Bremen

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Am Bahnhof und wieder Thilo Sarrazin

Halbzeit in Bremen

Nur einen kurzen Weg entfernt von der Feuerwache, auf dem Bahnhofsvorplatz, sammelt sich eine schier unüberschaubare Menge von Personen, die sich vor den provisorisch, schnell installierten, karitativen Küchen anstellen.

 

 Tramstation Bremen Hauptbahnhof, kasaan media, 2010

  DSC01369 Medium

 

Rangeleien an der Suppenküche , kasaan media, 2010 


Zahlreiche Drogensüchtige, einfach arme Menschen, einige Obdachlose und andere, die durch das soziale Netz, der sich immer weiter verschärfenden Gesetzgebung, gefallen sind. Schiere, über Stunden im Alkoholexzess aufgestaute Aggressionen, die diese Menschen verständlicherweise einmal loswerden müssen, gipfeln in gegenseitigen Rangelleien und wüsten Beschimpfungen. Es wird Suppe ausgeschenkt, es werden auch belegte Brote und Obst angeboten. Entlang der Straßenbahnlinien, die nur ein paar Meter weiter verlaufen. Die mildtätige Hilfe jedoch kommt gut an, sie sind auch darauf angewiesen sind. Die versammelte Menge an der Suppenküche verteilt sich. Einer spricht mich an.
"Was machst du da?", fragt er, will für einen Fünf-Euro-Schein ein Interview haben.

 

 

"Die Gesellschaft hat den Raubtierkapitalismus der letzten Jahre erfunden und wir sind verloren!", geht er weiter, als wir ihm kein Geld geben.
Es hat sich Subkultur der Armut der ersten, sonst so reichen Welt gebildet.

Zum Gespräch findet sich niemand mehr.

Am Taxistand

Drei Iraner sprechen über das größte Glück in Frieden zu leben dürfen. "Hier in Deutschland!", lachen sie in die Kamera. Die kultig wirkenden Taxifahrer verfluchen die Zustände in ihrer Heimat in Teheran.

 

 

Sie finden das Buch, das Tilo Sarrazin geschrieben, hat oberflächlich, er hätte sich besser mal mit Mahmud Ahmadineschād beschäftigen sollen. Betonen immer wieder, dass das große, vorgelebte Unglück ihres Lebens Achmadinedschad ist, und dass dieser Herr weiter als Staatspräsident im Iran fungiert, existiert und weiter regiert. "Alle Menschen, die den Frieden lieben, die Freiheit suchen, finden Europa gut. Aber es ist nur ein Europa der drei Länder Frankreich, Deutschland, England."

"Rumänien sicher nicht!", witzelt einer der Chauffeure.
"Mehr gehören sowieso nicht dazu. Die anderen wären nur noch in der Währungsunion in Euro - Land. Und überhaupt regiert Angela Merkel sowieso Europa.
"Wer auch sonst?", fragt mich einer der Fahrer sarkastisch.

Der Wachmann Thorsten weiß nicht so recht, was er sagen soll. Er findet Europa ganz gut, aber nicht im Augenblick:
"Vielleicht später! Augenblicklich wird die wirtschaftliche Lage ja besser. Sein größtes Glück ist sein Kind. Aber er sieht es nicht oft, und im Übrigen aufwendigsten Job und dafür bekommt wirklich wenig Lohn. Thorsten befindet für sich, dass er ungerecht bezahlt wird. Wie ein Leiharbeiter. Er wünscht sich, dass alles wieder gerechter entlohnt wird, dass die Politik endlich mal wieder auf den kleinen Mann eingeht. Sarrazin sagt zwar wahre Dinge, aber völlig daneben!" meint er. Es ist ja auch ein anderes Europa, das Sarrazin meint oder sieht. Das der Reichen.

 

Fünf Mädchen erzählen von ihrer Klassenkameradin, die kurz nach dem Abitur für ein Jahr nach Ecuador gegangen war und dort verstarb. Die Mutter der Verschiedenen bittet intensiver um Spenden für die behinderten Kinder in dem südamerikanischen Land. Sie finden das Buch von Sarrazin schwer einseitig. Eine der hübschen jungen Damen berichtet über einen türkischen Professor aus Berlin, der mit einer Deutschen zusammenlebt, das finden sie total normal. "Wie Sarrazin geschrieben hat, darüber bin ich geschockt!", meint die eine. Die fünf Mädchen sammeln mit selbst gebackenem Kuchen und Teilchen für die Initiative behinderter Kinder in Ecuador, vertreiben diesen auf einem mitgebrachten Tapeziertisch, sitzen dort auch bei durchaus kühlem Wetter.

