Spanien

Madrid geht auf die Barrikaden

Titelbild: KI generiert, 2026

Madrid steht still wegen einer 87-jährigen Frau

Wenn man in Spanien in diesen Tagen den Fernseher einschaltet, sieht man immer wieder das gleiche Bild. Eine schmale Frau mit kurzen weißen Haaren, in einem Rollstuhl sitzend, eingeklemmt zwischen Polizisten in einem engen Treppenhaus. Es ist Mittwochmorgen, kurz nach sieben Uhr, in der Calle Alcalde Sainz de Baranda 46 im Madrider Stadtteil Retiro. Die Frau heißt Maricarmen Abascal, sie ist 87 Jahre alt, zu 50 Prozent schwerbehindert und sie wird an diesem Morgen nach 71 Jahren aus ihrer Wohnung getragen. Weil sie nicht laufen kann und der Aufzug seit Monaten defekt ist, müssen Feuerwehrleute sie auf einer Trage über sechs Stockwerke nach unten bringen. Draußen stehen mehr als 200 Polizisten, die Straße ist abgeriegelt, über 400 Menschen blockieren den Eingang und rufen immer wieder: Du bist nicht allein.


Maricarmen war siebzehn, als sie 1956 mit ihren Eltern in diese Wohnung zog. Damals war Spanien noch ein anderes Land. Eine Frau durfte nicht einmal selbst einen Mietvertrag unterschreiben, deshalb stand der Vertrag auf den Namen ihres Vaters. Als ihr Vater starb, ging der Vertrag auf die Mutter über, als die Mutter starb, übernahm ihn Maricarmen. So war das üblich bei den alten Mietverträgen, die man in Spanien renta antigua nennt. Sie zahlte zuletzt 500 Euro Miete im Monat, in einem Viertel, in dem eine vergleichbare Wohnung heute leicht 2500 Euro kostet.

Vor acht Jahren wurde das Haus verkauft. Ein Erbe verkaufte es an die Firma Urbagestión Desarrollo e Inversión. Für diese Art von Geschäft gibt es in Spanien einen eigenen zynischen Namen, piso con bicho dentro, eine Wohnung mit Wanze drin. Man kauft ein Haus billig, weil ein geschützter Mieter drin wohnt, und klagt dann auf Räumung, um es danach für das Dreifache zu verkaufen. Für Maricarmens Wohnung zahlte die Firma nach Recherchen spanischer Medien rund 240000 Euro.

Der juristische Hebel war eine Lücke im Mietrecht. Nach dem aktuellen Gesetz ist nur eine einzige Weitergabe eines alten Vertrags erlaubt, nicht zwei hintereinander. Die Firma argumentierte, Vater zu Mutter sei die erste Weitergabe gewesen, Mutter zu Tochter wäre damit die zweite und unzulässige. In erster Instanz bekam Maricarmen noch Recht, doch die nächste Instanz und schließlich im März dieses Jahres der Tribunal Supremo, das höchste Zivilgericht Spaniens, gaben der Firma Recht. Die Räumung wurde angeordnet.

Was danach passierte, macht die Menschen in Spanien so wütend. Es gab mehrere Versuche, eine Einigung zu finden. Zuerst bot die Firma Maricarmen an, ihre eigene Wohnung für 247000 Euro zu kaufen, eine unmögliche Summe bei einer Rente von 1350 Euro. Dann erhöhte man ihre Miete auf 1650 Euro, später auf 2650 Euro. Ein bekannter Schriftsteller, der anonym bleiben will, bot schriftlich an, die Differenz jeden Monat für den Rest ihres Lebens zu bezahlen. Die Firma antwortete nicht. Das Wohnungsbauministerium vermittelte, die Ombudsstelle vermittelte, nichts half. Sogar das Komitee der Vereinten Nationen für wirtschaftliche und soziale Rechte in Genf forderte Spanien per Eilbeschluss auf, die Räumung von Maricarmen und 28 anderen Mietern im selben Haus zu stoppen, bis es eine menschenwürdige Alternative gebe. Die Verfügung wurde ignoriert.

So kam es zum vierten Räumungsversuch am 23. September. Die Polizei rückte mit fünfzehn Wagen an, setzte laut Videos, die El País veröffentlichte, Pfefferspray und Schlagstöcke gegen die friedlich sitzenden Aktivisten ein, und bahnte dem Gerichtsvollzieher den Weg. Maricarmen wurde nach der Räumung mit Kreislaufproblemen ins Krankenhaus gebracht. Von dort ließ sie über den Mieterverband ausrichten, sie habe es nicht geschafft, ihr eigenes Haus zu verteidigen, aber sie habe dafür gekämpft, dass andere lernen, für ihres zu kämpfen. Zu RTVE sagte sie aus dem Krankenhausbett nur einen Satz: Bitte, kämpft weiter.

