteren Spiele. Für deutsche Familien in Izmir, die auf Flügen wie Frankfurt – Istanbul – München saßen, für Kinder die in einem Jet oder einer 707 der MEA saßen, war das Attentat nicht nur Nachricht – es war die Angst im Flugzeug selbst, ob der Flug sicher ankommt.
