Der englische Schweiß, auch als Englische Schweißkrankheit oder sudor anglicus bekannt, war eine rätselhafte, hoch ansteckende und meist tödlich verlaufende Seuche, die vor allem England in der späten Mittelalter- und frühen Neuzeit heimsuchte. Die Krankheit trat in fünf großen Epidemien auf: erstmals 1485 kurz nach der Schlacht von Bosworth Field, dann in den Jahren 1508, 1517, 1528/29 und schließlich 1551. Danach verschwand sie ebenso plötzlich und spurlos, wie sie gekommen war, und kehrte nie wieder in dieser Form zurück.![]()
Die Seuche begann typischerweise sehr abrupt, oft nachts oder in den frühen Morgenstunden, ohne Vorwarnung. Betroffene verspürten zunächst ein starkes Gefühl der Beklemmung oder Vorahnung, gefolgt von heftigen Kälteschauern, die manchmal so intensiv waren, dass der ganze Körper zitterte. Dazu kamen Schwindel, starke Kopfschmerzen, Gliederschmerzen besonders im Nacken, in den Schultern und in den Gliedmaßen sowie eine tiefe Erschöpfung. Dieser Kälteschauer dauerte meist zwischen einer halben und drei Stunden. Danach setzte plötzlich die heiße Phase ein.
Der charakteristische, profuse Schweißausbruch brach ohne ersichtlichen Grund aus und war so massiv, dass die Betroffenen regelrecht in Schweiß gebadet waren. Oft roch der Schweiß unangenehm oder stechend. Begleitet wurde dieser Schweiß von einem intensiven Hitzegefühl, anhaltenden Kopfschmerzen, Delirium, einem rasenden Puls und starkem Durst. Viele Patienten klagten auch über Herzrasen, Brustschmerzen und eine quälende innere Unruhe. In der Endphase trat eine tiefe Schwere und Erschöpfung ein, verbunden mit einem unwiderstehlichen Drang, zu schlafen.
Der gesamte Verlauf war extrem schnell: Viele starben bereits nach drei bis 18 Stunden, und wenn jemand die kritischen 24 Stunden überlebte, galt die Genesung meist als wahrscheinlich. Die Sterblichkeitsrate lag Schätzungen zufolge zwischen 30 und 50 Prozent, in manchen Berichten sogar höher, wobei sie von Epidemie zu Epidemie und von Ort zu Ort variierte.
Im Gegensatz zur Pest, die vor allem arme Bevölkerungsschichten und Kinder traf, schien der englische Schweiß häufiger junge Erwachsene, robuste Männer und Personen aus höheren Ständen zu befallen – darunter viele Geistliche und Höflinge. Kinder und ältere Menschen blieben oft verschont. Auffällig war auch, dass die Krankheit in England fast ausschließlich Einheimische traf und Ausländer auf englischem Boden häufig verschonte, was zeitgenössische Chronisten immer wieder bemerkten. Nur bei der Epidemie von 1528/29 breitete sie sich auf den europäischen Kontinent aus, wo sie unter anderem Hamburg, Skandinavien, die Ostseeregion bis nach Polen und Russland erreichte, jedoch Frankreich und Italien weitgehend aussparte.![]()
Die Behandlungsmethoden der damaligen Zeit waren oft kontraproduktiv und trugen wahrscheinlich sogar zur hohen Sterblichkeit bei.
Ärzte wie der berühmte John Caius, der die letzte Epidemie 1551 in Shrewsbury erlebte und sie in seinem Werk „A Boke or Counseill Against the Disease Commonly Called the Sweate“ detailliert beschrieb, rieten dazu, die Patienten sofort ins Bett zu legen, sie warm zuzudecken – aber nicht zu stark, damit sie nicht erstickten – und sie von frischer Luft fernzuhalten. Man verabreichte warmes Bier und versuchte, den Schweißfluss zu fördern, in der Hoffnung, die „schlechten Säfte“ aus dem Körper zu treiben. Viele Patienten wurden jedoch so stark eingepackt, dass sie an Überhitzung oder Erschöpfung starben. Andere Heilversuche mit Pillen oder dubiosen Elixiere von wandernden Quacksalbern verschlimmerten die Lage oft noch. Es gab keine wirksame Therapie, und die Krankheit galt als so gefürchtet, dass selbst Thomas Morus sie als „schädlicher als das Schwert“ bezeichnete.
Bis heute bleibt die genaue Ursache des englischen Schweißes unbekannt, was die Seuche zu einem der großen medizinischen Rätsel der Geschichte macht. Zeitgenössische Erklärungen reichten von schlechter Luft und Schmutz über göttliche Strafe bis hin zu astrologischen Einflüssen. Moderne Hypothesen vermuten einen viralen Erreger, etwa eine bislang unbekannte Form eines Hantavirus, das möglicherweise über Nagetiere oder Umweltfaktoren wie starke Regenfälle und Überschwemmungen übertragen wurde. Andere Überlegungen gehen in Richtung eines Enterovirus oder einer Variante des Rückfallfiebers, doch keine Theorie konnte bisher endgültig bewiesen werden. Die Krankheit unterschied sich deutlich von der Pest, da sie keine Beulen oder typischen Hautausschläge zeigte (obwohl bei manchen vereinzelt rote Flecken oder schwarze Punkte erwähnt wurden) und einen viel schnelleren, schweißdominierten Verlauf nahm. Sie dauerte in jeder betroffenen Region meist nur wenige Wochen und flammte dann wieder auf, bevor sie sich zurückzog.
Der englische Schweiß prägte die Tudor-Zeit in England nachhaltig und sorgte für große Angst am Hof, etwa unter Heinrich VIII., der selbst in Panik geriet und seine Höflinge flohen ließ, als die Seuche 1528 ausbrach. Berühmte Opfer oder Betroffene waren unter anderem Mitglieder der Boleyn-Familie – Anne Boleyn und ihre Geschwister erkrankten, überlebten aber, während andere starben. Die Seuche verschwand nach 1551 endgültig, und spätere ähnliche, aber mildere Ausbrüche wie der „Picardy-Schweiß“ in Frankreich im 18. und 19. Jahrhundert gelten als verwandt, waren jedoch weit weniger tödlich.
Zusammenfassend war der englische Schweiß eine der furchterregendsten Epidemien der englischen Geschichte: unsichtbar, blitzschnell und gnadenlos.
Sie hinterließ keine Spuren in Form von bleibenden Immunitäten oder klaren Erregern und erinnert uns bis heute daran, wie wenig wir manchmal über vergangene Krankheiten wissen, die ganze Gesellschaften in Angst und Schrecken versetzten. Falls du noch mehr zu bestimmten Epidemien, historischen Berichten oder den Theorien zur Ursache erfahren möchtest, sag einfach Bescheid!
