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Booking.com – das freundliche Blau, das alle ausnimmt

Titelbild:Beispielbild Pixabay
Quellen: Hotel und Gaststättenverband, eigene Recherchen

Booking.com – Das freundliche Blau, das alle ausnimmt

Es gibt in Europa kaum eine Marke, die so tut, als wäre sie dein bester Freund, während sie dir gleichzeitig die Taschen leert.
Booking.com.
Dieses beruhigende Blau, dieser freundliche Slogan, dieser kleine Genius-Rabatt, der dir sagt, du bist etwas Besonderes. In Wahrheit ist Booking.com kein Reisebüro. Es ist ein Torwächter, seit Mai 2024 offiziell von der EU-Kommission als Gatekeeper eingestuft, und es benimmt sich auch so.
Wer nicht zahlt, verschwindet. Wer zahlt, darf bleiben und weiter zahlen.


Das Geschäftsmodell ist von zynischer Einfachheit.
Das Hotel macht die Arbeit, putzt das Zimmer, bezieht das Bett, lächelt den Gast an, der um Mitternacht anreist. Booking.com kassiert dafür zwischen 15 und 30 Prozent Kommission.
In der Schweiz war das selbst dem Preisüberwacher zu viel, er verfügte im Mai 2025, dass Booking.com seine Kommissionen für Schweizer Hotels um knapp ein Viertel senken muss, weil sie missbräuchlich hoch seien.
Es war die erste Behörde, die es aussprach, was tausende Hoteliers seit Jahren flüstern, weil sie Angst haben, von der Plattform abgestraft zu werden.

Die Angst ist berechtigt. Laut der Beschwerde, die die Österreichische Hotelvereinigung ÖHV gerade bei der EU-Kommission eingereicht hat, sieht das Kleingedruckte 17 Gründe vor, ein Hotel sofort und ohne vorherige Mahnung zu sperren, darunter so wunderbar dehnbare Formulierungen wie ein Verhalten, das mit dem globalen Geschäftsmodell nicht vereinbar sei. Eine Stellungnahme ist nicht vorgesehen. Viele Betriebe trauen sich deshalb nicht, selbst gegen Booking.com vorzugehen, weil sie Nachteile auf der Plattform befürchten. Das ist keine Partnerschaft, das ist ein Abhängigkeitsverhältnis.

Die ÖHV hat fünf Punkte herausgearbeitet, die das System perfekt beschreiben. Erstens darf Booking.com laut eigenen Bedingungen den Zimmerpreis auf eigene Kosten senken, ohne das Hotel zu informieren oder um Zustimmung zu bitten. Laut der European Hotel Distribution Study 2026 haben 80 Prozent der betroffenen Hotels einer solchen Unterbietung nicht zugestimmt. Das ist die Bestpreisklausel durch die Hintertür, nur dass jetzt Booking.com selbst unterbietet und so tut, als sei es ein Geschenk an den Kunden. Zweitens räumt Booking.com selbst ein, dass die Höhe der Provision das Ranking beeinflussen kann. Wer mehr zahlt, wird weiter oben angezeigt, dazu kommen Programme wie Preferred und Preferred Plus, bei denen Hotels für bessere Platzierung extra zahlen. Seit Juli 2026 wird der Genius-Rabatt zudem allen Reisenden angezeigt, wer nicht teilnimmt, wirkt automatisch teurer. Es ist ein Erpressungssystem im Loyalty-Mantel. Drittens kann Booking.com die Kosten der Zahlungsabwicklung vollständig an die Hotels weiterverrechnen, ohne Obergrenze, ohne Aufschlüsselung, ohne Prüfrecht, 65 Prozent der Hotels in Europa nutzen inzwischen Booking.com Payments, weil sie kaum eine andere Wahl haben. Viertens werden in der Praxis Buchungen storniert oder Rabatte gewährt, ohne das Hotel zu fragen, obwohl die Bedingungen die Zustimmung vorsehen.


Die Stornoquote liegt bei Booking.com bei 19 Prozent, bei Direktbuchungen über die Hotelwebsite bei 9,1 Prozent, mehr als das Doppelte an Verwaltungsaufwand, den das Hotel trägt, während Booking.com schon die nächste Kommission kassiert.

Während die Hoteliers bluten, bluten die Gäste anders, nur merkt man es erst, wenn man schon bezahlt hat. Ein Gast fährt 600 Kilometer nach Chemnitz für die Adam’s Pension, die Buchung ist bestätigt, der Gastgeber bejaht die frühere Anreise, das Geld ist längst abgebucht, und dann steht man vor einer Hausnummer, die es nicht gibt. Der Gastgeber am Telefon sagt lapidar, die Pension existiere gar nicht mehr. Die Rückerstattung wurde zugesagt und kam nie. Auf Trustpilot stellt Booking.com die Schilderung als Lüge dar und behauptet, die Buchung sei aktiv und der Gastgeber warte. Man steht ohne Zimmer da und zahlt für die Ersatzunterkunft das Doppelte.

