Automobil

Mercedes – ein Stern erlischt (Teil 2/2): Ein neues Bertha Benz-Konzept

Die Geschichte von Mercedes siehe Teil 1 zeigt – es war nicht immer leicht.

Doch jetzt kommt da eine Welle auf Mercedes – und auf die anderen deutschen Autobauer natürlich auch – zu, die ihresgleichen sucht. So einfach wie damals, als Bertha Benz den Absatz durch eine simple Ausfahrt ankurbeln konnte, wird es nie wieder. Denn es mangelt nicht mehr an Bekanntheit, sondern an Ideen, wie man aus der Miesere kommt.

Es tun sich zahlreiche Problemfelder auf, die zum Teil zyklisch miteinander verflochten sind.

Der Absatz bricht weg. In der sich abzeichnenden Rezession werden auch die sog. Wachstumsmärkte in Asien wegbrechen. Gerade in China ist die Finanzblase alles andere als klein. Die Wirtschaft durch die hohe Verschuldung ist sehr auf eigene Exporte angewiesen, die aber gerade massiv durch die USA besteuert werden. Das saugt enormes Kapital aus dem chinesischen Markt.
Kapital, das anders eingeplant war.
Dass die USA das nun auch mit deutschen Autos versuchen, hilft da wenig. Das Argument, dass US-amerikanische Autobauer ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, ist bezeichnend für den Niedergang der US Autobauer. Trumps Klientel sind u.a. auch die Detroiter Autobauer.

Nicht unbedingt die besser bezahlten Menschen, die sich Audi, BMW oder Mercedes leisten können. Es geht auch nicht um Qualität oder den Dieselskandal an sich. Es geht schlicht um Wählerstimmen.

Ergo ist hier ein erhebliches Potenzial für ein immenses Absatzrisiko zu sehen, dass unsere durch den sog. Dieselskandal in Mitleidenschaft gezogene Autoindustrie „schwächeln lassen“ könnte.

Dass in diesem Zusammenhang auch der Binnenmarkt einbrechen könnte, ist klar. Auch Deutschland steuert auf die Rezession zu. Genau wie die gesamte EU.

Und Mercedes ist keine Marke für den einfachen Arbeiter. Das gesamte Segment der Mittel- und Oberklasse spricht hauptsächlich Geschäftskunden an. Die Firmenwagenbesitzer. Diese sind aber durch die aktuellen steuerrechtlichen Regelungen nicht mehr so erpicht darauf, einen schönen Wagen durch den Arbeitgeber zum privaten Gebrauch vor der Tür zu haben. Nicht seitdem der Fiskus nun auch pro Kilometer mitkassiert. Allein diese Regelung hat das Firmenkundengeschäft in Deutschland nachhaltig verändert.

 

Dass von einer möglichen Rezession auch das Nutzfahrzeugsegment betroffen ist, bleibt hier nur am Rande erwähnt. Doch nur so viel: ohne die 2% Umsatzplus im letzten Jahr, wäre das Jahresergebnis bei Mercedes anders ausgefallen. Der Konzerngewinn gen Null gewandert.

Auch die Produktpalette – bei Mercedes das A bis V – ist in diesem Zusammenhang mit Vorsicht zu genießen. Man muss nur den Gebrauchtwagenmarkt betrachten und sehen, wie diese Modellbreite bei den Kunden ankommt. Manche Buchstaben sind da recht selten außerhalb der Kataloge und Showrooms in der Realität zu sehen. Selbst in Ballungsräumen, wo die Statistik die Trefferquote erhöhen könnte oder sollte.

Natürlich muss man hier den weltweiten Absatz betrachten. Nicht alles, was hier wie „Bleiplatten“ bei den Händlern liegt, verkauft sich überall schlecht. Doch gibt es diverse Unterschiede.
Dann ist da die Frage zu stellen, ob Mercedes noch ein Einsteigermodell hat, wie es mal der 190er war und bei BMW die 1er-Serie geworden ist. Gerade auch im Hinblick auf die Finanzierbarkeit für Privatkunden. Vielleicht auch im Hinblick auf den „Rentnermercedes“, der früher einmal gut zum Umsatz beigetragen hat.
Mercedes als Konzern hat auch den Smart, aber mit dem originären Stern gibt es da nichts Vergleichbares. Schon gar nicht für Rentner, die ggf. einfach nur einen qualitativ hochwertigen – auch altersgerechten(!) – Wagen für den Alltagsgebrauch haben wollen. Dann auch mit dem Stern auf dem Kühlergrill.

Ein Problem, das aber durch die Bank bei deutschen Autobauern zu finden ist. Der VW-Konzern beispielsweise hat unter diversen Vorstandsvorsitzenden schon lange das Preissegment verlassen, dass mal namensgebend für den Hersteller war. Der heutige VW-Polo ist inzwischen so groß und vergleichsweise teuer, wie es einmal der VW-Passat war. Letzter ist der konzerneigenen Audi-Konkurrenz im Firmenkundengeschäft zum Opfer gefallen. Als Privatwagen schon lange nicht mehr finanzierbar.

