Afrika

Mali wird zum zweiten Afghanistan

Zum Sinn und Unsinn vom Afghanistan wurde viel geschrieben, umfänglich berichtet und auch wir haben uns dazu geäußert. Immerhin war ich selbst zweimal für insgesamt 11 Monate dort.
In Kabul werden die Flugzeuge weniger. Man prüft gerade die Erfolgsliste der Evakuierung. Wie es aussieht, haben wir zwar 5000 Leute ausgeflogen, doch davon waren nur 101 Ortskräfte samt Kernfamilien, was dann ca. 500 ausmacht.


Klar. Ein paar hundert Deutsche waren es auch, aber mal ehrlich: dafür 100 Millionen ausgegeben? Nur für das Gewissen doch noch gehandelt zu haben, nachdem man im Vorfeld alle Zeit der Welt vergeudet hat?


Einhellig wurden in Presse- wie auch Expertenkreisen zahlreiche Punkte aufgezeigt, die das, was in Afghanistan über zwanzig Jahre lief, in einem anderen Blick erscheinen lassen. Klar war und ist: Es gab zu oft, zu lange und zu gern eine rosarote Brille bei der Bewertung der Fortschritte der Mission.


Eigentlich ist man sich nun einig, dass es gar keine Fortschrittskontrolle hat geben können, da es keine Ziele gab, an denen man den Fortschritt machbar, verlässlich und verifizierbar überhaupt hätte messen können. Traurig, aber leider wahr.

Man heuchelt gerade auf politischer Ebene herum und versucht dem Bürger und Wähler(!) zu verkaufen, dass das nie wieder passieren wird. Man nun Einsätze solcher Art nicht mehr ins Blaue hinein führen wolle. Man auch Exitstrategien haben wolle. Klar definiert, sauber geplant und dann auch geordnet ablaufend. Bekannte Sprechblasen mit Satzbausteinen, die jeder kennt. Tautologisch und daher an sich schon wieder wertvoll. Zumindest kommunikationswissenschaftlich gesehen.

Im Ahrtal wissen die Menschen, wie solche vorbereiteten Notfallpläne abgewickelt werden. Diese Menschen sind nun einen Schritt weiter als die Masse derer, die schon bald vergessen haben werden, dass da im Ahrtal noch einige Jahre lang nicht so alles rundlaufen wird. Oder was mal in Afghanistan passierte.

Betrachten wir also einmal den Afghanistan-Einsatz, seine „Kill-Points“ als multinationales Projekt und seine Geschichte. Dann vergleichen wir es einmal mit dem Malieinsatz, über den komischerweise keiner laut spricht.
Man hätte eigentlich erwarten können, dass man mal die Größe haben würde, auch diesen Einsatz hinsichtlich der nun diskutierten Lehren aus Afghanistan proaktiv zu bewerten! Proaktiv i.e.S. von „noch rechtzeitig“…


1.) Einsatzgrund


Das WARUM man dort ist, ist für militärische immer Einsätze grundlegend. In AFGHANISTAN war es der ausgerufene Bündnisfall Art. 5 der NATO. Die USA baten um Hilfe, als ihr Territorium von einer ausländischen Macht angegriffen wurde. Das war das erste Mal in der Geschichte der NATO, wo der Bündnisfall griff.
Folgerichtig war es unsere Bündnistreue die USA im Kampf gegen ihre Feinde zu unterstützen und unseren vertraglichen Beitrag zu leisten. Auch und gerade auch durch die jahrzehntelange Bereitschaft unserer transatlantischen Freunde UNS gegen den damaligen Ostblock beizustehen.
Das Gefühl war 2001 durchaus noch da, auch wenn es inzwischen stark ermüdet ist. Sachlich (Kriegsgrund: IRAK!) und emotional durch gewisse Einzelagierende auf der Politischen Bühne (Trump und seine Entourage).

