Titelbild:Spendenfalle auf TikTok Screenshot egal_oh97/TikTok
Das Geschäft mit dem Mitleid – Wie echte Tierschutzvideos auf TikTok zur Spendenfalle werden
Es sind Bilder, die niemand kalt lassen. Ein schwarzer Welpe mit zugeklebter Schnauze und dem Text „habe ich genug gelitten?“, zwei Beagles mit Sauerstoffmasken, darüber „going on in UK?“, ein Hund hinter Gittern: „Ich will noch nicht sterben – Bitte hilf mir“. Dazwischen: Hunde in Gitterboxen auf einem Laster, eine Überschrift schreit: „Kühlwagen voller Leichen abtransportiert“ – 18.202 Aufrufe.
Was auf den ersten Blick wie Tierschutz aussieht, ist bei genauerem Hinsehen ein System. Der TikTok-Account, den unsere Recherche untersucht hat, ist kein Tierheim. Es ist ein privates Profil mit einer Frau im Sonnenuntergang als Avatar. Es hat keine Website, kein Impressum, keinen Vereinsnamen.
Im Grid finden sich innerhalb weniger Minuten über ein Dutzend verschiedene Absender. Unten links im Video läuft jeweils das Wasserzeichen des Originals mit: „@gut_aiderbichi_official“, „@tierschutzbund“, „@arche_noah“, „@yamina.tierschutz“, „@hopeforpawskreta“, „@mainecoon_pepe“ und viele mehr. Der Account lädt fremde Videos herunter und lädt sie neu hoch – erkennbar am kleinen Repost-Symbol rechts oben.
Die Masche lebt von der Mischung. Zwischen den Schockvideos liegen völlig themenfremde Clips: Eine KI-Katze, die ins Mikrofon miaut – „good morning“ (269 Views), zwei Pudel im Kleidchen, die ein Duett singen (260 Views), eine Katze, die Cappuccino mit Katzenlatte macht (24 Views). Dann wieder private Einblicke: Füße mit Glitzer-Flip-Flops, darüber „Guten Morgen – crete“ und „corfu 2026“.
Das Prinzip ist simpel und völlig unreguliert. Ein echtes Tierheim wie das Sorgun Umut Evi in der Türkei, betrieben vom Hamburger Internationaler Tierschutz in Not e.V., filmt seine 400 Hunde beim Füttern. Minuten später ist dasselbe Video auf zehn anderen Accounts zu sehen, neu betitelt mit Sätzen wie „Diese Hunde sollen STERBEN!! JETZT TEILEN“ oder „1.500 HUNDE OHNE WASSER IN DER TÜRKEI – WIR HABEN WINTEREINBRUCH“ oder „Wir müssen unser Zuhause verlassen. Niemand möchte uns haben. Bitte helft uns!“.
Für den Nutzer ist nicht mehr erkennbar, wo die Spende landet. Das Original hat eine IBAN und ein PayPal mit Vereinsnamen. Der Repost-Account hat nur einen „Link in Bio“ oder einen Live-Stream, in dem um Coins gebeten wird.
Eine Sprecherin eines großen deutschen Tierschutzverbandes beschreibt das so: „Echte Not wird zum Content. Die Videos sind echt, die Absender sind es nicht.“