Und diese Finanzierbarkeit fällt dem Autobauer nun doppelt und dreifach auf die Füße. Das Geld wird immer knapper, die hauseigenen Banken sitzen aufzunehmend risikobehaftete Kredite und bergen so selbst in sich eine mögliche Gefahr für die Hersteller.
Die Dieselkrise hat die Besicherungsgrundlage der Kredite ausgehöhlt, was man aber versucht vom Kunden fernzuhalten. Tatsache ist aber, dass der abstürzende Dieselrestwert über die Laufzeit schneller sinkt als im Kredit oder der Finanzierung kalkuliert. Ggf. Nachschusspflichten notwendig werden. Gerade dann, wenn BaFin und diverse Basel-Bankenregelungen plötzlich greifen. Automatisiert greifen. Letzteres wäre in der Rezession dann verstärkt notwendig.

Durch in Augenscheinnahme vor Ort kostet ein neuer C200 als Diesel ca. 60.000 EURO und ist nach einem Jahr nur noch knapp 30.000 EURO wert. Nur will dieses Fahrzeug keiner haben. Sie füllen die Parkplätze der Händler. Inzahlungnahme von Altdieseln führt zu steinernen Gesichtszügen bei den Verkäufern.

Was angeboten wird, ist die Möglichkeit den Altwagen zu einem absoluten Listenpreis (gern als Grundpreis bezeichnet) zu verkaufen und drei Wochen lang die Option zu haben, selbst einen Käufer für einen besseren Preis zu finden. Der Wagen kann dann beim Händler besichtigt werden. Diese drei Wochen entsprechen der durchschnittlichen Wartezeit, bis der Wagen dann beim Händler „aufbereitet“ und ggf. von ihm selbst angeboten wird. Oder auch an andere Händler abgegeben wird. Um den Parkplatz leer zu bekommen.

 

Der Dieselmarkt an sich, und der Diesel war auch bei Mercedes ein stets wachsendes Antriebssegment, im Sortiment, ist de facto zusammengebrochen. Die Ungewissheit für städtische Fahrverbote drückt massiv die Preise. Als Kunde ohne Altwagen bekommt man gerade traumhafte Preisnachlässe. Und wer mutig genug ist die Politik zu ignorieren, kann neue Diesel zu Spottpreisen bekommen.
Wie auch das Ausland sich gerade an deutschen Dieseln satt frisst. Die Dieselhalden wandern schnurstracks ins europäische Ausland ab. Gebrauchtwagen in den Nahen und Mittleren Osten, sowie Afrika. Das Geschäft boomt. Und auch hier mit exzessiven Preisnachlässen.

Das könnte man nun als gut bewerten. Ist es aber nicht. Denn es trifft die Händler, die von der Politik auf dem falschen Fuß erwischt wurden. Denn sie sind auch Kunden der Autobauer.
Alles was man im Showroom live stehen sieht, wurde von den Händlern so geordert. Als kaufmännische Entscheidung ihren regionalen Kunde dieses Fahrzeug zum Verkauf vorzustellen. So zusammengestellt wie der Händler glaubte es gut und schnell verkaufen zu können. Und der Diesel war dabei immer eine gute Entscheidung. War.

Auch hier gibt es verschiedene Modelle, wie die Autobauer mit ihren Händlern das Angebot vor Ort abrechnen, aber für viele Händler zeigt sich gerade, dass ihre Auswahl „Staub ansetzt“. Das vermindert ihre Möglichkeiten zur Rekapitalisierung bei laufenden Kosten.
Und in diesem Kostenblock sind neben den provisionsabhängigen Verkäufern auch die Werkstätten zu bedenken, die Autohäuser auch haben.
Zudem wurden im Rahmen der Bereinigung der Handelsniederlassungen in den letzten Jahren die überlebenden Händler gezwungen ihr Erscheinungsbild den CI-Richtlinien der Autobauer anzupassen. Nach (Konzern-) Marken getrennt anzubieten. Mit zum Teil völlig unterschiedlichen Erfordernissen. Das konnten sich nicht alle leisten. Das Händlernetz ausdünnen hieß es. Und die, die noch dick genug waren, hatten das zum Teil auch finanzieren müssen. Viele Händler sprachen hier von der bewussten Herbeiführung von finanziellen Abhängigkeiten zum Hersteller, denen man mit dem Kredit im Nacken nun margentechnisch ausgeliefert war.
Dies trifft die Händler nun mehrfach. Sinkende Umsätze, steigende oder zumindest gleichbleibende Kosten selbst in der Boomphase des Wirtschaftszyklus. Für eine beginnende Rezession nicht die beste Voraussetzung.