Kuchen für Ecuador, kasaan media, 2010

Ein Stück weiter meint ein deutscher Taxifahrer: "Sarrazin hat schon richtige Sachen geschrieben. Die Deutschen können nicht alles übernehmen, aber es ist viel zu krass geschrieben!" 

Das Geschäft läuft nicht so gut, warum sollte auch laufen?"
Sein Kollege will von der ganzen Sache nichts wissen, will von Europa nichts wissen von den Menschen in Europa.
"Die Geschäfte sind gut!", sagt die zufriedene Tabakverkäuferin.
"Europa ist solange gut, wie es mir persönlich gut geht!"

 

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Die Feuerwehr und die Stadtmusikanten

In der Feuerwache Mitte stöhnen die Brandwehrmänner über die Baustelle. Viele sind einfach in andere Wachen verlegt worden. Wir sprechen mit Paul, was ihn denn so bewegt, wenn er da vorne im Wachhäuschen der Wehr sitzt:
"Da wird viel zu viel Wind in der Presse gemacht über Sarrazin, über die verfehlte Energiepolitik der Bundesregierung."
Es klingt frustriert, politikmüde.
 

"Manchmal denke ich an die Europäer, wundert mich, dass  Frankreich die Roma deportiert ." Wo ist ein Platz für die Roma sein soll, weiß er auch nicht.
"Europa ist an sich gut."
 

Dann stockt er einen Augenblick.
"Jede Nacht sehe ich vor Ort, wie oft, das kann ich schon gar nicht mehr zählen, immer mit dem Rettungswagen auf Discomeile. Mein größtes Glück sind die Kinder. Mein größtes Pech im Moment ist, das fortwährend über Deutschland über die Regierung gemeckert wird. Sarrazin hat doch recht, wenn er sagt, dass er nur die, nicht Integrationsfähigen aus dem Land haben will… Niemand liest ein Buch, wo nichts drinsteht. Vielleicht ist das alles auch nur eine große Werbekampagne, um das Buch gut zu verkaufen …", läßt er seinen Gedanken einfach freien Lauf.
 

"Die Arbeitszeiten sind heftig bei der Feuerwehr!", meint ein anderer, der vorbei in das Gerätehaus geht.


Paul muss in der Nacht wieder fahren, mutmaßt: "Vielleicht gibt es wieder Ärger auf der Discomeile und vielleicht sehen wir uns ja während ihr eure Reportage schreibt."
Er wünscht uns eine gute Zeit, mit einem sympathischen Lächeln geht er zurück in sein Häuschen.
Wir fahren weiter.

 

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Das unscheinbare Bürogebäude am Schiffbauerweg in Bremen

 

 

Eine tägliche Momentaufnahme von März bis August 2009

(ma- EBE)

 

Zehrende Armut, soziales Elend und gern gezeigter Reichtum und funkelnder Luxus liegen in Bremen näher aneinander, als man vermuten mag. Einige hundert Meter entfernt, von dem glitzernden, mittlerweile auch krisenerreichten Konsumtempel des „Waterfrontcenters“, hinter wenigen Häuserschluchten, liegt an dem folgenden Gleiskörper, genau an der langen Überführung, über die Straßenbahnstation, ein unscheinbares Bürogebäude. Von diesen Bauten gibt es viele in der Republik. Fast sieht es aus  wie ein Finanzamt.

Ein Kind schreit im Arm seiner Mutter.

Vor der Eingangstür links platziert ein Standaschenbecher, hastig raucht das gemischte, noch wartende, zu früher Stunde versammelte Publikum, noch eine letzte, meist gedrehte, Zigarette.

 

Es ist kurz vor acht Uhr morgens, an einem ganz normalen Montag in Deutschland. Im Jahr 2009, 6 Jahre nach den vollmundigen Ankündigungen ehemaligen Kanzlers Gerhard Schröders, der so genannten „Agenda 2010“, den wirren Sozialideen des Peter Hartz „Fordern und Fördern“ und seinen damals neoliberalen bahnbrechenden Ideen zum vollkommenen Sozialabbau. Das seinerzeit gefeierte i-Tüpfelchen des politischen Zynismus, des absoluten Versagens eine passende, den Gesetzen angepasste Unterschicht zu schaffen. Bewusst wurde ein Teil des Volkes der uneingeschränkten sozialen Verelendung preisgegeben.