In Mali sieht das anders aus. Die United Nations Multidimensional Integrated Stabilisation Mission in Mali (deutsch: Multidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali (MINUSMA) (HIER) hat keinen Bündnisfall als Ursache. Auch waren unsere nationalen Sicherheitsinteressen nicht berührt.
Die Bundeswehr ist seit 2013 in Mali vertreten. „Das erklärte Ziel besteht in der Bekämpfung von Fluchtursachen(!!). Die Bw engagiert sich logistisch, in der Aufklärung und in der medizinischen Versorgung. Neben dem Engagement innerhalb der MINUSMA beteiligt sich die Bundeswehr an der EU-geführten Ausbildungsmission EUTM in Mali“- so wird uns das von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. verkauft (HIER).
Richtig, es gibt sogar steuerlich geförderte Vereine zur Unterstützung der UN in Deutschland, die sich hier medial hervortun. Jeder Einsatz wird folgerichtig zum Kern-Geschäft diverser „Unternehmen“ samt zugehörige unterstützende Polit-Klientel.

Bei genauer Betrachtung stellt sich aber heraus, dass die von Frankreich im Lead geführte UN-Mission, durch Emmanuel Macron an Angela Merkel herangetragen wurde. Für politische Zugeständnisse in der EU-Politik, deren deutsche Alleingänge in den Euro-Stabilisierungsmaßnahmen zunehmend auf allgemeinen Widerspruch stießen.


Bis zu der Bitte des französischen Präsidenten gab es für uns kein Mali-Problem! Die nun propagierte Abwehr von Flüchtlingsströmen war 2013 auch nicht erkennbar. Schon gar nicht via Mali.
Die Flüchtlingsströme in Nordafrika entstanden im Zuge der Politik syrischer und nordirakischer Flüchtlinge, die vom IS Terror dort herrührten.

Ergo gab es auch keine Flüchtlingsprobleme, wie man nun gern überall liest, sondern ein Stabilisierungsproblem durch aufkommende islamistische Strömungen, die grenzüberschreitend bis Niger und Burkina Faso reichten. Also in das Interessengebiet von Frankreich und Belgien hinein, die ohnehin schon in Mali stark engagiert waren.
Eine französische Offensive trieb die unterlegenen Aufständischen in den Untergrund (ähnlich Algerien oder Afghanistan) und führte zu einem asymmetrischen Krieg ohne klare Grenzen und/oder erkennbare Gegner.


Daher reichte der 2012 angedachte Truppenansatz nicht mehr aus, zumal die UN-Truppen nicht zur Terrorbekämpfung in der Fläche ausgebildet waren.

2015 stellte eine Kommission fest, dass UN-Friedenstruppen NICHT für die Bekämpfung von Terroristen geeignet oder auch nur befähigt sind. Diese Erkenntnis überrascht nicht, zumal auch beim UN-Einsatz im Ost-Kongo ähnliche Ergebnisse sichtbar wurden.




2.) Aufgaben

Die UN listet folgende Aufgaben auf:

  • Sicherung des Waffenstillstands
  • Unterstützung bei der Umsetzung des Friedensabkommens
  • Schutz der Zivilbevölkerung
  • Stabilisierung wichtiger Bevölkerungszentren
  • Unterstützung bei der Wiederherstellung staatlicher Autorität
  • Unterstützung des politischen Prozesses und der Schutz der Menschenrechte
  • Unterstützung bei der Absicherung humanitärer Hilfe
  • Schutz des kulturellen Erbes und von Anlagen in Zusammenarbeit mit der UNESCO

Das waren auch die Punkte, die in Afghanistan nach dem anfänglichen „Sieg“ über die Taliban galten. In Afghanistan wurden noch der Wiederaufbau und die Installierung einer freiheitlich-rechtlichen Demokratie auf die Agenda gesetzt. Mit freien Wahlen und unabhängigen Gerichten.
Immerhin verzichtet man in Mali auf solche Ideen jeglicher Illusion. Man könnte sagen, dass man gelernt hat. Nur steht zu befürchten, dass das ohnehin nie eine Rolle gespielt hat. Mali war dazu zu abgelegen und generell zu unwichtig. Bei genauer Betrachtung ist Mali ein riesiger staubtrockener Sandkasten ohne jeden militärischen Wert an sich.



