Italien

Der Mord an dem Duo, Borsellino und Falcone, das alleine gegen die Mafia kämpfte

 

Titelbild: Falcone e Borsellino auf Transparenten: „Ihr habt sie nicht ermordet, ihre Ideen gehen auf unseren Beinen (weiter).“Orzetto

Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, oft einfach als „Falcone und Borsellino“ bezeichnet, waren zwei der bedeutendsten italienischen Staatsanwälte und Richter im Kampf gegen die sizilianische Mafia, die Cosa Nostra. Beide stammten aus Palermo, wuchsen in ähnlichen Vierteln auf und entschieden sich früh für eine Karriere in der Justiz, um gegen die organisierte Kriminalität vorzugehen, die Sizilien und weite Teile Italiens jahrzehntelang beherrschte.



Ihre enge Zusammenarbeit begann in den 1980er Jahren im sogenannten Antimafia-Pool, einem Team von Ermittlern unter der Leitung von Rocco Chinnici, das systematisch Beweise gegen die Mafia-Strukturen sammelte. Falcone und Borsellino ergänzten sich hervorragend: Falcone galt als analytischer Stratege mit internationalen Kontakten, während Borsellino eher als leidenschaftlicher und direkter Ermittler bekannt war. Gemeinsam legten sie den Grundstein für einen der größten Erfolge in der Geschichte des Antimafia-Kampfes – den Maxi-Prozess in Palermo.

Dieser Prozess, der von 1986 bis 1987 stattfand, war ein Meilenstein. Über 475 Angeklagte, darunter viele hochrangige Mafia-Bosse, wurden angeklagt. Falcone und Borsellino arbeiteten monatelang an der Anklageschrift, die auf Zeugenaussagen von Pentiti – ehemaligen Mafiosi, die ausstiegen und kooperierten – sowie auf umfangreichen Ermittlungen basierte. Der Prozess endete mit Hunderten von Verurteilungen und lebenslangen Freiheitsstrafen für führende Figuren der Cosa Nostra.

Er bewies erstmals in großem Maßstab die hierarchische Struktur der Mafia und ihre Verbindungen zu Politik und Wirtschaft. Die Urteile wurden 1992 in letzter Instanz bestätigt, was für die Organisation eine existenzielle Bedrohung darstellte. Salvatore Riina, der brutale Boss der Corleonesi-Fraktion und „Boss der Bosse“, sah darin eine Kriegserklärung des Staates und schwor Rache.



Nur wenige Monate nach der endgültigen Bestätigung der Maxi-Prozess-Urteile schlug die Mafia mit einer beispiellosen Gewaltwelle zu. Am 23. Mai 1992 kehrte Giovanni Falcone von einer Dienstreise aus Rom zurück. Er saß in einem gepanzerten Konvoi auf der Autobahn A29 zwischen dem Flughafen von Palermo und der Stadt, in der Nähe der Ortschaft Capaci.

Die Mafia hatte monatelang vorbereitet: Unter der Fahrbahn in einem Abwasserkanal waren fast 500 Kilogramm Sprengstoff – eine Mischung aus TNT und Semtex – versteckt worden. Giovanni Brusca, ein berüchtigter Killer der Corleonesi, zündete die Bombe per Fernbedienung von einem nahegelegenen Hügel aus, als der Konvoi genau über der Ladung fuhr.

Die Explosion riss ein riesiges Loch in die Autobahn, schleuderte das erste Begleitfahrzeug meterweit in einen Olivenhain und zerstörte den Wagen von Falcone. Der Richter, seine Frau Francesca Morvillo, die ebenfalls Richterin war, und drei Polizisten der Eskorte – Vito Schifani, Rocco Dicillo und Antonio Montinaro – kamen sofort ums Leben.

Weitere Beamte wurden schwer verletzt, und die Druckwelle richtete enorme Schäden an. Die Tat war ein reiner Terrorakt, der nicht nur Falcone, sondern auch den Staat treffen sollte. Riina hatte den Auftrag persönlich gegeben, um den „Verräter“ zu bestrafen, der die Mafia vor Gericht gebracht hatte.