 

Eckard Lange, der stellvertretende Geschäftsführer der BaGIs Bremen, bezeichnete die Hartz 4 Reform unlängst im Februar in einer Radiosendung, als „ eine Reform, die Arbeit macht, und nicht schafft.“

 

Es ist Ende Mai, fast Frühsommer. Die ersten Sonnenstrahlen wärmen, aber graue, schnell ziehende Wolken verdunkeln den Himmel, werfen Schatten, verheißen Regen von Westen her.

 

„Hier kommt eigentlich nur her, wer seinen Lebensunterhalt, aus welchen Gründen auch immer, für eine Zeit lang nicht bestreiten kann“, erzählt eine ältere Frau tonlos.

Eine Andere starrt beschämt verlegen auf den Boden. Sie ist seit vielen Monaten arbeitslos, muss einen weiteren, vom Sachbearbeiter geforderten Antrag abgeben.

“Vorne an der Annahme, das reicht mir dann für den ganzen Monat.“, stellt sie bedrückt fest. „Ich zittere immer, wenn ich hierhin gehe.“

„Die waren doch selbst einmal Empfänger, die sind doch nur schnell geschult worden.“ meint ein junger Mann sarkastisch, mischt sich in das Gespräch ein, der seine selbstgedrehte, krumme Zigarette am Aschenbecher ausdrückt.

 

Hier sammeln sich die Empfänger von Arbeitslosengeld II in Bremen – West. Ganz normale Menschen, jeder hat ein, sein Schicksal, ein jeder überwältigende Sorgen. Einige zermürben die Sorgen ums Überleben. Machen systematisch krank. Die Antragssteller, auch Kunden genannt, bilden nunmehr eine lange Schlange. Es scheint, wie eine nicht enden wollende Karawane der Unglücklichen, der berechtigterweise Unzufriedenen, der Unseligen, wenige halten die mitgebrachten Papiere fest in der Hand, „Immer neue Formulare, immer neue Anträge, immer neue Ausreden.“ klagt ein anderer, etwa 50 Jahre alter Mann, über sein derzeitiges Leben. „Selbst, wenn man bescheiden lebt, ab dem 20. kannst Du hungern. Das wissen die auch. Ich habe erlebt, wie sie über uns Antragssteller gespottet haben. Das hat mir unheimlich wehgetan.“

 

Ein Streifenwagen fährt zufällig vorbei, betont langsam. Huppelt über den unebenen Fahrbahnbelag. Die Beamten sehen sich kurz um, fahren weiter.

 

Einer der selbstherrlich agierenden Sicherheitsbediensteten einer privaten, angeheuerten Firma sieht nach dem illusteren Publikum, das ihn an diesem Morgen erwartet. Mit ernster Mine versucht er von dem oberen steinernen Treppenabsatz aus, die ungefähre Zahl, der so genannten Kunden zu schätzen, zählt krampfhaft. Ein dazugekommener weiterer, farbiger Kollege in einer Art flott geschneiderter Phantasieuniform, geht ihm dabei zur Hand.

 

Nun ist es acht Uhr, sie geben den Weg eher widerwillig frei, vorbei an der Glaskanzel, die Treppe hoch, wo die Ordnungshüter sitzen, wieder zur Annahme. Eine unfreundliche, bestimmende Frau. Mitte 30, blickt demonstrativ genervt auf die Wartenden, die sich vor der Theke anstellen.

 

Der Eingangsbereich ist groß, wirkt überzogen, bedrückend, zwischen den billigen Stuhlreihen, aufgestellten Infoständern. „Das sind wertlose Alibibroschüren, damit die zeigen können, wir machen doch was. Die können gar nichts hier, nicht einmal richtig schreiben, “ sagt einer der Wartenden. „Führen sich auf, wie Paschas, wie als wären sie selbst besser, eben bessere Menschen.“ Andere drehen sich um, geben dem Mann Recht, eine Frau klatscht bitter lachend Beifall. „Woran das wohl liegt?“ fragt erklärt er weiter. „Das hier ist die schlimmste BAgIS in ganz Bremen. Kein Amt in Bremen ist ärger, die machen dich fertig, weil du lebst. Daran bist du schuld. Mann, die sind so abgewichst, das kannst du dir nicht vorstellen.“ Die Schlange bewegt sich träge weiter nach vorne, hier hat sich eine sich gegenseitig duzende Subkultur entwickelt.

Die Frau hinter dem langen Tresen ist sauer. Eine junge Mutter hat etwas gefragt. Die Sachbearbeiterin will oder kann nicht antworten. Schickt die junge Mutter nochmals sinnlos weg, scherzt danach albern mit einem dazu gekommenen, älteren Kollegen.