3.) Definierte ZIELE

Jedes Projekt hat ein Ziel. Egal was man macht, man definiert das Ziel. Man klärt den Startpunkt (IST-Zustand), definiert das Endziel (SOLL-Zustand), legt die Zwischenziele fest und ordnet diesen Punkten die Ressourcen zu, die im Rahmen einer en detail abgestimmten Gesamtplanung notwendig sind.
Wichtig ist dabei dann auch, bis WANN man sein Ziel erreicht haben will. Je schneller es gehen soll, desto teurer kann es werden.
Dieser Grundsatz gilt für die Organisation einer Gartenparty, einer Konzernfusion oder auch beim Aufbau von Staaten.

Das war in Afghanistan nie der Fall. Es gab kein klar definiertes Endziel, das bis zu einem wie auch immer gearteten Termin erreicht werden sollte. Ergo gab es auch keinen definierten Point of no Return. Einem Punkt, wo man das scheiternde Projekt noch verlustminimierend abbrechen kann, oder „alternativlos“ weitermachen muss. Auf Biegen und Brechen, weil es nicht mehr anders geht.
In Afghanistan wurde noch nicht einmal dieser Punkt festgelegt.  Man hätte ihn zeitlich definieren können. Bis 2000+X wollen wir hier weg sein.
Man hätte es an eigene Verluste koppeln können, was zynisch, aber machbar gewesen wäre. So wurde es zum Massengrab.
Man hätte es an Ressourcen koppeln können. Nur X-Milliarden wollen wir im Zeitraum von 2000+X ausgeben.
Man hätte es am Erreichen sozialer Punkte messen können. X Prozent aller Mädchen müssen eine Schulbildung haben. Es müssen flächendeckend Schule, Krankenhäuser und Verwaltungen da sein. Irgendwas. Aber das gab es auch nicht. Ein MEHR an was auch immer, war immer besser. Musste besser sein.
Oder wir wollen X- und Y-tausend Mann für Armee und Polizei ausbilden und ausrüsten. Auch das gab es nicht. Aber bis zu 20% pro Jahr desertierten und 69.000 fielen. Es gab also Spielraum für zusätzliche Ausbildung.

All das wurde in Afghanistan nie gemacht. Es war eine offene Spirale nach oben und ein Fass ohne Boden. Mali ist trotz aller Bekundungen nicht besser.

4.) Exit-Szenarios

Hier ist nicht der Punkt gemeint, an dem man sich entscheidet zu gehen. Hier geht es darum, WIE wir mit WEM alles und WIE gestaltet das Land verlassen, SOBALD wir gehen müssen. Proaktiv und ohne Zeitdruck, weil rechtzeitig veranlasst.
WAS wir alles mitnehmen und WAS wir zurücklassen und ggf. an WEN abgeben. Oder was wir zurücklassen, aber zerstören müssen, um es nicht in falsche Hände fallen zu lassen.

Wie wir sehen und nun auch sicher wissen, gab es solche Pläne nicht für einheimische Ortskräfte, die auf den Todeslisten unserer Gegner in Afghanistan standen.
Die Bundeswehr hatte Rückzugspläne für die Truppe ausgearbeitet. Das Auswärtige Amt hatte für die Deutschen im Land wohl keine besonders ergiebigen Pläne, die oberhalb des Qualitätsmaßstabs „Panik“ lagen. Keine Listen, keine Erreichbarkeiten und keine hinreichende Koordination.

Das Material von ISAF wurde mit Masse schon vor Jahren zurückgeführt. Von zwei Obristen im Generalstab als Koordinatoren sach- und fachkundig geplant und umgesetzt. Nichts Wichtiges blieb zurück.

Wenn wir für Mali nachfragen, wird es rein militärische Pläne zum Abzug geben. Doch alle anderen Punkte werden so dünn vorbereitet sein, wie das, was man nun in Afghanistan gesehen hat.

Warum das so zu unterstellen ist? Weil exakt die „Experten“, die in Afghanistan verantwortlich waren, auch die sind, die jetzt für Mali verantwortlich waren und sind. – QED!