Der Mord an Falcone erschütterte Italien zutiefst. Millionen Menschen gingen auf die Straßen, um zu trauern und gegen die Mafia zu protestieren. Doch die Cosa Nostra war noch nicht fertig.



Genau 57 Tage später, am 19. Juli 1992, schlug sie erneut zu – diesmal gegen Paolo Borsellino, den engsten Freund und Kollegen Falcones. Borsellino wusste, dass er als Nächster auf der Liste stand. Er hatte in den Wochen nach dem Attentat von Capaci intensiv weiterermittelt, unter anderem zu möglichen Verhandlungen zwischen Teilen des Staates und der Mafia, die angeblich nach Falcones Tod begonnen hatten, um weitere Anschläge zu verhindern.

An jenem Sonntagnachmittag besuchte Borsellino seine Mutter in der Via D’Amelio in Palermo. Er fuhr mit seiner Eskorte vor dem Haus vor. Die Mafia hatte eine gestohlene Fiat 126 mit etwa 90 bis 100 Kilogramm Sprengstoff präpariert und in der Nähe abgestellt. Als Borsellino und seine Begleiter ausstiegen, wurde die Bombe per Fernzündung zur Explosion gebracht. Die Detonation war verheerend: Paolo Borsellino und fünf Polizisten seiner Eskorte starben – Agostino Catalano, Emanuela Loi (die erste Frau in einer Antimafia-Eskorte, die im Dienst getötet wurde), Vincenzo Li Muli, Walter Eddie Cosina und Claudio Traina. Nur ein Beamter überlebte schwer verletzt. Die Explosion zerfetzte die Straße, beschädigte Häuser und hinterließ ein Bild des Grauens, das sich tief in das kollektive Gedächtnis Italiens einbrannte.

Beide Attentate waren Teil einer Strategie der Spannung, mit der die Mafia den Staat einschüchtern und zu Zugeständnissen zwingen wollte. Sie folgten auf den Erfolg des Maxi-Prozesses und sollten die Antimafia-Bemühungen stoppen. Stattdessen bewirkten sie das Gegenteil: Eine Welle der Empörung führte zu massiven Verhaftungen, darunter die Festnahme Riinas 1993, zu neuen Gesetzen gegen die Mafia und zu einer stärkeren internationalen Zusammenarbeit. Viele der Täter, darunter Brusca und andere Corleonesi, wurden später verurteilt und sitzen lebenslange Haftstrafen ab. Dennoch blieben Fragen offen, etwa nach möglichen „unsichtbaren Auftraggebern“ außerhalb der reinen Mafia-Strukturen oder nach einer sogenannten „Trattativa“ (Verhandlung) zwischen Staat und Cosa Nostra, die Borsellino möglicherweise auf der Spur war – ein rotes Notizbuch, das er bei sich trug, verschwand spurlos nach dem Attentat.



Heute gelten Falcone und Borsellino als Symbole des zivilen Widerstands und der Rechtsstaatlichkeit. Jedes Jahr am 23. Mai und 19. Juli gedenkt Italien ihrer mit Veranstaltungen, Schulprojekten und Märschen. Ihre Arbeit hat gezeigt, dass die Mafia nicht unbesiegbar ist, solange der Staat und die Gesellschaft gemeinsam gegen sie vorgehen. Ihr Vermächtnis lebt in der Fondazione Falcone, in unzähligen Bildungsinitiativen und in der Erinnerung fort, dass der Kampf gegen die organisierte Kriminalität Mut, Ausdauer und Opferbereitschaft erfordert. Die Morde an ihnen markierten einen Wendepunkt: Aus Trauer wurde Entschlossenheit, und Italien begann, sich ernster denn je der Zerschlagung der Cosa Nostra zu widmen. Dennoch erinnert ihre Geschichte daran, wie hoch der Preis für Gerechtigkeit sein kann und wie tief die Wurzeln der Mafia in Gesellschaft und Politik reichen können.

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