Schreit dann der Mutter unvermittelt hinterher, sie solle den Antrag noch mal schreiben. “Das kann ja niemand lesen, können Sie nicht deutlich schreiben?“ Jemand wird an den gegenüberstehenden Kopierer geschickt. „Kopieren Sie das mal, Sie wissen doch wie das hier funktioniert!“ Der allgegenwärtige Kommandoton ist grob, brüsk.

Die ersten Nummern erscheinen auf einem Digitaltableau über den Türen der allgemeinen Sachbearbeiter. Laut ertönt ein Gong, die ersten Türen werden geknallt.

„Hier wird nicht aufgerufen, sondern die Nummer angezeigt, dann "Eingetreten", “ erklärt eine ältere Dame im verschlissenen Trainingsanzug tonlos.

„Ein entmenschtes System der beabsichtigten sozialen Verwahrlosung, musst gleich zur AGAP gehen, die verarschen jeden hier.“ Der ehemalige Tischler ist zum vierten Mal wegen dem Antrag auf Umzug in eine andere Wohnung da, steht hinter der Dame. „Ich kriege für den Umzug eine Pauschale von 75 Euro, wenn ich Glück habe. Aber dann muss es auch gut sein, hat er (der Sachbearbeiter im dritten Stock) gesagt, beim letzten Mal, als wäre das eine besondere Gnade.“

“An kein Gesetz der Welt halten die sich hier.“ Stimmt eine junge Frau ein. „Hier verlierst du endgültig deine letzte Würde. Aber das wollen die ja, die wollen am Liebsten, dass du verreckst. Dann können sie dich aus der Kartei streichen.“

Eine zierliche Türkin steht weinend neben der Theke, die Sachbearbeiterin hinter Theke grinst sie an, blickt auf die Frau voller Verachtung. „Habe Kind,“ “Machen Sie einen

Antrag, schreiben können Sie ja wohl.“ zischt sie gewollt unfreundlich.

Die Frau mit dem bunten Kopftuch bettelt, die Dame hinter dem Tresen wendet sich dem nächsten Kunden zu. “Ja, sie nennen uns Kunden, das ist   besonders gemein, weil ich meinen Hund nicht so behandeln würde, wie die uns.“ schreit dieser nach kurzer Diskussion.

Eine andere kommt aus einem Büro gestürmt, Türen knallen, sie schreit „Nazi- Schweine, “ laut, es kommt Gemurmel auf. „Eh, das sind keine Nazis, “ ruft ein Mann von dem Computerterminal der Arbeitsagentur her, der Sicherheitsdienst ist sofort zur Stelle, baut sich bedrohlich vor der nunmehr Flüchtenden auf.

 

Im Internet erschienen kürzlich nette Anzeigen, „es wird umgebaut, „der Kundenverkehr ist nicht eingeschränkt, wahrscheinlich dauern die Umbaumaßnahmen in der BAGIS West bis Mitte März an.“ Alles Augenwischerei für die mittlerweile kritisch gewordene Öffentlichkeit Eine nervenzerreissend laute Handkreissäge läuft, ein kleines Kind im Wagen schreit auf, die Mutter weint, versucht. “Die geben mir wieder kein Geld, ich weiß nicht, wie ich mein Kind durchbringen soll. Die sind unmenschlich. Was habe ich bloß falsch gemacht?“ fragt die junge Mutter, fängt an zu weinen, lehnt sich dabei in dem Plastiksitz zurück, streichelt ihr Kind.

 

„Wenn du die anrufst, das Telefon ist meistens besetzt, oder niemand geht dran, wenn du mal jemanden erreichst, dann heißt es, sie haben keine Zeit.“

 

Der Datenschutz wird hier an dieser Theke nicht wahrgenommen.

Persönlichste, ganz intime Details müssen mit den beiden dort agierenden Sachbearbeitern erläutert, preisgegeben werden.

„Für alles werden schriftliche Anträge gestellt“, wiederholt die Angestellte noch genervter, schon aggressiv. “Persönliche Vorsprachen auf Terminabsprache hin.“

Es bildet sich eine demütigende Kultur der sozialen Entblößung, der systematischen, gewollten Erniedrigung, die die Antragssteller zur Aufgabe ihres Begehrens zwingen soll. Irgendwelche Paragrafen interessieren hier nicht. Eine andere junge Frau, um 20 Jahre alt, beklagt sich über den rüden Umgangston, weint leise, setzt sich wieder wartend zurück in den Plastikstuhl links außen.