Das hat System und das System heißt Geisterunterkunft. In Paris haben Familien den ganzen Sommer vor einer Tür nahe des Eiffelturms geklingelt, auf der ein Zettel des Hausmeisters klebte, dass die Unterkunft hier nicht existiert. Die Reservierung war bestätigt, 104 Euro waren abgebucht, manche schliefen danach im Auto, weil samstags in Paris nichts mehr zu kriegen ist. Das Geld geht vorher raus, bevor irgendjemand geprüft hat, ob es die Wohnung überhaupt gibt. Wie leicht das geht, haben Journalisten im September 2026 getestet.
Sie haben eine völlig erfundene Anzeige hochgeladen, eine Gefängniszelle als Hotelzimmer deklariert, Büros der Polizei als Wohnzimmer, Adresse 36 Quai des Orfèvres, der alte Sitz der Pariser Kriminalpolizei. Die Anzeige blieb fünf Stunden online, in denen Dutzende Buchungsanfragen für über 6000 Euro eingingen. Die Plattform hat es erst dann gemerkt.



In Großbritannien hat die Verbraucherorganisation Which? das Gleiche versucht, nur noch zynischer. Sie hat die Adresse 10 Downing Street, den Amtssitz des Premierministers, genommen und daraus ein Ein-Zimmer-Apartment in Central London gemacht. Innerhalb von etwa 20 Minuten, in denen die Anzeige verfügbar war, bekundeten 14 Personen Interesse, eine Testzahlung wurde sogar verarbeitet. Booking.com bestreitet danach die Aussagekraft und sagt, der Test habe nicht den normalen Betrieb widergespiegelt. Das ist die Standardantwort, immer: Es war Phishing, es waren kompromittierte Partnerkonten, es war ein bedauerlicher Einzelfall.

Aber es sind keine Einzelfälle. Which? fand über eine erweiterte Google-Suche 52 Anzeigen auf Booking.com, bei denen mehrere aktuelle Bewertungen sagten, die Unterkunft existiere nicht, mit Hunderten Warnungen vor Abzocke, 35 davon waren zum Zeitpunkt der Recherche noch buchbar.
Und weil Booking.com standardmäßig nicht die neuesten, sondern die relevantesten Bewertungen anzeigt, sieht der Gast das nicht. Bei einer Londoner Anzeige gaben zehn von elf Gästen einen von zehn Punkten und schrieben Scam, als relevanteste Bewertung wurde die eine mit zehn von zehn und außergewöhnlich angezeigt. In London mussten Mitarbeiter des Wetherspoons-Pubs The Liberty Bounds nahe der Tower Bridge täglich bis zu zwanzig verwirrte Touristen wegschicken, die dachten, sie hätten ein Luxusapartment gebucht. Which? fragte sogar den KI-Trip-Planner von Booking.com, ob das alles echt sei, und der erfand fröhlich Fahrräder und kostenlose Parkplätze dazu und verlegte das Ganze 160 Kilometer weit.


Und wenn die Unterkunft doch existiert, ist die zweite Abzocke die Qualität. Das Mud Crab Motel in Derby, Western Australia, war schlicht nicht vorhanden. Das Minyirr Retreat in Broome war kein Resort, sondern ein Zimmer in einem Haus mit unsicherem Ausgang, das als Bed-and-Breakfast getarnt war, dafür gab es dann eine Stornogebühr. Und dann kommt die dritte Welle, das Phishing.
Kriminelle hacken echte Hotelkonten, haben echte Namen, echte Daten, echte Buchungssummen, und schreiben dem Gast dann per WhatsApp, man brauche noch eine Kartenprüfung. Seit Januar 2026 wurden allein in Singapur 148 solcher Fälle registriert, mit 185.000 Singapur-Dollar Schaden.
Booking.com erklärt seit dem 18. September 2026, man würde niemals per WhatsApp nach Kartendaten fragen, und hat seit dem 28. September 2026 deshalb weltweit keine Telefonnummern von Gästen mehr an Hotels und Channel-Manager übermittelt, um den Datenabfluss zu stoppen. Das Hotel darf den Gast also nicht mehr anrufen, um zu fragen, wann er kommt, weil Booking.com seine eigenen Sicherheitslücken nicht in den Griff bekommt.

Das ist die eigentliche Pointe des blauen Systems: Der Gast zahlt, bevor geprüft wurde, ob es das Zimmer gibt, er wird in eine Straße geschickt, in der kein Hotel ist, er wird danach noch einmal per Fake-Nachricht abkassiert, und wenn er sich beschwert, bekommt er einen Chatbot und die Aussage, der Gastgeber würde ihn erwarten. Das Hotel putzt ein Zimmer, das Booking.com schon storniert hat, zahlt 30 Prozent für den Gast, der nie kam, und darf nicht einmal mehr anrufen. Und dazwischen kassiert immer einer:Booking.com, 5,7 Milliarden Euro im Jahr allein an Kommissionen, verklagt von 25 Verbänden, und trotzdem tut die Branche so, als gäbe es keine Alternative. Dabei ist die Alternative simpel: Direktbuchung. Dasselbe Zimmer, derselbe Gast, aber ohne den blauen Zwischenhändler, der von beiden Seiten lebt und beiden Seiten erzählt, er sei unverzichtbar.


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