Und die Menschen kämpfen weiter. Am Samstagabend um halb sieben versammelten sich auf der Puerta del Sol, dem zentralen Platz Madrids, Zehntausende. Das Innenministerium spricht von 25000, die Veranstalter vom Sindicato de Inquilinas, dem Mieterverband, von 300000. Auf einem Lautsprecherwagen hing ein riesiges Foto von Maricarmen. Als die Menge das Foto sah, rief sie ein Wort, das schon bei der Räumung gerufen wurde: Vergüenza, Schande. Viele trugen Schilder mit der Aufschrift, ich bin auch Maricarmen, man hat mich 2019 geräumt. Der Demonstrationszug zog bis zum Abgeordnetenhaus und wieder zurück zur Puerta del Sol. Doch danach gingen die Menschen nicht nach Hause. Sie blieben.

In der Nacht errichteten sie über 150 Zelte mitten auf der Puerta del Sol, dazu eine Versorgungsstation mit Wasser und Lebensmitteln in der orangenen Farbe des Mieterverbands. Es ist ein bewusstes Echo. Vor genau fünfzehn Jahren, 2011, entstand auf demselben Platz das Camp der 15-M-Bewegung, der Bewegung der Empörten, die damals aus der Finanzkrise heraus entstanden war. Jetzt, sagt Sprecherin Valeria Racu, soll hier wieder ein Ausgangspunkt sein. Am Mikrofon rief sie am Samstag: Wenn wir morgen Maricarmen wiedersehen, werden wir ihr sagen, schau, was du ausgelöst hast. Und dann kündigte sie an, was sie am Dienstag vom Ministerrat der Regierung von Pedro Sánchez erwartet. Ein Sofort-Dekret, das sie bereits Decreto Maricarmen nennen. Es soll Mietverträge automatisch zu unbefristeten Verträgen machen, Mieten einfrieren und Zwangsräumungen ohne echte Alternative für schutzbedürftige Menschen verbieten. Ihre Drohung hallte über den Platz: Entweder fällt das Rentier-System, oder die Regierung fällt.


Der Protest richtet sich dabei nicht nur gegen die linke Zentralregierung, der die Aktivisten vorwerfen, zu wenig gegen Spekulation zu tun, sondern auch gegen die konservative Regionalpräsidentin Madrids, Isabel Díaz Ayuso. Auf den Demos war immer wieder der Ruf zu hören, Ayusos Penthouse für Maricarmen, eine Anspielung auf eine Affäre um eine teure Luxuswohnung.

Vier Tage nach der Räumung meldete sich plötzlich die Firma Urbagestión mit einer Pressemitteilung. Man biete an, die nun leerstehende Wohnung der Stadt Madrid zu überlassen, damit diese sie zu einem sozialen Preis an Maricarmen vermieten könne. Das Rathaus lehnte das Angebot ab und nannte es eine reine Image-Wasch-Aktion. Maricarmen selbst will laut ihrer Familie nicht irgendeine Ersatzwohnung. Sie will zurück in ihre Wohnung, in der sie seit 71 Jahren lebt. Wo sie heute schläft, ist provisorisch. Nach dem Krankenhaus kam sie bei einer Nichte unter, ihre Möbel stehen in einem Lager.

Themenverwandte Artikel

Mysteriöser Mord an der Costa Adeje – Teneriffa

the kasaan times

Noelia Castillo Ramos ist tot

the kasaan times

Franco und die Unabhängigkeit Teneriffas

the kasaan times

Im ersten Halbjahr 5000 Tote auf der Kanaren-Route nach Europa?

the kasaan times

Scholz reist zu Regierungskonsulationen nach Spanien

the kasaan times

Spanien am Ende des Weges

the kasaan times

Die Verbrechen Francos

the kasaan times

Brandstiftung auf Teneriffa

the kasaan times

Zugunglück in Spanien

the kasaan times

Starke Waldbrände auf Teneriffa

the kasaan times

In Ceuta eskaliert die Situation erneut

the kasaan times

Plünderungen in spanischen Notstandsgebieten – 39 Festnahmen

the kasaan times

Hinterlasse einen Kommentar

*