 

Hartz 4 Empfänger sind an allem Schuld, sogar am Regen

„Post verschwindet regelmäßig aus der BaGiS, weder aus dem Briefkasten, oder auf dem Weg zu den Sachbearbeitern. Der Briefkasten war mal kaputt, da konnte jeder die Post rausnehmen. Hinterher machen die Sachbearbeiter die Antragsteller dafür verantwortlich und auch fertig. Haben sie endlich wieder einen Grund, dich fertig zu machen, danach suchen die doch,“ empört sich eine junge Frau.

 

“Der Sicherheitsdienst, der sonst immer gleich da ist, verfolgt uns bis auf die Damentoilette. Das sind aber Männer, ich gehe hier nicht mehr auf die Toilette, lieber mache ich mich in die Hose“, fügt sie noch kopfschüttelnd hinzu.

Auf die rüden Methoden des Sicherheitsdienstes wies schon am 14.08. 2008 ein Diskussionsforum hin, das die Methoden der BAGIS West im Schiffbauerweg als gelinde gesagt unmöglich bezeichnete.

Jegliche Kritik jedoch an dem System prallt ab, wird nachhaltig abgeschmettert, geändert hat sich in der Tat nichts. Eher verschlechtert, folgt man den Ausführungen der zahlreichen Betroffenen.

 

„Wolltest du einen Brief abgeben, hat der Sicherheitsdienst den verweigert. Der Typ hat dabei gegrinst, telefonierte mit irgendeinem seiner Freunde, ich konnte die Sprache nicht verstehen. Irgendetwas Afrikanisches. Der sagte frech, dass er von mir verlangte nochmals wiederzukommen.“

 

Der joviale, silbrigbärtige, gütig spielende Geschäftsstellenleiter B. macht allein die Berliner Politik achselzuckend, gleichgültig dafür verantwortlich.

Seine stets freundlichen, gut geschulten Untergebenen hätten so schrecklich viel zu tun, beklagt er –„Ich habe Mitleid mit allen, die hier arbeiten müssen.“. betont er. Da müsste jeder Antragssteller großes Verständnis zeigen, zurückstehen. Die so genannten Kunden sind an allem Schuld und wie gesagt die Politik. Er stellt seinen Sachbearbeitern einen Freibrief für schlechtes Benehmen und fehlende Umgangsformen aus, ganz zu schweigen. Zynische Beleidigungen sind der „freundliche Stil des gut geführten Hauses“ trinkt dabei genüsslich den dampfenden, frisch aufgebrühten Kaffee, lässt die Gesprächpartnerin dabei sitzen und zusehen. Am Liebsten droht unterschwellig, fragt ob man Beweise für eine Beschwerde hätte. Grinst mokant. Erblödet sich nicht einen ihm Journalisten, der vor der Tür mit Hilfeempfängern: “Die Empfänger würden dem doch alles erzählen, dafür gibt es schließlich Geld, das die gut gebrauchen“ Beliebig mahnt er mit Sanktionen an, sollte man sich über ihn oder seine Leute beschweren. Er sagt es nicht direkt, aber indirekt, man versteht ihn sehr gut.

Beschwerden über sein gut geschultes Personal stehen niemandem zu. „Aber das würde das Klima nicht wesentlich verbessern, zwischen dem antragsstellenden Kunden und dem Sachbearbeiter,“ versucht er nochmals diplomatisch eine mutmaßliche Rechtsbeugung durch eine weitere folgende nachhaltige Einschüchterung zu rechtfertigen. Gewöhnlich zieht das, die Beschwerdeführer kuschen. Das scheint das gewollte Konzept zu sein.

Ein eigens mitgebrachter Zeuge, wer auch immer, darf dem Gespräch, dem belehrendem Monolog des Geschäftsstellenleiters nicht beiwohnen, „Dann kann man ja nicht in Ruhe sprechen!“ versichert B. freundlich.

 

Der gesetzlichen Beratungspflicht kommt hier niemand nach, warum auch, wenn das methodische Tun und Handeln, nichts mehr mit irgendwelchem behördlichem Recht an sich zu tun hat oder haben muss.

 

„Dazu ist keine Zeit“, schnauzt der Sachbearbeiter im Annahmebüro barsch aggressiv. „Klären Sie das alles mit Ihrem zuständen Sachbearbeiter ab, wenn Sie ihren Termin haben. Das geht jetzt nicht. Gehen Sie!“ fordert er einen ratsuchenden Kunden auf. Hier von Kunden zu sprechen, die als illustre Nummern erscheinen, gipfelt den Zynismus, verletzt die Antragsteller noch mehr.