Und das spüren nun auch die Mitarbeiter. Erste Entlassungen sind ausgesprochen. Nicht bei Tarifbeschäftigten. Wohl aber bei den … anderen Mitarbeitern. Leiharbeitern. Befristet Beschäftigten. All denen, die für Flexibilität gesorgt haben. Den zigtausenden Beschäftigten, die oft auch den Betriebsräten mehr oder weniger egal sind, weil auch nur befristet in der eigenen (Mit-)Vertretungssicht verankert. Das ist böse ausgedrückt, aber leider viel zu oft wahr.
In der Zuliefererindustrie ist schon jetzt Unruhe zu verspüren. Ganze Projekte werden gestrichen Mitarbeiter entlassen. Zum Teil mit obskuren Begründungen. Egal, ob das Nemak, Bosch oder kleinere System-, Komponenten- oder Teilezulieferer sind. Hier wirken sich die reduzierten Vertriebserwartungen der Hersteller sofort aus.
Und das im Dreiklang von etwas, was die Mitarbeiter ohnehin schon fürchten:

– die unerlässliche Digitalisierung samt neuer Produktionsverfahren (z.B. 3D-Druck),
– dem demografischen Wandel und der Notwendigkeit immer länger arbeiten zu müssen, um eine auskömmliche Rente zu haben; nicht in Altersarmut abrutschen zu müssen und
– die Aussicht der Mitarbeiter der geburtenstarken Jahrgänge das ggf. am Ende ihres Arbeitslebens bei einer anlaufenden und vielleicht auch längeren Rezession schaffen zu müssen.

Der letzte Teil ist dann eine nicht nur persönliche Dimension. Ü50-Arbeitnehmer haben es schwer nach einer Entlassung wieder eine Arbeit zu finden. Das gilt für Autobauer, Zulieferer und Mitarbeiter in Händlerniederlassungen.
Und da Automotive eine deutsche Kernindustrie war und ist, sind hier durch eigene Managementfehler, ideologisch verklärte Willkür auf Politikebene und das Abzockerverhalten eines Abmahn- und Klagevereins mit fragwürdigem Hintergrund für viele Menschen samt Familien schlicht und einfach existenzgefährdend.
47! Beitragsjahre nicht „vollmachen“ zu können, wirkt gerade zum Schluss und der damit einhergehenden Rentenprogression nicht wie die sichere Rente, die einst Norbert Blüm verkündete.

Und so ist es wahrscheinlich, dass all diese aufgezählten Einzelfakten erst zusammen eine Wirkung entfalten, die in der Rezession prozyklisch wirken und kaum abgefedert werden können. Schon gar nicht durch politische Eingriffe in das System an sich, das eben durch diese Eingriffe bewusst, gewollt und sogar unterstützt destabilisiert worden ist. Zum Nachteil eines deutschen Kernindustriekomplexes, der Belegschaften und dem Verbraucher, der nun massivste finanzielle Nachteile hat.

Dass Mercedes hier nur der Stern dessen ist, was deutsche Innovationskraft, Ingenieurleistung und Wille zum Fortschritt zu leisten vermochten, soll sinnhaft aufzeigen, was uns allen von bildungs- und ausbildungsfernen Menschen angetan wurde. Wie unsere Autobauer bewusst diskreditiert wurden, der Kunde und Verbraucher zum Vorteil anderer um sein Vermögen geprellt wurde und wie eine ganze Generation von Arbeitern nun Angst um ihren Job haben müssen. Rechtzeitig vor der Rente.

Bertha Benz würde heute via Straßburg, Luxemburg, Brüssel nach Berlin fahren müssen. Mit ihrem damaligen Dreirad kaum zu schaffen, aber mit modernen Dieselfahrzeugen und richtiger Geschwindigkeit mit etwas mehr als einer Tankfüllung nun machbar. Und dass das geht, dafür steht der Name Mercedes sinnbildlich für die deutsche Autoindustrie. Autos gebaut von gut ausgebildeten und motivierten Facharbeitern, die durchaus in der Schule aufgepasst haben. Abschlüsse haben in dem was sie tun. Autos gebaut für Menschen, die genau wussten, für was sie ihr Geld ausgaben, das auch sie erarbeiten mussten. Fahrzeuge mit hohem Werterhalt.

Wenn „Made in Germany“ ein Logo hätte, dann würde es vermutlich der Mercedesstern sein. Kein deutsches Produkt ist weltweit bekannter als ein Mercedes. Nichts versinnbildlicht unsere Industrieleistung als Nation mehr als dieser Stern.

Wir werden in den nächsten Jahren einen Aderlass erleben, der in diesem Ausmaß hätte, verhindert werden können. Interessen, die sehr wohl auch individuell benannt werden können und in der Masse das ausmachen, was man da den eigenen Bürger nennt. Ein Bürger, der arbeiten will. Seine Rente erarbeiten will. Und stolz auf das sein will und kann, wofür er gearbeitet hat.
Mercedes ist so ein Produkt. Wie es unsere Automotive für unsere Wirtschaft an sich ist. Und die hier arbeitenden und zahlenden Bürger haben einen Anspruch darauf, dass es auch so bleibt.

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