Damit sollte klar sein, dass Mali jederzeit zum zweiten Afghanistan werden könnte. Sogar mit hoher Wahrscheinlichkeit. Denn anders als in Afghanistan unterstützen wir in Mali eine Regierung, die schon sein 2012 mehrmals geputscht hat oder wurde und selbst(!!) islamistisch ist.
In Mali geht es nicht darum islamistische Kräfte zu unterdrücken, die einen Scharia-Staat (Ansar Dine) errichten wollen, denn der existiert schon, sondern nur darum eine eher moderate islamistische Regierung im Amt zu halten.  Man nur zwischen Pest und Cholera zu unterscheiden sucht. Allein dafür sind wir dort.

Und all diese islamistischen Kräfte bekommen nun durch den Sieg der Taliban und den Rauswurf des verhassten „weißen Westens“ einen Aufwind, den diese UN-Mission bald spüren wird. Denn der mögliche Sieg auch in Mali ist greifbar. Erscheint nun machbar. Er ist erreichbar geworden!
Besonders weil da Europa unter sich ist. Ohne die USA samt ihrer Luftmacht und auch ihrem Willen diese unbegrenzt einzusetzen.

Dann ist da noch der unschöne Umstand, dass nun diverse Waffen reichlich zur islamistisch angehauchten Disposition stehen. Unter Brüdern mit dem gleichen Ziel.



Ergo wird es nur eine Frage der Zeit sein, wann (nicht ob) diese Mission am zunehmenden islamistischen Widerstand scheitern wird. Oder die Basis der Hilfe entfällt, weil die uns noch genehme Regierung aus dem Amt gejagt wird. Oder selbst zum Feind wird.
Letzteres ist möglich. So konnten die Taliban so schnell gewinnen. Durch Absprachen, Zugeständnisse und Druck auf die noch Herrschenden in Politik, Verwaltung und Sicherheitskräften!


Mit dem Fall von Afghanistan wird sich eine weltweite Sicherheitslücke öffnen. Der Islamismus wird erstarken. Wieder und nochmals erstarken, müsste man genauer formulieren.
Er wird den Kuba-Effekt haben, wie Kuba nach der Revolution, sein Gedankengut in andere Länder verbringen wollen. Mit Sicherheit in die Sahelzone Afrikas. Tschad, Nigeria, Senegal, Sudan und Somalia.


Dort wird der Islamismus wachsen und auf die südlichen nichtislamischen Länder oder Landesregionen übergreifen und sie zunehmend destabilisieren. Kenia und Tansania seien hier besonders genannt.

Generell aber überall dort, wo Menschen keine wirtschaftliche Existenz haben. Islamismus und Perspektivlosigkeit durch Überbevölkerung gehen Hand in Hand. Man lenkt den Schwarm der hungrigen Heuschrecken auf die noch grünen Plantagen der Nachbarn und verkauft es den Menschen als bescheidene Lösung im Diesseits und als ewiges Glück im Jenseits. Mittelalter pur! Weder Kreuzritter noch Jihadisten bauten jemals etwas auf!


Allein daher WIRD Mali scheitern. Und ohne klar definiertes Ziel und ohne schlüssigen und handwerklich exakten (Projekt)Plan muss Mali wie Afghanistan enden. Oder wie Vietnam. Oder wie das gesamte Kolonialreich von Großbritannien, angefangen in Afrika und endend in Indien.

All diesen Beispielen lagen genau zwei Sätze zu Grunde, die auch für uns für viele Lösungen hinreichend waren und immer wieder vorgebracht wurden:

Das reicht nicht. Nicht im Ahrtal. Nicht in Afghanistan.  Auch nicht in Mali… -SIC!

P.S.: Angela Merkel war zum letzten Mal 2013 zu einem Truppenbesuch in Afghanistan. Mali interessiert(e) sie auch nur am Rande. Für sie waren die Soldaten Mittel zum Zweck.

Als Interessenverband für alle Einsatzveteranen ist der Bund Deutscher Einsatzveteranen e.V. (HIER). Er ist Ansprechpartner und Anlaufstelle für alle Kameraden, die Hilfe brauchen. Es wird jedem, sofort und professionell geholfen werden, der durch seinen Dienst für die Bundesrepublik Deutschland zu Schaden kam.

Wir bitten unsere Leser um Spenden für die gute Sache und hoffen auf breite Unterstützung für die Kameraden!

Spendenformular HIER

Kostenloser Download des Erfahrungsberichtes eines traumatisierten Kameraden: Kunduz im Kopf

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