 

Willkürlich werden die Bezüge gekürzt, die 351 Euro monatlich, soweit herabgesetzt, bis nichts mehr zum Leben bleibt. “Gehen Sie zur Tafel, da bekommen Sie etwas zum Essen. Vergessen Sie den Euro nicht, den können Sie sich irgendwo leihen.“ „Wenn man nun niemanden hat, bei dem man sich den Euro leihen kann,“ erklärt eine andere junge Frau resigniert.

„Wenn Du Dich wehrst, dann erfinden die einfach was, oder wenn Du etwas anderes meinst als die, dann holen die die Polizei, zumindest drohen die Dir das an. Dann kuschst Du.“

 

Mitte Mai 2009. Ein langer Flur im Dienstgebäude der Arbeitsagentur am Doventorsteinweg in Bremen. Hinter einer der Türen im zweiten Stockwerk, hinter der bequemen Sitzinsel um die Ecke verbirgt sich die zentrale Beschwerdestelle der Arbeitsagentur Bremen. Sie ist resolut, durchaus freundlich, aber abweisend, wahrscheinlich nennt sie ihr verhalten ziel- und lösungsorientiert.

 

 

An diesem Morgen wird gefeiert, was bleibt dahingestellt. Eine Anspruchsstellerin, die der persönlichen Willkür einiger Sachbearbeiter in der BAgIS West ausgesetzt ist, wird, nachdem sie auf die im Büro der Frau L. kredenzten Torten und Kuchen, bei anheimelndem Kerzenschein blicken durfte, im rüden und barschen Ton, fortgesandt. Die Tür zur Feier derer geschlossen, die sich an sich dem Schicksal beschwerter BAGIS Empfänger widmen sollten. Die geplante Bürofeier scheint in diesem Moment wichtiger, vielleicht hat jemand Geburtstag.

Der Versuch einer Klärung bleibt fruchtlos. Spätestens da gibt jeder auf.

„Dabei ging es nur um einen sinnlosen Gutschein für einen Kühlschrank. Allen Ernstes hatte der zynische und menschenverachtende Geschäftstellenleiter B. mir empfohlen, unter Ermahnung, ich solle immer schön sachlich bleiben, in der Zukunft, mein gesamtes Kühlgut zu meinen Nachbarn zu bringen. Sicherlich würden die sich darüber freuen, witzelte er herum.“

 

 

Die junge Frau resümiert: „Danach bekam ich einen wertlosen Gutschein über 70 Euro, mein Sachbearbeiter Herr Jürgen N. nannte mir Märkte, wo ich angeblich neue Kühlschränke für diesen Preis erwerben konnte. Die haben mich ausgelacht. Die wollten noch zusätzlich Geld für den Kühlschrank haben, sagten den Zettel könnte ich in den Papierkorb werfen, der wäre nichts wert.“ Beim 20. Händler hatte sie dann endlich Glück, aber dieser gab ihr den Kühlschrank, auch eher nur aus tiefem Mitleid.

Resigniert verabschiedet sie sich kurz darauf. Läuft in eine unbestimmte Zeit, ist auf das Wohlwollen einiger völlig inkompetenter und despotisch agierender Beamter angewiesen.

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„Lummerland“ ist schon vollkommen abgebrannt

" Lummerland “ ist schon vollkommen abgebrannt Impressionen einer sinnfreien, absurden Demonstration Autonomer und anderer im Vorfeld zu den Festlichkeiten des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung Deutschlands in Bremen „Hauptsache es knallt!" Das war der viel geäußerte, eigenpropagierte Anspruch, mit dem die meisten der fröhlichen Demonstrationsteilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet angereist waren. Nein, sicher war es kein Tag für die Nation, auch kein Tag für Deutschland, aber auch kein Tag für die Demonstranten, deren entstelltes Motto man nur so verstehen konnte. Sah man genauer hin. Was zunächst als besonders autonom, eigenständig und sicherlich von aggressivem, zum Teil auch gewaltbereitem Potenzial geprägt schien, entwickelte sich bis zum Ende des Marsches durch die gesperrte Bremer Innenstadt zur völligen moralischen und politisch aberwitzigen Bankrotterklärung. Diese, mit hohen Ambitionen an das restliche, moralisch so abseits stehende, Volk im Jahre 20 nach der Wiedervereinigung Angetretenen, konnten außer wirren, überholten Ideen des gescheiterten Marxismus und dessen Auswirkungen keinerlei deutliche Botschaften überbringen. Die etwa 2.000 Demonstranten sammelten sich nur widerwillig inmitten einer Menge, wie zahllose römische Kohorten in loser Schildkrötentechnik, angetretenen Polizei-Armada auf dem Bahnhofsvorplatz an diesem doch so trüben, kühlen, ja herbstlichen Samstagnachmittag. Erinnerten sich die gut trainierten, wachsamen Einsatzkräfte noch lebhaft an frühere Auseinandersetzungen mit augenscheinlich Linksautonomen. Noch war die Stimmung gut auch die weiteren grundgesetzlich verbrieften Rechte, Ordner zu bestellen, die nochmals von der Polizeieinsatzleitung angemahnt wurden, ergossen sich in strategielosen, wüsten Beschimpfungen des gesamten Staatsapparates. Es schien, als kannte man sich. So wurden also die Spielregeln der Demo erläutert, mit lakonischem Unterton die Auflagen insgesamt verlesen. Hernach nährte sich der von allen Beobachtern lang erwartete Moment immer zäh fließender, als der Zug endlich mit in schwarz Vermummten, von schick, kunstvoll Bebarteten, Licht- und Kamerascheuen und einigen Anderen, die sich hinter sinnlos bemalten Plakaten verschanzten, loszog. In diesem Moment, sich wie eine, der Polizei widerstreitende Macht, ballte. Inmitten vieler, die schon während der allseitig, durch den lauten Beat begleiteten Vorbereitung zu der Demonstration mit mitgebrachtem Bier oder Wein feierten. Eine feindselige, herausfordernde Politik des kollektiven, beständigen Trotzes gegen Alles, einen Jeden und schlussendlich Überhaupt propagierte. Lediglich konnten sich viele der Teilnehmer für den überholten Geist des gescheiterten Kommunismus nachhaltig erwärmen. „Nieder mit Deutschland!“, tausend, nach einiger Zeit, heisere Kehlen, begannen den Protest spät. Nach sinnlosen, endlos erscheinenden Diskussionen mit der Polizeiführung. Die versuchte möglichen, später nicht mehr kontrollierbaren Gewaltausbrüchen der so genannten Spaßguerillas sofort die anfängliche Spitze zu nehmen, sah sich zunehmend dem Defizit der Demonstrationsteilnehmer ausgesetzt, sich an die grundgesetzlich festgelegten Spielregeln einer geordneten Demonstration zu halten. Das war auch nicht beabsichtigt. Repressionen der Polizei wurden über eine scheppernde, quäkende Anlage auf einem der Lkw´s erklärt, bevor die ob der vorgetragenen Anschuldigungen verwirrten Polizeikräfte überhaupt etwas sagen konnten.

Hauptsache es knallt! Das Motto der Versammlung stand als Strategie fest, wurde wie stetiger Tropfen höhlt den Stein transportiert. „20 Jahre Wiedervereinigung: Es wächst zusammen, was zerstört gehört!“,rief, grölte die aufgepeitschte Menge diese Worte, die sich wie eine windenden Schnecke weiterbewegte. „Anticapitalista!“, dann. Ließ die Hoffnung aufkeimen, auf ein wenig mehr revolutionären Geist, zwischen wahnwitzigen, mit vergangenen Theorien des Kommunismus, versehenen Flugblättern wieder kurzzeitig aufleben. Dazu mengte sich die eingetroffene, relativ erstaunte Weltpresse, die wegen der diesjährigen Festlichkeiten zum 3.10. 2010 in Bremen, neugierig auf die Demonstration derer war, die zuvor im Internet mit zahlreichen Aufrufen für erhebliche Gewalt geworben hatte. Aus den Jahren zuvor bekannte, sinnlos gewalttätige Brandanschläge auf Ziele der allgemeinen, zum Teil unbändigen Wut, ausgemachte Müllcontainer oder wie in Hamburg, 2009, gleich, brennende Fahrzeuge. Allerlei verzweifelte Sabotageakte folgten, zerstörte Schaufenster und militantes Graffiti wurde hinterlassen. Das erklärte Ziel, derer, die wie scheinbare Paramilizionäre auftretenden Versammlungsteilnehmer war das durch sichtbare, spürbare und chaotische Randale Aktionen gegen den verhassten deutschen Staat in unmittelbare Erscheinung zu treten. Das deutete nur die Ohnmacht an, da, außer der systematischen Zerstörung der möglichen, staatlichen Lebensgrundlage von 85 Millionen anderen Menschen, nichts zu den drängenden Problemen unserer Zeit hinzufügen zu war. Dem Bremer Demokratieverständnis war diese seltsame Zurschaustellung einer „Null- Bock auf Nichts- Vereinigung“ mit ewig gestrigen, von der Gesellschaft eines ganzen Volkes abgelehnten Werten des real existierenden Sozialismus fremd. Es wurden die Werte agiert, deren revolutionäres Ende in der DDR, 20 Jahre zuvor, stattgefunden hatten, sich nach historischem Verständnis in einen zynischen Spitzel- und Priviligiertenapparat so schnell wandelte, wie er aus den Trümmern des der Hitler-Diktatur entstanden war. Allgemeines Recht auf freie, verbriefte Meinungsäußerung verkam schnell zu einer Groteske auf die Demokratie ohne Realismus und nötige politische Mission. Alleinig gegen den vorexerzierten, sicherlich unsäglichen Weltschmerz einer ganze Klasse, Masse. Diese hatte sich mit fast 70- minütiger Verspätung, wie ein martialisch anmutender Zug zur allgemeinen und gewohnten Abrechnung mit dem staatlich etablierten und kollektiven System der Demokratie in Bewegung gesetzt. Stockte dann aber wieder. Dieser suchte dann in der aufdringlich gestalteten, zangenartigen Präsenz, der zu keiner Zeit unentschlossen aufmarschierten Polizeikräfte, die nötige, selbst erhaltende Entschuldigung für ihre rastlose, hektische Ideenlosigkeit, für eine eher desillusionierende Orientierungslosigkeit einiger. Oder sollte es an diesem Nachmittag in Bremen tatsächlich, wie auch zuvor in Stuttgart, sinnvollen Widerstand gegen eine unnachgiebige Politik des Kapitals einiger Weniger, der politisch gewollten, disozialisierenden und kaltschnäuzigen Art des Staates im Umgang mit der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland geben? Nein, wer dies erwartete, vergaß das jugendliche Alter und die zum Teil kruden Weltvorstellungen derer, die gekommen waren. Viele der aktiven, offensichtlich unermüdlichen Teilnehmer der Demonstration hatten die DDR physisch überhaupt nicht mehr erleben können, weil es sie schlichtweg nicht mehr gab. Wie ein Teil des Volkes friedlich, mutig und entschlossen, die Politbüro-Riege stürzte. Deshalb entging denen, die die damaligen Verhältnisse forderten, die den Kommunismus, wie ein wegweisendes Licht aus dem Dunklen, dieser Tage zugetan waren, auch die Symbolik dessen, was sie einer Nation, einem Staat wie Deutschland verdankten.

Inmitten der Demonstration, kasaan media, 2010

Die Freiheit so zu demonstrieren. Es folgte ein absurdes Treiben von selbst erklärten anti-nationalen Radikalen, von Linken und Splittergruppen oder Grüppchen, die etwas von einem schwellenden Staatsbankrott und einer lange von ihnen erwarteten Systemkrise skandierten. Ehe die eigenen, hinter bunten Bannern versteckten, aktiven Anheizer und Scharfmacher wieder zu anderen verbalen Kriegserklärungen in dem definierten Schlachtfeld der "Pflastersteinguerillas" nimmermüde antrieben. Daneben wurden zahllose, durchaus fantasievolle Farbattentate geplant, nach so genannten Schlafplätzen innerhalb der mobilisierten Massen gesucht. Eine, von einem riesigen, über die Maßen teuren Polizeiaufgebot begleitetes Feld, der eher die Lust nach Volksfeststimmung entsprang, fühlte sich persönlich beleidigt, weil die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Auftritts und die Absicht die Angst vor dem so genannten „Schwarzen Block“ zu schüren, unterging. In den ersten Regentropfen vom Pflaster gespült wurde. Es ging nicht um die, sicherlich oft ungerechtfertigte Abschiebung von Asylanten, nicht um die sicherlich häufig willkürlich beschnittenen Rechte von Minderheiten, den Austritt aus der sicherlich ungeliebten NATO, sondern, es ging um dezidierte, gut geplante Selbstdarstellung einer profillosen, perspektivlosen Jugend, die sich suchte, wie zu allen vorangegangenen Zeiten, zu erklären. Diese Jugend empfand es als cool, Journalisten zu treten, die berichteten, fotografierten, Passanten als „Arschlöcher“ zu bepöbeln und aggressiv weiter zu skandieren.

 

 Das staatliche Auge, kasaan media, 2010

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